Am Montag war ich in Dresden. Schau Dir den Zirkus an, sagte ich mir und saß schon im Zug in Richtung Prag von Berlin aus. Es war ein grauer Tag, feiner Nieselregen in der Hauptstadt, der einen nach und nach durchweicht. Auf der Fahrt war eine Landschaft von ocker bis schwarz zu sehen, hin und wieder grüner Flaum auf den Feldern, in der Ferne mal ein Kirchturm, mal ein Sendeturm, mal tragen Masten Energie durch das Land. Dann Hügel am Wegesrand, es wurde dunkel, glitzernde Lichter auf der schwarzen Elbe, Dresden war da und der Regen weg.

Ich fiel nicht weiter auf. Der durchschnittliche Pegida-Demonstrant schien mir um die 40 Jahre alt und ein Mann, so wie ich. Er trug keine Springerstiefel, keine Bomberjacke und keine Glatze auf dem Kopf. Hier und da gab es auch jüngeres Publikum, hier und da auch Frauen, aber vor allem eben erwachsene Männer mit Deutschlandfahnen in der Hand. Es hätte auch die Fanmeile sein können – Deutschland, Deutschland –, aber auf der Fanmeile sind die Frauen zahlreicher gewesen und das Wetter besser.

Die Männer redeten, während sie auf die Redner warteten. Einer sagte, wir hätten keine Demokratie, oder vielleicht hätten wir doch Demokratie, aber nur technisch, nicht inhaltlich, und es würde schwer werden, die etablierten Politiker loszuwerden, vielleicht wäre Gefängnis eine Lösung, vor allem für den Gauck. Ein anderer sagte, er habe mit Ausländern kein Problem, er würde auch Döner essen und zum Griechen gehen, aber alles hätte seine Grenzen, wenn die Ausländer unsere Kultur verändern zum Beispiel. Dann sprach Bachmann, leader of the gang, und stellte Forderungen.

Zwischendrin skandierte das Volk auf dem Platz, es sei das Volk der Republik, und ich gehörte nicht dazu, denn je suis Lügenpresse, n’est-ce pas, und kaum einer trug Trauerflor für Charlie Hebdo. Dann wurde losgegangen. Die Männer, die an mir vorüberzogen, sahen aus, als wären sie mit schweren Lasten beladen und wahrscheinlich waren sie das auch. Das Haus muss abgestottert werden, das Auto ist auf Raten gekauft, die Versicherung will nicht zahlen, Hartz 4 ist keine Antwort: Und niemand hört mich, und niemand sieht mich.

Die Argumente auf den Plakaten bewegten sich munter von links nach rechts, der kleinste gemeinsame Nenner schien die Feindschaft gegen die Religion: „Lieber zu Fuß mit Pegida als auf Knien nach Mekka“ stand auf einem Schild, der alte Ton-Steine-Scherben-Gassenhauer „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ war zu sehen neben „Multikulti tötet“ und „Kein Krieg mit Russland“ und „Schluss mit Kapitalismus“. Die Straßen waren breit, für Aufmärsche gemacht, 1. Mai-Paraden mit dem 1. Sekretär, aber jetzt steht der Muselmann vor den Toren der Stadt.

Robust wurde es, wenn die Menge auf Gegendemonstranten stieß. Die waren halb so alt und doppelt so weiblich und riefen „Eure Kinder werden wie wir“. Manchmal lachten die Pegida-Menschen darüber, manchmal schrie einer: „Halt’s Maul, du Fotze“, dann skandierten sie wieder „Wir sind das Volk“ und wollten recht haben. Irgendwann hatte ich genug von der sächsischen Parallelgesellschaft und setzte mich in ein Café. Ein Freund schickte eine SMS aus Berlin: „Der Islam mag zu Deutschland gehören, Dresden eher nicht“. Inschallah.