BARCELONA, im Mai. Ein letzter Blick in den Wandspiegel. Die leicht verrutschte blonde Haarsträhne wird mit der Hand nachgestrichen. Auch der Krawattenknoten rückt exakt in die Mitte. Oliver Kahn hat durchaus noch ein Blick fürs Detail, während er sich für den Auftritt vor 500 internationalen Fußball-Journalisten präpariert. Wenig später erzählt er ihnen im großen Saal des "Hotel Sants" in Barcelona, daß er eigentlich schon nicht mehr unter ihnen weilt: "Jeder von uns geht in sich, ist unheimlich konzentriert und nimmt kaum noch etwas wahr."Boris Becker hat dieses Verhalten einst mit dem Begriff "der Tunnelblick" umschrieben. Und Kahn kommt Becker sehr nahe. Er ist der Torwart, ein Einzelkämpfer wie der Tennisspieler. Daß er dennoch zur Mannschaft des FC Bayern München gehört, wird am heutigen Mittwoch allerdings schon daran deutlich werden, daß er seine Elf mit der Kapitänsbinde am Arm ins Finale der Champions League gegen Manchester United führen wird. Darauf will er hundertprozentig vorbereitet sein. Und deshalb gehen am Vortag des größten Abends, den ein Fußballer in seinem Vereinsleben erleben kann, wieder diese Fotos auf die Reise, auf denen Kahn so verkniffen wie kein anderer guckt. Er fordert RespektDaß der FC Bayern zur Reise nach Barcelona eingeladen wurde, hat er nicht zuletzt seinem Sicherheitsbeauftragten zu danken. Mit einer weder sich noch andere schonenden Bodyguard-Mentalität, wie sie jedem guten Schlußmann eigen sein muß, bewahrte Kahn seinen Klub im Halbfinale vor dem Ausscheiden gegen Dynamo Kiew. Anschließend beförderte ihn sein Trainer zum "besten Torwart der Welt".Diese Wertschätzung wird nun ausgerechnet im Duell mit jenem Rivalen überprüft, der Oliver Kahn lange als persönlicher Maßstab diente. "Vor wem haben die Stürmer noch Angst in Europa? Vor welchem absolut dominierenden Mann?" fragte Kahn vor Jahren in einem Interview: "Da sehe ich nur Peter Schmeichel, den Dänen, der bei Manchester United hält. Der verkörpert alles, was ein Torwart haben muß. Groß, körperlich stark, Ausstrahlung, Bewegungssicherheit."Heute, da der neunundzwanzigjährige Kahn trotz gelegentlicher Fehlgriffe all diese Kriterien erfüllt, würde er es anders ausdrücken. Das Wort Angst hätte er gern durch eine moderatere Form ersetzt: "Respekt" sei alles, was er fordert. Um ihn auf dem Rasen zu bekommen, neigt er zur wilden Drohgebärde, sobald jemand tief in sein Revier eindringt. Jüngst, während eines Gastspiels bei Borussia Dortmund, sprang Kahn im Stile eines Thai-Boxers mit ausgestrecktem Bein scharf am Gegenspieler Stéphane Chapuisat vorbei. Und als sich die Empörung des Fußballvolkes gerade erst gelegt hatte, preßte er seinen mächtigen Kiefer an den Hals von Heiko Herrlich, was so ausssah, als wolle er ihn zur Ader lassen.Kurz zuvor war Kahns deutscher Torhüter-Rekord bei 736 Minuten ohne Gegentreffer durchbrochen worden. Da tobte er und bot Bilder, wie sie die Bundesliga noch nicht gesehen hatte. Bilder, die ein Image verstärkten, über das der Täter selbst erschrak. Oliver Wahn? "Das bin doch nicht ich."In jedem Fall lieferte er den Beweis für das hartnäckige Vorurteil, daß nämlich das Sonderbare, das oft die Auftritte von Torhütern begleitet, tief in ihrer Rolle begründet sein muß. Sie sind Außenseiter, obwohl sie Teil der Mannschaft sind. Mit dem eigentlichen Mannschaftsspiel aber haben sie kaum etwas zu tun. Die Kreidelinien des Strafraums begrenzen ihren Auslauf. Rastlos tigern sie durch ihr kleines Reich, halten sich unter Dampf, lauernd auf nicht selten mehr als drei, vier kurze Eingriffe ins Gesamtgeschehen. Allein dafür haben sie stets hochkonzentriert und auf die Sekunde topfit zu sein.Von den 18 Jobs, die in der Bundesliga für Torhüter zu vergeben sind, hat sich Kahn den unangenehmsten ausgesucht. Gibt es doch jene verfluchten Nachmittage mit dem Team des FC Bayern, an denen seine Anwesenheit völlig überflüssig erscheint, da die Kollegen vor ihm wieder allerbester Laune sind. Dann aber dringt doch ein Ball zu ihm durch, ein einziger nur und er greift daneben. "Ein grausames Leben" sei das, sagt Kahn: "Man spielt 89 Minuten fehlerlos und wird an einer einzigen Szene aufgehängt."Womöglich hat er doch den falschen Job. Torwart ist kein Beruf für einen, der einmal begonnen hatte, nach Perfektion zu streben. Wohin mit der Wut, wenn etwas schiefgeht? Wo ist das Ventil? Gesucht hat er es 1996 selbst am Hals von Andreas Herzog, einem Bayern-Gefährten von einst. Kahn griff ihn sich mit beiden Händen und schüttelte ihn in einer legendären Slapstick-Nummer heftig durch. Alles nur, weil ihm Herzog in einer Abwehraktion zu zaghaft erschien.Nach solchen Anfällen wird Kahn auf die Couch der Nation gelegt. Tickt der noch richtig? Und die "Bild"-Zeitung sucht sich einen Kronzeugen aus der Bundesliga, der es erlaubt, die erste Ferndiagnose in Gänsefüßchen und in die Überschrift zu pressen: "Der Kahn gehört in den Käfig und weg." Robert Wischemann, der Aufsichtsratschef des Liga-Konkurrenten 1. FC Kaiserslautern, hat das festgestellt. Dort, wo Wischemann regiert, sind die Gastspiele für Oliver Kahn besonders unangenehm. Noch bevor er in der Pfalz seinen zugewiesenen Raum betritt, übersät das humorige Publikum den Rasen mit Bananen und reimt, daß es kracht: "Da steht ein Affe im Tor, ja ja, ein Affe im Tor, der ist so häßlich."Nerven aus Stahl müßte einer haben, um das alles ohne Zorn zu ertragen. Zumal es in fast allen Stadien Mode ist, Kahn zu beleidigen. Signalisiert doch dessen Körpersprache noch immer vieles, wofür der FC Bayern heute steht: für eine Überlegenheit, stets nah am Absturz ins Selbstgefällige und Arrogante.Gladiator der GegenwartVöllig unschuldig ist Kahn nicht an den Provokationen. Am Anfang seiner Karriere, als er über den Karlsruher SC den Weg nach München fand, sah er sich als eine Art Gladiator der Gegenwart. "Der Körper ist mein Panzer", hatte er nach endloser Muskelarbeit im Kraftraum erklärt: "Er nimmt die Angst und gibt Selbstvertrauen." Nicht viel später nahm sich Harald Schmidt des Bayern-Torwarts an. Genüßlich interpretierte er Kahns Ausfall gegen seinen Mitspieler Andreas Herzog und brachte den Gorilla-Vergleich in Umlauf. Seither pflegt die Tribüne ihr Feindbild. Dort wird nicht registriert, wenn Kahn seinen Kurs korrigiert: "Es war charakterlich einer meiner größten Fehler, nach Perfektion im Tor zu streben", hat er erkannt. Denn dort sei eine Leistung von viel zu vielen unkalkulierbaren Faktoren abhängig: Entkommen ist er ihr noch nicht. Sobald er aber zurückfällt in die alte Rolle, wirken seine Auftritte wie die einer innerlich zerrissenen Showfigur.Kahn, der Profi, ist ein Reizpunkt, Kahn, der Privatier, hat Abitur, liest im Mannschaftsbus das "Manager-Magazin" und handelt zu Hause wie ein Börsenmakler Aktien zu Echtzeitkursen. Anders als etwa Bayern-Unikum Mario Basler ist Kahn kein rastloser Stammgast an Münchens Treffpunkten von Schicki und Micki. Seine öffentlichen Auftritte sind auf den Rasen beschränkt, seine Energie konzentriert er auf den Ball. Wobei nicht zu fürchten ist, daß er einen Stürmer wirklich einmal mit einem Handschlag traktiert, wie es Uli Stein tat, einer seiner Vorgänger im Tor der Nationalelf. Kahn bremst vor der Tätlichkeit. Er streckt den Fuß, aber tritt nicht, bleckt die Zähne, aber schnappt nicht zu.Liebling der Nation wird er so nicht mehr, allenfalls bleibt er ein ständiger Gegenstand der Verhaltensforschung. "Kahn ist Profi und kein pathologischer Fall", mußte ein Psychologe jüngst die Leser der Münchner "Abendzeitung" beruhigen. Und auch Harald Schmidt fand nach der Dortmunder Attacke auf eine Halsschlagader eine neue Pointe. Ottmar Hitzfeld, der Trainer des FC Bayern, könne dem fröstelnden Gegner jederzeit Entwarnung geben: "Der tut nix. Der will nur spielen."

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