Dresden - Frank Richter ist derzeit der am meisten gefragte Mensch in Dresden. Gerade hat er dem türkischen Fernsehen Fragen beantwortet, nun sind Journalisten aus den USA und den Niederlanden bei ihm. Frank Richter, ein Dresdner Theologe und ein Held aus den friedlichen Revolutionstagen vor 25 Jahren, soll der erstaunten Welt erklären, was los ist in seiner Heimatstadt mit all ihren Pegida-Aufmärschen und dem Gebrüll und Geschrei jeden Montagabend. Der 54-Jährige macht das, gründlich und auch durchaus mit Humor. Oft sagt er auch nur: „Vieles ist auch nicht erklärbar.“

Es war die zwölfte Kundgebung. Wieder wurden Tausende erwartet. Pegida hatte angekündigt, einen Trauermarsch für die in Frankreich ermordeten Karikaturisten von Charlie Hebdo abhalten zu wollen. Trauerflor sollte getragen werden für die Opfer in Paris und die Opfer der Boko-Haram-Mörderbanden in Nigeria. „Pegida verschwinde!“, hielten am Montag französische Karikaturisten dagegen, die sich nicht von den Dresdner Wutbürgern vereinnahmen lassen wollten.

Ins Gespräch kommen

Wie das denn zusammengehe mit dem Geschimpfe über die „Lügenpresse“ in Deutschland und Europa, wird Richter gefragt. „Das kann ich nicht sagen“, antwortet der Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. „Wir ringen ja auch noch mit dem Verständnis.“Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hatte am Montag eine Antwort. Er warf Pegida vor: „Ihr seid alle Heuchler.“

Seit Oktober zieht die islamkritische Bewegung mit immer mehr Anhängern durch die Stadt, vor einer Woche waren es 18000. Pegida spricht mit fast niemandem. Mit der AfD im Sächsischen Landtag gab es zwar einen kurzen Meinungsaustausch, aber man vereinbarte keine Zusammenarbeit. Pegida behauptet immer, der etablierten Politik auf die Füße treten zu wollen, was ja auch gelingt. Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich schwitzt Blut und Wasser in diesen Tagen, weil er die Machtbasis der CDU erodieren sieht und nicht weiß, wie er das Phänomen Pegida zu fassen kriegen kann.

Aber nebenbei tritt die Bewegung selbst auf der Stelle. Ihre Organisation ist nun geklärt: Pegida ist ein Verein, der nun auch noch als gemeinnützig anerkannt werden möchte, was steuerlich interessant wäre, wenn es um Spenden geht. Ansonsten herrscht tosender Stillstand und die Aggressivität nimmt unübersehbar von Montag zu Montag zu. Beim Treffen vor einer Woche wollten Hooligans aus dem Pegida-Aufmarsch in die Reihen der Gegendemonstranten, um dort herumzuprügeln. Polizeiketten verhinderten das.

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Mittlerweile gab es zwölf Kundgebungen von Pegida – und nicht nur der Dresdner Richter ringt immer noch um das Verständnis. Auch aus der Politik nichts Eindeutiges: Kanzlerin Merkel rät den Leuten, nicht mitzugehen. Die sächsische CDU/SPD-Landesregierung aber will mit Pegida ins Gespräch kommen – dabei werden seit Wochen alle Angebote der Staatskanzlei kühl ignoriert.

Es wird ein hartes Stück Arbeit, die Verhärtungen zu lösen, falls das überhaupt noch gelingen kann. Frank Richter, der mit Briefen – wohlmeinenden, wütenden, hasserfüllten – überschüttet wird, arbeitet gerade an der Vorstufe eines möglichen Dialogs. Vor einer Woche lud er Briefeschreiber ein, stellte einen viereckigen Tisch in die Mitte – und los ging es.

Jeder durfte eine kurze Zeit Dampf ablassen, sein Herz ausschütten, schimpfen wie ein Rohrspatz. Was auch immer. Dann der nächste. Nur Monolog, kein Dialog. Also erzählte die Muslimin von ihren Ängsten, der Rentner vom Lande schimpfte über die Verwaltung, die ein Flüchtlingsheim ins Nirgendwo knallte, ohne mal die Leute zu fragen. „Es war ein Anfang“, sagt Richter. Ob irgendetwas bewegt wurde oder sich verbessert habe – „keine Ahnung“. Es waren nur wenige, er will weitermachen. „Kommunikation kann schiefgehen“, sagt er lächelnd. „Nicht-Kommunikation wird schiefgehen.“

Natürlich wird er dauernd gefragt: Warum Dresden? Warum nicht Magdeburg oder Erfurt, warum nicht Schwerin oder Bamberg? Dann spricht er über seine Heimatstadt, das konservative Grundgefühl, seit 1990 CDU-Oberbürgermeister, über die Demonstrationskultur und die vielen Demonstrationen – auch von Rechten um die Bombengedenktage im Februar. Über die „hohe rechtsextremistische Belastungsquote“ in ganz Sachsen, nicht nur in Dresden. Es ist ein Puzzle aus tausend Teilen und Frank Richter hat auch nicht alle zur Hand. Eins hat er aber noch, ein Zitat, er weiß nicht, von wem es ist, aber es gefällt ihm: „Dresden ist die deutsche Großstadt mit dem höchsten Tellerrand“, sagt er lächelnd.