Pergamonmuseum: Der "Betende Knabe" ist restauriert: Original und Experiment

Nach langer Wanderung durch große europäische Kunstsammlungen und jüngst durch Labors und Restaurierungswerkstätten ist der "Betende Knabe" auf die Berliner Museumsinsel zurückgekehrt. Das alles macht eine Ausstellung im Pergamonmuseum deutlich. Es geht darin sowohl um die Herstellung der Figur um 300 v. Chr. auf der Insel Rhodos als auch um die lange Wanderungs- und Rezeptionsgeschichte des Kunstwerkes. Gezeigt werden Originale und Abgüsse der vielfach multiplizierten Statue, dazu Kopien aus den Jahrhunderten bis in die Neuzeit, so in Gußeisen aus Lauchhammer. Für fünftausend TalerUm 1500 wurde die erstaunlich guterhaltene Plastik auf Rhodos gefunden, 1503 kam sie nach Venedig, gelangte dann nach Verona, später ins Londoner Königsschloß Whitehall, daraufhin nach Paris, ins Schloß Veaux-le Vicomte, noch später in das Untere Belvedere sowie in das Liechtenstein-Palais von Wien. Schließlich wurde der bronzene Knabe 1747 von Friedrich II. für Sanssouci gekauft. Dort, wo heute eine Kopie steht, war die Plastik auch damals unter einer lichten Pergola in Blickachse zur Bibliothek aufgestellt. Seither unternahm die vom König für 5 000 Taler erworbene Figur noch zwei große Reisen: Einmal weilte sie von 1806 bis 1815 im Louvre, von 1945 bis 1958 war sie unfreiwillig Stalinsche Beutekunst-Trophäe in Moskau. Ihren besten Platz hatte sie seit 1830 im Alten Museum ­ als Blickpunkt von dessen Hauptachse. Eine Inszenierung, die der Direktor der Antikenabteilung Wolf-Dieter Heilmeyer bei der Teileröffnung des Hauses im Mai 1998 wiederherstellen will. Dabei ist der Knabe keineswegs eines der "klassischen" Werke europäischer Antikenrezeption wie etwa der Laokoon. Dem stand wohl schon die wenig heroische Gestalt entgegen: Die zierliche, tiefdunkle Bronze hat weich geschwungene Formen und weit nach oben gereckte Arme, die dem antiken Torso im 17. Jahrhundert angesetzt wurden. Ein eleganter Willkommensgestus, der unterschiedlichste Deutungen zuläßt: Lichtgott Apoll, Ganymed, Geliebter des Zeus oder der des römischen Kaisers Hadrian?Im 19. Jahrhundert war die Interpretation nicht mehr homo-erotisch, sondern nüchtern, wohl aber falsch, wenn man die Figur gar für einen dekorativen Tischhalter hielt. Bis heute bleibt im unklaren, was sie wirklich bedeutet. Ihre Geschichte ist vor allem eine der Bilder, die man auf die Skulptur projizierte. Im Zentrum der Ausstellung stehen die Restaurierung der frühhellenistischen Skulptur und die Ergebnisse eines von der Volkswagenstiftung geförderten, interdisziplinären Forschungsprojektes, mit dem die Herstellung antiker Bronzen geklärt werden sollte. Der Guß solcher Werke war eine Kunst, die der Arbeit des Bildhauers in nichts nachstand. Die Archäologin Nele Hackländer erklärt dies anhand des beeindruckenden Gußmodells, das eine neue Kopie des "Betenden Knaben" mit allen Gußkanälen und scharfen Kanten noch tief in den Schichten aus Ton zeigt. Erst wurde ein Wachsmodell gebaut, dieses mit Ton umhüllt und ausgeschmolzen, um dann in einer Grube mit der von Blasebälgen erhitzten Bronze ausgegossen zu werden.Modell, Fotos und ein Video zeigen die erfolgreiche Rekonstruktion der Arbeit in einer solchen, auf Rhodos inzwischen mehrmals gefundenen Guß-Werkstaat. Parallel liefen Untersuchungen des Aachener Gießerei-Institutes ­ das eigentlich mit Computersimulationen die Fertigung von Industrieteilen optimiert. Hier jedoch wurde ­ quasi durch Umkehrung des Vorganges ­ die technische Herstellung der antiken Figur nachvollzogen. Es entstand ein technik- und rezeptionsgeschichtlich orientiertes Bild von Antike, die auf einmal modern erscheint.Pergamonmuseum, Nordflügel Obergeschoß, bis 1. 2. 1998, Di­So 9­17 Uhr.