Die 42 Jahre alte Frau, die am Freitag betrunken eine U-Bahn der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) gesteuert hat, darf vorerst nicht entlassen werden. Der Personalrat hat der Kündigung widersprochen, erfuhr die "Berliner Zeitung" aus BVG-Kreisen. Die Entscheidung fiel am gestrigen Dienstag. Sie führt dazu, daß die von dem Verkehrsunternehmen verhängte Disziplinarmaßnahme unwirksam ist. Die Vertretung der U-Bahn-Mitarbeiter und die BVG müssen sich jetzt über das weitere Vorgehen einigen. Für die U-Bahn-Führerin Marion K., die dem Vernehmen nach alkoholkrank ist, müsse eine individuelle Lösung gefunden werden, hieß es. Unter anderem sollte nun gemeinsam darüber nachgedacht werden, ob die Frau andere Aufgaben für die BVG wahrnehmen kann. Zur Zeit ist die Wilmersdorferin Marion K., die mit 3,6 Promille Alkohol im Blut in ihrem Führerstand bewußtlos zusammengebrochen war, vom Dienst suspendiert. Alkoholtests beginnenDer übergeordnete Gesamtpersonalrat der BVG wollte zu diesem Einzelfall keine Auskunft geben. Dessen Mitglied Thomas Tschetsche kritisierte jedoch, daß die Haltung der BVG-Führung zu schematisch sei. " Wer trinkt, der fliegt , sagt die Leitung der BVG. Doch so einfach darf sie es sich nicht machen", sagte Tschetsche der "Berliner Zeitung". Eine Kündigung könne immer nur eine von mehreren Möglichkeiten sein. Prinzipiell denkbar wäre auch eine Suchttherapie oder die Zuweisung anderer Tätigkeiten.Tschetsche sagte, daß die Personalvertretung auch den von der BVG angekündigten regelmäßigen Alkoholkontrollen nicht zugestimmt habe. Die Folge: "Wenn ein Mitarbeiter zum Beispiel aufgrund dieser Tests gekündigt wird, ist dies ebenfalls unwirksam. Doch das Unternehmen scheint sich für diese Tatsache nicht zu interessieren." Am heutigen Mittwoch müssen erstmals auch U-Bahner in Teströhrchen blasen, sagte BVG-Sprecherin Barbara Mansfield. Nicht nur Fahrer, sondern auch die anderen U-Bahn-Bediensteten müssen damit rechnen, von ihren Vorgesetzten zum Alkoholtest gebeten zu werden. Die Chefs können die Stichproben jederzeit anordnen. Bei Beschäftigten der Unternehmensbereiche Bus und Straßenbahn gibt es bereits Alkoholkontrollen. "Bei den kleinen Leuten wird kontrolliert, beim Management dagegen nicht", kritisierte ein BVGer.Nur drei BVGer fielen auf Die Statistik zeige, daß Trunkenheitsfahrten bei der BVG nur selten vorkommen, sagt Thomas Tschetsche. "In den vergangenen Monaten sind lediglich drei BVG-Mitarbeiter alkoholisiert aufgefallen drei von mehr als 6 000 Bediensteten des Fahrpersonals unseres Unternehmens", berichtet er. Dennoch bemühe sich der Gesamtpersonalrat schon seit mehr als zwei Jahren darum, mit der BVG-Leitung eine Rahmen-Dienstvereinbarung zum Thema Alkohol abzuschließen. Tschetsche: "Der Text liegt entscheidungsreif vor, doch bislang hat es der Vorstand abgelehnt, ihn zu unterzeichnen. Gründe wurden dafür nicht genannt." Nun hofft die Personalvertretung, daß der neueste Trunkenheitsfall dieser Diskussion Auftrieb gibt. Die rechtlichen Bestimmungen sind rigide. So gilt bei der gewerblichen Bus-Beförderung von Fahrgästen eine Promillegrenze von 0,0. Alle fünf Jahre werden die Inhaber von Personenbeförderungsscheinen automatisch auf ihre Zuverlässigkeit überprüft. Schon bei vier Punkten beim Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg kann das Landeseinwohneramt Berlin die Konzession entziehen.