Ach, die Missverständnisse. Sie verfolgen den Kanzlerkandidaten der SPD, und Peer Steinbrück folgt der selbst gelegten Spur, wohin er auch kommt. Am Sonnabend kam er nach Halle an der Saale, und auch dort wartete schon ein rhetorischer Fehlgriff darauf korrigiert zu werden, ein Missverständnis, das ausgeräumt werden musste. Gelungen ist ihm das nur bedingt. Aber so ist das, wenn man sich ständig und überall rechtfertigen soll.

Nein, sagte Peer Steinbrück, er habe keineswegs alle Ostdeutschen in einen Topf werfen wollen, als er der Kanzlerin vorhielt, ihre Europapolitik sei leidenschaftslos und distanziert, weil sie im Osten sozialisiert worden sei. Und schon gar nicht bedeuteten seine Ausführungen zu Angela Merkels Politik, dass alle in Ostdeutschland Geborenen eine Distanz zu Europa hätten. „Ich bitte, mich auch in diesem Sinne nicht misszuverstehen.“ Man möchte das gern, schon um Peer Steinbrück einmal richtig zu verstehen.

Sie hätten sich nie unterkriegen lassen, die Ostdeutschen. Sie könnten zupacken, zusammenhalten, Solidarität üben, Probleme gemeinsam meistern und ließen sich nie entmutigen, lobt der Kanzlerkandidat deshalb vor seinem ostdeutschen Publikum. Ein bisschen viel Honig – die Autorin bittet darum, sie in diesem Sinne nicht misszuverstehen – dafür ganz wenig zur Sache, zu Europa. Europa, die EU in ihrer jetzigen Form, gäbe es nicht ohne die Osteuropäer, zu denen Steinbrück getrost auch die Ostdeutschen zählen darf.

Peer Steinbrück habe vom Osten keine Ahnung, wirft Gregor Gysi ihm vor. Die Sehnsucht, Europäer zu sein, sei unter den Ostdeutschen besonders groß gewesen. Nun ja. Die Sehnsucht nach Freiheit trifft es wohl eher, der Wunsch, sich als Europäer unter Europäern bewegen zu können. Die Sehnsucht nach der politischen Institution Europa dürfte sich 1989 eher in Grenzen gehalten haben, zumal man kaum herbeisehnen wird, was man nicht kennt, nicht kennen konnte.

Dass die Sehnsucht kaum größer geworden ist, mag daran liegen, dass von der Idee Europa nur die gemeinsame Währung geblieben ist. Von einem Europa, das nicht nur Binnenmarkt und Eurozone ist, war schon lange nicht mehr die Rede. Bei Angela Merkel ebenso wenig wie bei Peer Steinbrück.