In André Müllers "Geschichten vom Herrn B." gibt es die Anekdote, in welcher Wieland Herzfelde einige Passagen aus Ernst Schumachers Dissertation über Brechts frühe Stücke kritisiert und dabei zu seinem Erstaunen feststellt, dass der die Arbeit nicht gelesen hat. "Warum auch?" entgegnet Brecht dem verdutzten Herzfelde. "Schumacher hat das Buch doch nicht für mich geschrieben."Liest man Schumachers jetzt unter dem Titel "Mein Brecht" erschienene Erinnerungen, dann wird klar, dass diese Bemerkung nicht nur anekdotisch ist. Dem jungen Literaturwissenschaftler, der als Schwerverwundeter von der Ostfront 1943 zum ersten Mal in Artur Kutschers Münchner Vorlesungen von Brecht hörte, ging es mit seiner Doktorarbeit nicht um eine Eloge. Er wollte den Lesern und Theaterleuten in Ost und West die politische und literarische Herkunft Brechts klarmachen, um seinem Werk auf den Bühnen Nachkriegsdeutschlands den ihm gebührenden Platz zu verschaffen.An diesem Auftrag hat Schumacher ein Leben lang als Wissenschaftler und - wie die Leser dieser Zeitung wissen - als Theaterkritiker gearbeitet. Galt es anfangs, Kutschers Urteil über Brecht als "dem apokalyptischen Tier der deutschen Literatur" entgegenzutreten, so kamen auch später noch seltsame Offenbarungen aus Bayern. So verkündete Edmund Stoiber zum 100. Geburtstag des verlorenen Sohns 1998 in Augsburg, Brecht könne nach dem Scheitern des Sozialismus endlich jenseits seiner weltanschaulichen Befangenheiten als großer deutscher Dichter gelesen werden.Schumacher hat diese Erinnerungen nicht als Dichterbild, sondern als Epochenrückblick angelegt. Wie Brecht gerät auch Schumacher zwischen die Fronten des Kalten Krieges und wird als Korrespondent des Deutschlandsenders durch die Tagespolitik von seiner wissenschaftlichen Arbeit abgelenkt. Im Kampf gegen die Remilitarisierung der Bundesrepublik unter Adenauer hält er auf Demonstrationen und Diskussionsrunden Kopf und Karriere hin, erhält auf Grund seiner Kontakte in die DDR wegen "nachrichtendienstlicher Agententätigkeit" eine Strafanzeige und kommt nach Stadelheim in Untersuchungshaft. Kein Wunder, dass solches Engagement Brecht und der Weigel sympathisch ist und Schumacher bald in ihren Kreisen ein- und ausgeht. Er wird in Weißensee und Buckow zum Essen eingeladen, besucht Proben am Schiffbauerdamm und wird Zeuge prophetischer Einsichten Brechts. Während sich 1949 alle Welt über die absehbare deutsche Teilung erregt, winkt Brecht ab. "Gestern ist Shanghai gefallen, die Volksbefreiungsarmee stößt auf Kanton vor. Was in China passiert, wird die Weltgeschichte verändern."Kein Wunder, dass Schumacher auf diese Nähe ebenso stolz ist wie auf seine wissenschaftliche und journalistische Arbeit. Stets hat er seinen Taschenkalender dabei, in den er jede Äußerung des Meisters einträgt. Für das Gesellschaftsmodell im Westen hat Brecht nur ein Schulterzucken übrig. "Politische Freiheit bei ökonomischer Unfreiheit ist ein Witz." Den Nachschriften kann man auch entnehmen, wie wichtig es Schumacher war, als Schriftsteller von Brecht ernst genommen zu werden. Deshalb trifft ihn dessen trockener Spott, in seinen Gedichten würde es "bechern und hermlinen", besonders tief. Er entschließt sich, dennoch weiterzuschreiben, denn Bayern haben Selbst- und Gottvertrauen.Dabei macht er außer Erfahrungen in Klassenkampf und Theaterarbeit auch jede Menge Bekanntschaften. Neben den Größen um Brecht und Weigel am Schiffbauerdamm und in Buckow trifft er Thomas Mann, Leonhard Frank, Johannes R. Becher, Anna Seghers, Zhou Enlai und Ho Chi Minh. Leider treten sie meistens nur auf, um Schumacher Bücher zu widmen oder ihn zu bestätigen.War zu Beginn des Buches noch von Irrwegen und Umwegen die Rede, so erscheinen die späteren Brüche in dialektisch verklärtem Licht. Allenfalls das zunehmende Misstrauen der DDR-Kulturfunktionäre gegenüber dem "Formalisten" Brecht und die Zensur seines Kapitels über Brechts Agitprop- und Lehrstücke irritieren den Autor. Doch wie sein Landsmann hält er das für Kinderkrankheiten der neuen Gesellschaft, denen mit Dialektik und Geduld abzuhelfen sein wird. "Lieber ein schlechter Sozialismus als gar keiner!" wird auch zu seiner Lebensmaxime.Brechts unerwarteter Tod markiert einen Einschnitt, bei dem man Schumachers persönliche Betroffenheit spürt. Er verliert seinen Meister und mit ihm die Hoffnung, dass dessen Werk in Zukunft angemessen aufgeführt werden wird. Anzeichen dafür, so scheint ihm, gibt es nur in den Ländern der Dritten Welt, wo der Klassenkampf noch zum Alltag gehört.Für das BE nach Brecht hat er kaum ein Wort übrig, und das Regietheater der Nachwendezeit ist ihm ein Graus. Gegen Ende des Buchs klingt dann allerdings doch noch die Hoffnung an, dass der "große Magen" des Kapitals sich an dem Igel Brecht und den Hinterlassenschaften des Sozialismus überfressen haben könnte. Schumachers Verdienst ist es, viele unbekannte Reflexionen und Maximen Brechts festgehalten zu haben. So auch Brechts Prognose, dass mit ökonomischem Niedergang immer Perioden von künstlerischer Entfaltung verbunden waren. Wenn dem so ist, dann bleibt viel Hoffnung für die Theaterlandschaft der Bundesrepublik. Und die Haltungen Brechts bleiben Lehrstücke für die Zukunft.Holger Teschke war 1989-99 Dramaturg am BE und lehrt heute Theatergeschichte und Regie in den USA.------------------------------Brechts junger FreundFoto: Ernst Schumacher: Mein Brecht. Erinnerungen. Henschel Verlag, Berlin 2006. 560 S. 19,90 EuroGeboren 1921 im bayrischen Urspring, folgte Ernst Schumacher Brecht 1946 nach Ost-Berlin. Seit 1964 schreibt er Kritiken für die Berliner Zeitung. Daneben arbeitete er als Hochschullehrer und Publizist - und Brecht-Forscher.------------------------------Foto: Als Schumacher erstmals von Brecht hörte, war der noch als "apokalyptisches Tier" eingeordnet.