Wolgast - Jedes Mal, wenn Lars Bergemann in sein Büro geht oder es verlässt, kommt er an zwei Plakaten vorbei. „Bundeswehr raus aus Afghanistan!“, steht auf dem einen, „Kriege töten“ auf dem anderen. Es sind Glaubenssätze der Linkspartei. Bergemann ist Mitarbeiter einer Landtagsabgeordneten der Linken in Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem macht er selbst Politik, als Chef einer Fraktion von acht Stadtvertretern in Wolgast. Bergemann ist hier geboren und aufgewachsen.

„Hallo, Lars“, rufen die Leute, wenn der 41-Jährige durch die sanierten Altstadtgassen spaziert. Die Wolgaster kennen ihn, und er kennt sie, oft mit Namen und Beruf. In einer 12.000-Einwohner-Stadt sollte es ein Volksvertreter so halten. Schon als Heranwachsender hatte Bergemann sich für Politik interessiert. Für ihn hieß das: für die SED. Nach der Wende verlor er erst einmal gründlich die Orientierung. Seit 1999 macht er nun Kommunalpolitik, „da kann ich mich ausleben.“ Er hat die Interessen seines Wolgaster Volkes zuletzt ziemlich konsequent vertreten, besser als die Linie seiner Partei.

Verstoß gegen einen Glaubenssatz

Bergemann hat gegen den Glaubenssatz verstoßen, der vor seiner eigenen Bürotür hängt. Er hat sich gefreut, dass ein Rüstungsauftrag für die Peene-Werft, einer der wichtigsten Arbeitgeber in Wolgast, wohl für Jahre Arbeitsplätze sichern wird. Er hat das nicht klammheimlich getan, sondern seine Freude öffentlich gemacht in einer Pressemitteilung. Zum Ärger seiner Genossen.

Was Bergemann getan hat, findet Jan van Aken falsch, „wirklich schändlich.“ Aus seinem Bundestagsbüro in Berlin geht der Blick auf die Baumkronen Unter den Linden. Van Aken, 53, ein Hamburger, promovierter Biologe, war bis vor kurzem stellvertretender Vorsitzender der Linken. Er ist ein Mann der Prinzipien. Auf dem letzten Parteitag ist er nicht mehr angetreten für den Führungsjob, weil er mehr Zeit haben wollte für sein Thema: Abrüstung. Er hat die Kämpfe der westdeutschen Linken allesamt mitgekämpft. In Gorleben gegen Atomkraft. Mit Greenpeace gegen Gentechnik. 2007 wurde er Mitglied der Linkspartei, 2009 des Bundestages. Diese Legislaturperiode ist seine letzte, hat er angekündigt. Schon zwei seien viel zu viel, „weil es die Realitäten verdreht“.

Auf seiner Internetseite gibt es ein Foto, er posiert vor einem Plakat: „Waffenhandel stoppen!“ Es gleicht den Glaubenssätzen aus Bergemanns Büro, aber van Aken hat selbst gesehen, was Waffen anrichten. Vor kurzem war er im Norden Syriens und hat bekannt gemacht, dass dort Raketen aus deutsch-französischer Produktion eingesetzt werden. Er war Bio-Waffen-Inspektor der Uno. Er hat vor zwei Jahren Saudi-Arabien besucht, einen der besten Kunden deutscher Waffenfirmen.

Seltene Erfolgsgeschichte

Die Genossen Van Aken und Bergemann liegen im Streit. Es geht um Fragen von Krieg und Frieden, ums Prinzip, und darum, was man sich das kosten lassen darf. Über mehr kann man in der Politik kaum streiten. Vor allem nicht in der Linkspartei, die sich als einzige Friedenspartei im Bundestag versteht. Von den Kriegskrediten für den Kaiser 1914 bis zum Kosovo-Krieg 1999 sind nicht wenige linke Parteien an solch einem Konflikt zerbrochen.

Der Auslöser des Konflikts findet sich in zwei riesigen himmelblauen Werkhallen am Peenestrom in Wolgast, keine 300 Meter von Bergemanns Büro. Auf der Peene-Werft werden seit 1948 Schiffe gebaut, seit mehr als sechzig Jahren Kriegsschiffe. Zu DDR-Zeiten arbeiteten hier 4 000 Leute. Bergemann weiß noch genau, wie beeindruckt er als Junge war, wenn er vor dem Tor auf seinen Vater wartete, einen Ingenieur, und mit ihm die Masse an Schichtarbeitern herauskam. Auch nach der Wende gingen die Geschäfte lange gut, die Peene-Werft war eine der seltenen Erfolgsgeschichten. Dann aber kam die Schifffahrtskrise. Am 29. August 2012 sah es so aus, als wäre alles vorbei. Die Werft ging in die Insolvenz.

Kein Schiffbau in Wolgast mehr – das hätte 486 Arbeitsplätze gekostet. So viele Menschen arbeiteten damals nach Angaben des Betriebsrats auf der Werft. Und bei Zulieferern – fleißigen Gewerbesteuerzahler – wären Hunderte Arbeitsplätze gefährdet gewesen, Metaller, Maler, Tischler, Elektriker. In Wolgast liegt die Arbeitslosenquote schon in guten Monaten über 16 Prozent. Alternativen zur Werft gibt es nicht. Und an fast jedem Job hängt eine Familie.

Den Wolgastern muss es wie ein Geschenk vorgekommen sein, als im Mai 2013 die Bremer Lürssen-Gruppe die Peene-Werft übernahm. Die Aussicht auf einen dicken Auftrag brachte sie gleich mit. Anfang 2014 gab Lürssen bekannt, das Unternehmen werde für Saudi-Arabiens Küstenschutz bauen. Über Zahlen und Details schweigt es. Medien zufolge geht es um Patrouillenboote für 1,4 Milliarden Euro. Dass es sich um Kriegsgerät handelt ist klar, weil der Bundessicherheitsrat über ihren Export entschieden hat. „Die Produktion wird voraussichtlich auf der Peene-Werft in Wolgast ausgeführt“, hat Lürssen erklärt. Schnellboote sind seit Jahrzehnten eine Wolgaster Spezialität.