BERLIN, 9. Juni. Seit heute wissen wir, dass weißer Marmor durchaus farbig ist. Er changiert, je nach Tageszeit, Wetter und Lichteinfall, mal grauweiß, mal beige, mal grünlich oder bläulich. Dann wieder rötlich, und in der Dämmerung schimmern die athletischen Körper der Götter und Giganten silbrig, etwas dunkler in den Faltenwürfen der Gewänder, dem zottigen Fell der Jagdhunde. Und auf der Tatze des Löwen, jener rätselhaft leeren Stelle im Fries des Hauptaltars, zwischen dem vierpferdigen Gespann der Hera und dem mächtigen Leib des Zeus. Genau da, so vermuten Archäologen, hat dermaleinst Herakles gekämpft, dieser einzige Sterbliche unter den Göttern.Der Pergamonaltar war gigantisch schon vor seiner zehnjährigen Restaurierung. Er war schön auch mit der Patina der Jahrtausende und den Lücken und Blessuren, die der Lauf der Zeit dem Kunstwerk schlug. Nun aber haben der berühmte Haupt- und der kleinere Telephosfries je einen neuen Fond. Der war bis vor zehn Jahren betonhaft grau, jetzt hat man ihn ausgewechselt gegen feinen lichtgrauen italienischen Kalkstein, der die Plastizität wie das Farbenspiel der Hochreliefs zur Wirkung bringt.Es verschlägt einem die Sprache, so schön ist der restaurierte Altar anzusehen. Die Leiber heben sich aus dem Stein, gedrängt, verschlungen, gestreckt, gekrümmt zu kämpfenden Gruppen, die Gliedmaßen zersprengt und geborsten. Die Giganten, Söhne der Erde, haben sich erhoben gegen die Götter des Olymp. Eine Million Menschen kommen Jahr für Jahr nach Berlin, um diese Szenen zu sehen und zu erahnen, wie sehr doch der Götter- und Giganten-Kampf ein Gleichnis ist. Es wurde von antiken Steinbildhauern nahe der Stadt Pergamon in Marmor gemeißelt nach der griechischen Mythologie und zu Ehren der Göttin Athene, der Schutzgöttin der Stadt. In Wahrheit ist das Gleichnis auf die Regenten der Attaliden-Dynastie um 170 v. Chr. bezogen. Jene ließen sich von den Künstlern ins Zeitlose übertragen, ein Heiligtum ihrer eigenen Größe und erstrebten Unsterblichkeit errichten. Der große Altar mit dem Hauptfries ist 113 Meter lang, das Relief 2,30 Meter hoch, die Figuren der Hochreliefs werden von 116 Platten gehalten. Für die Staatlichen Museen Berlin war dies das bisher größte antike Restaurierungsprojekt, geleitet vom Kustos Volker Kästner, behütet vom mittlerweile pensionierten Direktor der Antikensammlung, Wolf-Dieter-Heilmeyer. Die Restauratorengruppe unter dem Italiener Silvano Bertolin hatte drei Millionen Euro für die Arbeiten am Weltkulturerbe veranschlagt - und keinen Cent mehr verbraucht. Auch das ist, unter heutigen Bedingungen, eine Meisterleistung. Begonnen hatten die Restauratoren 1994 mit dem kleineren, eine Etage über dem Hauptaltar befindlichen Telephosfries - gleichsam das Pilotprojekt. Der Großteil des Geldes dafür kam aus den USA, vom Museum Fine Arts San Francisco und dem Metropolitan Museum New York. Zwei Jahre später begannen die Arbeiten am Hauptfries mit seinen 34 kriegerischen Göttinnen, 20 Göttern, 59 Giganten und 28 Tieren. Nun war es auch möglich, etliche seit der kriegsbedingten Demontage des Altars 1941 fehlenden Teile wieder einzufügen. Sämtliche rostige Eisendübel wurden durch Stahl ersetzt, der Marmor sanft gereinigt, Haarrisse geschlossen. Als spannende Phase bezeichnen Restauratoren und Museumsleute jene Monate, als im Nordfries der Einbau eines Abgusses des schon länger bekannten Fawley-Court-Giganten sowie die Einfügung einer am Boden liegenden Seeschlange das Gesamtbild der Altaranlage gravierend veränderten: Nun nämlich war eine große Leerstelle im Fries geschlossen. Die empfindlichsten Lücken hat der Ostflügel des Altars: Von einstmals 32 Platten fehlen sieben völlig. Carl Humann, der Ausgräber des Pergamonaltars, und sein Gefährte Alexander Conze hatten bei der langen Suche nach diesen fehlenden Teilen kein Glück. In seinen spannenden Aufzeichnungen berichtet Humann von Hunderten brennenden Kalköfen auf dem Burgberg von Bergama. Die Menschen in dieser Gegend waren so arm und unwissend, dass sie um 1878 schon Tonnen von Marmor und Kalkstein aus dem Heiligtum der Attaliden zu Kalk für den Häuserbau gebrannt hatten. Als der große, prächtige Rest des Tempels schließlich um 1886 der Türkei abgekauft werden konnte und nach Berlin ging - in ein später eigens dafür erbautes Museum - war das ein kulturgeschichtlicher Markstein: Das war nicht Kunstraub, sondern -rettung.------------------------------Der Attaliden-Altar // Der Altar der Attaliden-Dynastie mit seinem berühmten Haupt-und Telephos-fries besteht nun wieder aus Kalksteinplatten unter den fragmentarischen Marmorreliefs. Als Bauherr gilt Eumenes II., der vor 2 200 Jahren lebte. Gefunden und ausgegraben hat den Altar der Straßenbau-Ingenieur Carl Humann (mit Alexander Conze) von 1878 bis 1886 bei Bergama, heute ein Ort an der Westküste der Türkei. Die Stadt in Kleinasien hieß einst Pergamon. In der Antike zählte der Tempel zeitweilig zu den Weltwundern.Nach Berlin kam das heutige Weltkulturerbe um 1886 per Schiff mit Erlaubnis des Sultans Abdul Hamid III. 1901 wurden die der Türkei abgekauften Fragmente erstmals ausgestellt, 1930 erhielt der Altar seinen Platz im eigens dafür erbauten Pergamonmuseum.Zehn Jahre dauerte die Restaurierung, ab heute ist der Altar wieder öffentlich. Pergamonmuseum, Am Kupfergraben, Di/Mi/Fr bis So 10-18, Do 10-22 Uhr.------------------------------Foto: (2) Einmalig - der Pergamonaltar. 1941 waren alle Reliefs in einen Bunker ausgelagert, 1945 von der Roten Armee in die Petersburger Eremitage geschafft worden. 1954 erhielt die DDR sie zurück.Detail des kleinen, zuerst restaurierten Telephosfrieses im Saal über dem Hauptaltar