IG-Metall-Chef Klaus Zwickel hat die Debatte über die Einführung der 32-Stunden-Woche eröffnet. Die Berliner Zeitung berichtet in einer Serie über Arbeitszeitregelungen in anderen Staaten. In Japan gilt zwar seit jüngstem die 40-Stunden-Woche, aber keiner setzt sie durch."Mit den Arbeitszeiten in Japan beschäftigen sich fast nur noch die Statistiken." So das Fazit einer breiten Umfrage zu diesem Thema, das eigentlich seit dem 1. April in Fernost neuen Zündstoff liefern müßte. Seit Anfang dieses Monats gilt für alle japanischen Betriebe die gesetzliche 40-Stunden-Woche. Aber durchzusetzen ist sie wohl kaum - weder die Unternehmer noch die Angestellten zeigen daran irgendein öffentliches Interesse. Viele klein- und mittelständische Betriebe, denen bis zu diesem Stichtag eine Übergangsperiode eingeräumt wurde, weigern sich sogar vehement, das neue Limit einzuhalten. Auch in den Großunternehmen sind die Statistiken eher unergründlich. Fakt ist, daß "das angepeilte Ziel des Gewerkschaftsdachverbandes Rengo, der 1 800 Jahresstunden vorgegeben hat, illusorisch ist", analysierte Shunzo Tanaka, Professor für Arbeitsrecht an der Tokioter Universität. Nach seinen Berechnungen kamen gewerkschaftlich nicht organisierte Beschäftigte - das sind zumeist Arbeiter mit einem zeitlich begrenzten Zwölf-Monats-Kontrakt - 1996 auf rund 2 040 Stunden pro Jahr, die anderen rund 23 Prozent - in der Mehrzahl Festangestellte - arbeiteten knapp unter 2 000 Jahresstunden. So sagen es wenigstens die offiziell von den Unternehmen mitgeteilten Zahlen. Niemand weiß aber richtig, wie viele Überstunden und mit welcher Bezahlung bei den Großkonzernen tatsächlich geleistet werden. "Dort können die Vertrauensleute zwar mitreden, aber auch für sie steht das Interesse des Betriebes nach wie vor über allem", meint Prof. Tanaka. Selbst bei der gewerkschaftlichen "Frühjahrsoffensive 97" spielte das Thema Arbeitszeit keine Rolle, man kämpfte ausschließlich um marginal höhere Löhne. So bieten die Arbeitszeiten in Japan Unternehmern weiter ideale Bedingungen. Was die Länge der Arbeitszeit und die Flexibilität der Belegschaften betrifft, ist das fernöstliche Inselreich nach wie vor der "Weltmeister" unter den Industriestaaten. Nach einer Untersuchung der Vertretung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tokio arbeitet ein japanischer Monteur oder Beamter durchschnittlich 355 Stunden oder 48,8 Tage länger als beispielsweise sein deutscher Kollege. Diese gewaltige Differenz ergibt sich aus der längeren Wochenarbeitszeit und den - im Landesmaßstab statistisch nur - neun bezahlten Urlaubstagen. Außerdem liegt Japan mit durchschnittlich drei Krankheits- oder Abwesenheitstagen weit unter dem Mittel anderer Industriestaaten. Arbeit in Schichten oder an Wochenenden wird betriebsintern geklärt. In der Regel gilt überall in Nippon, daß nach Auftragslage gearbeitet wird. Das heiß: meistens mehr. Der Unterschied zwischen Japan und dem Rest der Welt dürfte in der Realität noch größer sein als in der Statistik, weil die japanischen Zahlen nur Unternehmen mit mehr als 30 Beschäftigten berücksichtigen. In den Millionen Klein(st)betrieben wird aber vermutlich noch viel länger gearbeitet - mindestens sechs Tage die Woche, von 7.00 Uhr früh bis etwa 20.00 Uhr oder später. Außer ein paar lust- und kraftlosen Appellen ändert sich praktisch nichts. Nur selten sieht man mit Neid auf andere Länder. So schwärmte dieser Tage die Zeitung "Mainichi Shimbun" vom "Arbeitsluxus in Deutschland". In den Führungsetagen der japanischen Industrie sieht man jedoch schon die deutsche 35-Stunden-Woche mit Skepsis. "Die Konsequenzen für die Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen auf den internationalen Märkten müssen erst einmal abgewartet werden", blockt Kotaro Kogi, Arbeitszeitspezialist beim Unternehmerverband Nikkeiren, ab. Dementsprechend kühl reagierte man in Fernost auch auf die jüngsten deutschen Gewerkschaftsvorstöße für eine noch kürzere Arbeitswoche. "Der Zwickel-Vorschlag hat in Nippon null Resonanz gehabt", konstatiert Ehrke und verweist darauf, daß man in Japan lieber auf soziale Besitzstände verzichtet als auf den Job. "Alles kann die japanische Gesellschaft akzeptieren, selbst prekäre Armut, nicht aber die Arbeitslosigkeit. Die fällt auch als Makel auf den einzelnen zurück." +++