Kriminologie ist die Wissenschaft, die sich mit den Ursachen und der Verhinderung von Straftaten beschäftigt. Eine Schar von juristischen und medizinischen Experten rätselt darüber, was man vom Menschen als Bürger erhoffen darf und was man von ihm als Verbrecher befürchten muss. Der am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz lehrende Historiker Peter Becker hat nun das künftige Standardwerk über die Geschichte dieser Wissenschaft vorgelegt. Becker entfaltet ein faszinierendes Panorama. Er erzählt, wie die Kriminologie ab dem späten 18. Jahrhundert entstand und wie schon bald, als die Aufklärung vorüber war und man die hochgestimmten Hoffnungen auf Besserung des Menschen empirisch überprüfte, Ernüchterung einkehrte. Das Verbrechen war zu Beginn des 19. Jahrhunderts weder verschwunden noch machte es Anstalten dazu. Eine spektakuläre Verwissenschaftlichung des Sozialen begann. Eine "Kriminologie" als feststehende Disziplin gab es zu diesem Zeitpunkt dennoch nicht. Das kriminologische Wissen setzte sich aus ganz verschiedenen Teildisziplinen zusammen. Becker beobachtet, wie Medizin und Psychiatrie, Rechtswissenschaft und Philosophie, aber auch Statistik, Anthropologie, Biologie und Literatur miteinander dialogisierten und verschiedene Erzählmuster hervorbrachten. Am Anfang kreiste das Denken der Kriminologie um den "gefallenen Menschen", der Straftäter wurde, weil er sich von der Vernunft entfernt hatte und seinen sinnlichen Antrieben folgte. Er sprach dem Alkohol zu und rutschte immer tiefer ins "Milieu" ab, bis er unvermeidlich, aber selbstverschuldet in die Fänge von Polizei und Gericht geriet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird das Paradigma des "gefallenen Menschen" durch jenes vom "verhinderten Menschen" ersetzt. An die Stelle des Sündenfalles tritt die Lehre von der Keimverderbnis: Der Mensch wird kriminell, weil es ihm seine medizinisch-biologischen Anlagen so in die Wiege gelegt haben. Nicht nur der Italiener Cesare Lombroso versuchte sich an einer Zeichenlesekunst des Bösen, die an sichtbaren körperlichen Merkmalen anknüpfte und den gesunden Bürger zum Leitbild nahm. Soziale Normalität und biologische Norm wurden einander zugeordnet.Konstitutiv war nicht nur hier die Vorstellung einer "bürgerlichen Gegenwelt". Die Kriminologen des 19. Jahrhunderts entwarfen eine binäre Logik, wonach die Verbrecher eine eigene Klasse mit eigenen sozialen Spielregeln bildeten. Sie sprachen angeblich eine eigene Sprache, verständigten sich über Gaunerzinken, hatten eine Standesehre, gingen arbeitsteilig vor und bewegten sich in geschlossenen Milieus. Verbrechen und bürgerliche Gesellschaft waren durch diese Idealtypenlehre und Konstruktionen wie den "Gewohnheitsverbrecher" säuberlich geschieden, und vom eigenen Stand ging - so das Klischee - sowieso keine kriminelle Gefahr aus. Die im Entstehen begriffene Kriminalpolizei schuf sich mit dieser Separation eine Selbstermächtigung, umso massiver vorzugehen, wo man die Wurzeln des Bösen sah. Die sicherheitspolizeilichen Schlüsse zeigten ihre Abgründe nicht erst in der NS-Zeit. Über diese wenig erforschte institutionelle Seite hätte man gerne mehr gewusst. Beckers scharfsinniges Buch bietet im Kern eine Diskursgeschichte, die von den sozialen Konstruktionen der "Kriminalität" handelt. In einer Zeit, da die Biologie wieder eine Vorreiterrolle bei der Erklärung sozialer Erscheinungen beansprucht und das Interesse an der "Inneren Sicherheit" dramatisch steigt, klärt uns Becker über ideologische Entwicklungslinien auf.Peter Becker: Verderbnis und Entartung. Eine Geschichte der Kriminologie des 19. Jahrhunderts als Diskurs und Praxis. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2002. 416 S. , 46 Euro.