Berlin - Zum Schluss war es wie ein Wettbewerb: Wer hält das Schweigegelübde über die Kabinettsliste am längsten durch? Wer verkündet seine Minister als letzter? Zumindest was die Namen ihrer Minister betrifft, hat da die Union knapp gewonnen. Am Freitagabend – also einen Tag nach dem Einsendeschluss für den Mitgliederentscheid über den Koalitionsvertrag – wurde als erstes bekannt, wer für die SPD am Kabinettstisch sitzen soll. Die SPD-Spitze hatte der Union das lange Schweigen abgerungen, weil sie die Basis-Abstimmung nicht zu einem Votum über Personalfragen machen wollte.

Pofalla verschwindet

Bei CDU und CSU blieb es lange bei Gerüchten, allerdings mit Fernsehserien-Qualität. Von einem Machtkampf in der CDU war zu hören, von einer sich mit Kräften gegen das Gesundheitsministerium wehrenden Ursula von der Leyen. Von einem amts- oder politikmüden Kanzleramtsminister Ronald Pofalla. Von einem Streit zwischen CDU und CSU um das Innenministerium.

In Gmund am Tegernsee spazierte CSU-Chef Horst Seehofer zunächst am frühen Abend ganz unzerzaust in eine Klausur des bayerischen Kabinetts. „Ich habe das in etwa fertig“, verkündete er entspannt. Und zu hören war, Seehofer werde die Betroffenen erst nach der Klausur am Samstag über ihre künftige Verwendung informieren, drei Minister, vier Staatssekretäre und einen Generalsekretär also. Und all jene, die gerne etwas geworden wären, aber nichts geworden sind. Seehofer hält seine Leute gerne mal ein bisschen hin.

Bei der CDU hieß es, man warte entspannt auf Sonntag. Und wo die SPD nur mit einem neuen Saarländer als Justizminister aufwarten konnte, war es bei der Union ein wenig brisanter: Nach Berichten mehrerer Medien scheidet Kanzleramtsminister Ronald Pofalla aus der Politik aus. Der 54-Jährige wolle eine Familie gründen, schrieb die Rheinische Post. Gut denkbar ist, dass der Jurist Pofalla, der zur Kanzlei des Helmut-Kohl-Anwalts Stephan Holthoff-Pörtner gehört, ein lukratives Angebot aus der Wirschaft hat.

In der CDU war Pofalla wegen seiner Unbeherrschtheit umstritten. Öffentlich war er wegen seines Umgangs mit der NSA-Spähaffäre in die Kritik geraten. Für Pofalla dürfte der bisherige Umweltminister Peter Altmaier, ebenfalls ein langjähriger Unterstützer und anerkannt guter Organisator und Verhandler, ins Kanzleramt kommen.

Wehrresort wäre ein verwandtes Themenfeld

Klar schien, dass die CSU das Innenministerium abgeben wird, weil die CDU sich nach Verlust von Arbeits- und Umweltministerium mehr Gewicht im Kabinett erbeten hat. Hans-Peter Friedrich müsste nicht die doppelte Staatsbürgerschaft einführen, die er bis zuletzt vehement bekämpft hat, sondern wird sich dem Verkehr oder der Landwirtschaft widmen.

Das Innenministerium würde – wenn nicht Altmaier – dann vermutlich wieder Thomas de Maizière übernehmen. Er galt eigentlich im Verteidigungsministerium als gesetzt – schon alleine um den Missmanagement-Vorwürfen im Zusammenhang mit der Bestellung von Kampfdrohnen standzuhalten. Unglücklich über einen Abzug von dem Thema dürfte er aber auch nicht sein, zumal sich der Schritt inhaltlich begründen lässt.

Ursula von der Leyen, die gerne Außenministerin geworden wäre, könnte dann im Wehrressort zumindest ein verwandtes Themenfeld bearbeiten. Sie wäre zudem die erste Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums – ein weiterer Überraschungscoup, der sowohl von der Leyen als auch Kanzlerin Merkel gefallen dürfte.

Die für die CDU-Basis wichtigste Personalie schien ohnehin lange klar: Nicht SPD-Chef Sigmar Gabriel wird Bundesfinanzminister, wie in den letzten Wochen immer wieder und sicher mit taktischen Hintergedanken vermutet wurde. Stattdessen bleibt Wolfgang Schäuble im Amt. Immer wieder war die Gabriel-Variante auf Parteiveranstaltungen als Horrorszenario beschrieben worden. Zuletzt hatte ein Delegierter auf dem kleinen Parteitag der CDU am Montag dringend nach Schäuble verlangt. Ein Nicken hatte Angela Merkel da diszipliniert vermieden, aber man konnte meinen, ein kleines, zustimmendes Schmunzeln zu entdecken.

Den aktuellen "Wasserstand" twittert unser Bundestagskorrespondent Steffen Hebestreit am Sonnabendnachmittag so: