Lange vor dem Oktoberklub war die Hootenanny-Bewegung. Hootenanny begriff sich als Folkmusik, die die üblichen Konzertschranken zugunsten eines "demokratischen miteinander-Singens-und-Musizierens" abbauen wollte. Dieses Bemühen führte zu einer solidarischen Gemütlichkeit. So ist es nur logisch, daß Pete Seeger, der "Big Daddy des Hootenanny", der Folk- und Protestsänger, dem Staat DDR sehr angenehm war. "We shall overcome" gehörte zum Stoff im sozialistischen Englisch-Unterricht wie die Lesestücke zu Rassendiskriminierung und Docker-Streiks. In der Symbolfigur Pete Seegers verband sich darüber hinaus das angenehme westliche Kulturgut mit dem ideologisch Nützlichen. Vom "Sag mir, wo du stehst" des Oktoberklubs, in dem der spätere DDR-Kulturminister Hartmut König sein "Du mußt dich entscheiden" schmetterte, führte also eine gerade Linie zu Pete Seegers berühmtesten Song. Vielleicht war es auch umgekehrt. Wenn du dich richtig entscheidest, für den Fortschritt und die Menschlichkeit, dann werden wir es überwinden. "We shall overcome"!Die Hootenanny-Idee, der zufolge das Leben und die Überzeugungen der Musizierenden und ihre Musik eins werden sollen, ist eine so utopische wie der Kommunismus. Pete Seeger machte seine Auftritte zu Erklärungen der Menschenrechte. Seine Mission, sagte Seeger noch 1972, sehe er darin, junge Leute an einer Mission im Leben zu interessieren. Lange erschien es ihm "wie Diebstahl", Geld für etwas zu nehmen, das ihm Spaß machte und außerdem gut für die Menschheit war. Seegers Eintreten für die Gewerkschaften in den Hoch-Zeiten des McCarthyismus und seine Ex-Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei führten dazu, daß er 17 Jahre auf der Schwarzen Liste stand. Seine großen Erfolge "If I had a hammer" und "Where have all the flowers gone" etwa wurden in dieser Zeit von Stars wie Joan Baez oder Marlene Dietrich bekannt gemacht. Seeger selbst überlebte die Bannjahre durch "kulturelle Guerilla-Taktik Auftritte in Kirchen und Privatschulen und -kreisen. Auch diese Taktik fand Nachahmer in der DDR.Pete Seeger, 1919 in New York City geboren, ist mit Volksmusik aufgewachsen. Sein Vater war Musikprofessor, Ethnologe und einer der ersten Sammler von US-Folklore, seine Mutter Violinlehrerin. Seeger selbst gründete mit "People s Song Inc." die erste Volksmusiker-Organisation der USA, kämpfte gegen den Vietnamkrieg und gehörte zu den frühesten Umwelt-Aktivisten. Sein Texten und Komponieren brauchte die Wege übers Land, die endlosen Reisen die Arbeit in der Basis. Zu seinem Kunstverständnis gehörte die Überzeugung: Die Welt wird nicht durch Songs gerettet, sondern durch Aktionen. Das Motto seines Mitstreiters Woody Guthrie galt auch für ihn: "Wenn ich meine Lieder nicht an der Bar nebenan singen kann, weil der kleine Mann sie nicht versteht, dann sind es keine guten Songs." Diese Volkstümlichkeit paßte so gut zur DDR wie der Glaube, daß die Welt tatsächlich gerettet werden könne. Erzählend, objektiv, balladesk, mit einem gebundenen Gesang, den kein elektrisches "Jippieh Je" störte, vertrat der freundliche Amerikaner sechzig Jahre lang seinen Klassenstandpunkt. Dennoch ist es soweit: Heute wird der Propagandist mit dem Banjo 80 Jahre alt.