Frankreich, 1940. Ein Jungeninternat. Die pubertierenden, hormongeschüttelten Schüler erfinden, unbeaufsichtigt von ihrem Lehrer Damas, das „Entjungferungs-Gänsespiel“, ein Brettspiel mit diversen Ereignisfeldern. „Nr 8: Sie haben sich unreinen Gedanken hingegeben und somit Unkeuschheit getrieben. Rückkehr auf Feld 7 zur Beichte und 1 Runde aussetzen. … Nr 15: Sie hat Ihnen ein Lächeln geschenkt! Sie dürfen noch einmal würfeln. … Nr 47: Sie haben einen Akne-Schub. 1 Runde aussetzen zur Behandlung. … Nr 61: Monsieur Damas ertappt Sie bei diesem Spiel. Rückkehr aller Teilnehmer auf Feld 1 … Nr 63: Sie haben gewonnen, schlüpfen Sie zu ihr ins Bett!“

Der neue Roman des französischen Schriftstellers Daniel Pennac, Jahrgang 1944, erzählt die hinreißende Geschichte eines Helden, den wir alle kennen. Das ist der Körper – in allen Lebenslagen und Lebensaltern; in seiner Pein und Peinlichkeit, in all seinen Freuden. Das Buch tritt in Form des Tagebuchs eines Mannes auf, der von 1923 bis 2010 gelebt hat. Der war ein schwächlicher Junge, dem es zunächst vor allem darum ging, den eigenen Körper zu trainieren und zu beherrschen – erst allmählich kommt er dahin, sich selbst und andere Körper voll Neugier zu erfahren.

Der Held erzählt skurrile Geschichten, genießerische Geschichten aus einem ziemlich normalen Leben. Wenn er behauptet, er wolle alle psychologischen, soziologischen oder historischen Aspekte des Themas vermeiden, darf man das nicht ganz glauben; denn der Körper ist schließlich nicht lediglich „Natur“, er ist auch kulturell geprägt. Dabei frönt der Roman keineswegs irgendeinem alten oder neuen Körperkult – es geht weder um die Unterwerfung unter eine körperliche Ästhetik, noch um Gesundheitsdiktate oder um ein fitnessgestähltes Dasein.

Entwaffnend erhrlich

Pennacs Held interessiert sich für zahllose Kleinigkeiten, z. B: Was haben wir für ein gespaltenes Verhältnis zu unseren Ausdünstungen und Ausscheidungen. Es ist verpönt, öffentlich einen fahren zu lassen – aber unter der sicheren Bettdecke wird dem eigenen Pupser kennerisch nachgeschnüffelt. „Doppelte Buchführung“, bemerkt der Held lakonisch. Angeregt unterhält er sich mit seiner Frau: Kennt sie nicht auch den leisen Ekel, im Bus einen Sitzplatz übernehmen zu müssen, der von einem Mitfahrenden vorgewärmt wurde? Seine Frau widerspricht: In ihrer Jugend mussten sonntags die ärmeren Mädchen eine Stunde vor der Messe erscheinen, um für für die reicheren die Kirchenbänke anzuwärmen, zu „bebrüten“ …

Der Tagebuchschreiber, der die Lüste und Leiden des Körpers mal spöttisch, dann wieder respektvoll und immer staunend notiert, ist ein Menschenfreund – was ja nicht heißt, auch gleich ein guter Mensch zu sein. Nebenbei erfährt man vom Zerwürfnis mit seinem Sohn, der dem Vater vorhält, er habe immer nur die Welt retten wollen und sich nicht genug um die Kinder gekümmert. Oder: Das Alter mit allen einhergehenden Demütigungen und Schmerzen macht nicht automatisch abgeklärt, gütig und weise – man fühlt sich selbst oft nur noch wie ein grimmiger, rabiater Knacker. Oder man ist traurig.

Und doch ist dies Buch das enthusiastische Porträt der „sterblichen Hülle“, die wir sind. Ein ansteckender, inspirierender Roman, voll schräger Fantasien und dabei entwaffnend ehrlich, offen in alle Richtungen.

Daniel Pennac: Der Körper meines Lebens Aus dem Französischen von Eveline Passet. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 450 S., 22,99 Euro.
Von Sabine Peters erschien 2013 der Roman „Narrengarten“ im Wallstein Verlag.