BERLIN, im November. Hätten ihn diese drei jungen Frauen auf dem Flughafen nicht so gestört, wäre Peter Hogenkamp seit einem Jahr tot. An jenem 24. November 2001 wartet der Internet-Spezialist in Tegel auf seinen Flug zurück nach Zürich. Die Geschäftsreise nach Berlin war anstrengend, Hogenkamp will seine Ruhe. Doch die drei jungen Frauen, gehüllt in weiße Mäntel, stehen in der Wartehalle direkt neben ihm, sie kichern ausgelassen, sie rennen in den Duty-Free-Shop, kommen mit Duftproben zurück und beschnuppern ihre Handgelenke. Hogenkamp und seine Geschäftspartnerin Jacqueline Badran suchen sich eine ruhige Ecke. Um 20.40 Uhr wird Flug LX 3597 aufgerufen. Im Flugzeug setzt sich Hogenkamp auf Platz 11 B in der Mitte des Flugzeuges, so wie es seine Bordkarte vorschreibt. Die Sitze vor ihm sind besetzt - von den jungen Frauen aus der Abflughalle. Hogenkamp und seine Begleiterin wechseln auf freie Plätze in Reihe sechzehn. Eine Stunde später stürzt die viermotorige Maschine zwei Kilometer vor Zürich-Kloten in einen Wald. Von den dreiunddreißig Insassen überleben nur neun. Dass Peter Hogenkamp einer von ihnen ist, verdankt er der Tatsache, dass er seine Ruhe wollte und den Platz wechselte. Während das Heck des Flugzeuges fast unversehrt bleibt, geht der Mittelteil in Flammen auf. Von den sieben Passagieren, die vor und hinter seinem ursprünglichen Platz in Reihe elf sitzen, sterben fünf, zwei überleben schwer verletzt. An den Absturz hat Peter Hogenkamp keine Erinnerungen, es ist, als halte sein Gehirn die Bilder unter Verschluss. Er weiß nichts mehr von dem Feuer, dem Rauch, den verbrannten Leibern. Hogenkamps Gehirn hat all das in dem Moment gelöscht, als es vor seinen Augen geschah, und Hogenkamp ist eigentlich froh darüber. "Eine natürliche Reaktion, mein Körper schützt mich", sagt er. Aber es gibt auch Tage, an denen er sehen will, was an diesem 24. November geschah. "Ich will diese fehlenden Bilder sehen - und sie gleich wieder ausknipsen."Peter Hogenkamp, geboren im ostwestfälischen Detmold, ist 34 Jahre alt und Geschäftsführer einer Internetfirma in Zürich. Er hat an der Schweizer Elite-Uni in St. Gallen studiert und ist im Land geblieben. Am 22. November 2001 reist er mit seiner Geschäftspartnerin für drei Tage nach Berlin. Auf dem Rückflug leert Hogenkamp wie immer im Flugzeug seine Hosentaschen. Den Mantel mit Schlüssel, Ausweis und Handy legt er diesmal auf den Nachbarsitz. Die Maschine startet mit zwanzig Minuten Verspätung. Obwohl er das Fliegen gewohnt ist, ist Hogenkamp diesmal unruhig: Erst kurz zuvor war ein amerikanisches Flugzeug drei Minuten nach dem Start in den New Yorker Stadtteil Queen gestürzt. Also zählt Hogenkamp beim Start die Sekunden, und als nach drei Minuten alles ruhig bleibt, wird er es auch. Sechs Reihen vor ihm hört er die Stimmen der jungen Frauen. Heute kennt Peter Hogenkamp die Namen und Schicksale der Passagiere. Er weiß, wer überlebt hat, er kennt die Angehörigen der Toten. Dennoch hat er sich oft gefragt, wen er überhaupt wahrgenommen hat in dieser Maschine. "Da waren die drei jungen Frauen, die wir für eine Girlieband hielten, und ihr Begleiter. Ein Paar in der Reihe hinter unseren ursprünglichen Plätzen und eine Frau neben ihnen." Die trug ihre schwarze Mütze tief ins Gesicht gezogen und wollte offenbar nicht erkannt werden. Es war die amerikanische Pop-Sängerin Melanie Thornton. Peter Hogenkamp kannte sie nicht. Ebensowenig wie die drei jungen Frauen der Band Passion Fruit, die an jenem Tag mit Melanie Thornton in Leipzig aufgetreten waren. Thornton überlebt den Flug nicht, ebenso wie zwei Passion-Fruit-Sängerinnen. Der Manager der Band ist so stark verbrannt, dass er sich heute nur kurz in Räumen mit mehr als neunzehn Grad aufhalten darf. Während des Landeanflugs liest Peter Hogenkamp, Jacqueline Badran schaut aus dem Fenster. Draußen schneit es. "Siehst du schon was?", fragt er. "Klar", sagt sie und wenig später: "Jetzt sehe ich nichts mehr." In diesem Moment setzt die Maschine hart auf. Hogenkamp glaubt, es sei die Landebahn. Doch es sind Baumwipfel, die das Flugzeug abknickt. Jetzt vibrieren die Sitze, die Servierwagen, die Gepäckablagen; dann rüttelt die ganze Maschine heftig. Hogenkamp umklammert die Armlehnen. Schließlich schlägt die Maschine auf und fängt Feuer. Später haben Hogenkamp und Jacqueline Badran oft diskutiert, wie lange der Absturz gedauert hat. Dreißig Sekunden, schätzte Hogenkamp. Mehrere Minuten, sagte Jacqueline Badran. Beide irrten. Als sie später an die Absturzstelle zurückkehrten und die Schneise sahen, die das Flugzeug in den Wald gerissen hatte, war ihnen klar: Es ging alles viel schneller, der Absturz dauerte vielleicht sechs, sieben Sekunden. "Das Flugzeug hatte noch dreihundert Sachen drauf", sagt Hogenkamp. "Und die Schneise war nicht mal einhundert Meter lang." Als die Maschine schließlich zum Stehen kommt, denkt Hogenkamp, dass er jetzt Ruhe bewahren muss. Das Wort "Absturz" kommt ihm erst mal nicht in den Sinn. Er löst den Gurt - und fällt ein paar Meter tief, direkt auf ein Fenster. "Ich hatte nicht gemerkt, dass das Flugzeug auf der Seite lag und ich quasi an der Decke hing." Wenig später fällt auch seine Begleiterin aus ihrem Sitz. Sie steht auf und ruft: "Los, raus!" Beide klettern durch ein Loch im Rumpf ins Freie. Dann rennen sie. In diesem Moment erinnert sich Peter Hogenkamp an ein Tankwagenunglück vor einigen Jahren in Italien, von dem er gelesen hatte: Während das Fahrzeug brannte, versammelten sich Schaulustige um die Flammen - bis sie die Detonation des Wagens in den Tod riss. Damals hatte Hogenkamp gedacht: Das wäre mir auch passiert. Deshalb rennt er jetzt um sein Leben. "Ich habe mich allerdings gefragt, warum einem bei diesen Sicherheitsinstruktionen niemand sagt, wie weit man rennen muss." Nach sechzig Metern bleiben Hogenkamp und seine Kollegin stehen und drehen sich um. Aus dem Flugzeug schlagen meterhohe Flammen. Dann hören sie die ersten Detonationen. Jacqueline Badran stammelt: "O Gott, da hinten sterben gerade Menschen."Hogenkamp begreift die Lage noch nicht. "Mir war überhaupt nicht klar, dass es Tote gegeben haben könnte. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn wir uns alle in diesem Wald wiedergetroffen hätten." Doch die Einzige, die sie finden, ist eine Stewardess, die barfuß und zitternd auf einem Baumstamm hockt. Schließlich sieht Hogenkamp zwischen den Bäumen Blaulicht. Er läuft auf das Licht zu, trifft die ersten Helfer. Rettungswagen fahren vor. Überlebende werden geborgen. Einem Mann hängt die verbrannte Haut von den Händen, einer Frau hat sich die Kunststoffhose in die Haut gebrannt. Hogenkamp sieht große, klaffende Wunden. Er wendet sich ab. Wie viele Menschen tot sind, erfährt Hogenkamp erst im Krankenhaus. "Stündlich wurden es mehr. Am Anfang vier, dann sieben, dann zehn." Lange nimmt er an, dass noch immer Überlebende durch den Wald irren. "Heute weiß ich, dass alle tot waren, die das Flugzeug nicht nach dreißig Sekunden verlassen hatten." Hogenkamp bleibt fast unverletzt: Hautabschürfungen am Schienbein, eine Fleischwunde an der Schulter, blaue Flecken. Seine Kollegin hat sich die Hand gebrochen und eine Verletzung am Kopf. Peter Hogenkamp kann diese Geschichte so unaufgeregt erzählen, dass man denken könnte, er sei nicht dabei gewesen. Inzwischen gibt es Tage, an denen er nicht mehr an den Absturz denkt. Und es gibt Tage, an denen ihn sein Schlüsselbund daran erinnert, welch unglaubliches Glück er hatte. Die schwarz verkohlten Schlüssel waren das Einzige, was aus dem Wrack geborgen und einem Insassen zugeordnet werden konnte. Das Fundstück trug die Nummer 001."Ich habe anfangs immer auf den großen Zusammenbruch gewartet. Aber der kam nicht", sagt Hogenkamp. Weil ihm das Sorgen macht, geht er auf Anraten von Freunden zu einem Psychologen. Hogenkamp redet über seine Erinnerungen, über das Verdrängen, über seine Ängste. Doch er scheint alles gut verarbeitet zu haben. "Das Reden ist die eigentliche Therapie für mich. Und je öfter ich diese Geschichte erzähle, desto kleiner wird sie in meinem Kopf." Bis heute hat Peter Hogenkamp nicht von diesem 24. November 2001 geträumt. Nicht von dem Absturz, dem Feuer, den Verbrannten. "Aber es ist ein Unterschied, ob man auf der Couch sitzt und keine Angst hat oder in ein Flugzeug steigt." Als er im Mai 2002 an einem Flugangst-Seminar der Schweizer Fluggesellschaft Swiss teilnimmt und erstmals wieder einen Flieger betritt, sind die Ängste wieder da. "Der Geruch, die Enge, die Sitze und der Gurt - das wirkte alles absolut klaustrophobisch." Hogenkamp kämpft dagegen an. Andere Teilnehmer des Seminars weinen hemmungslos. "Ich habe gedacht, dass es mir noch verhältnismäßig gut geht." Doch als er im August zum ersten Mal wieder nach Berlin fliegt, scheint die Angst stärker als zuvor. Peter Hogenkamp versucht eine Erklärung: "Beim Seminar gab es welche, die viel ängstlicher waren als ich. Aber in diesem Flugzeug war ich mit meiner Angst allein. Das hat sie viel größer gemacht."Peter Hogenkamp ist oft gefragt worden, ob er jemandem die Schuld gibt an diesem Flugzeugabsturz, dessen genaue Ursache bis heute keiner kennt. "Nein", sagt er bestimmt. "Aber es wäre sicher anders, wenn meine Kollegin gestorben wäre." Empfindet er sein Überleben als Schicksal? Wieder schüttelt er den Kopf. "Es hätte doch auch andersrum kommen können. Dann hätten die überlebt, die in der Mitte saßen." Seit jenem Abend vor einem Jahr hat Hogenkamp viel über den Tod nachgedacht. "Natürlich könnte ich heute sagen, dass es zu früh war für mich. Und dass ich jetzt irgendwas machen muss, damit ich mit siebzig Jahren sagen kann: Es war gut, dass ich damals nicht gestorben bin." Aber letztlich habe er sein Leben "erschreckend wenig" geändert. Er ist umgezogen, sagt Hogenkamp. Er hat auch aufgehört, Lotto zu spielen. "Irgendwo hab ich gelesen, dass es wahrscheinlicher ist, mit dem Flugzeug abzustürzen, als im Lotto zu gewinnen." Hogenkamp hat daraus seine eigene Theorie entwickelt. "Wenn ich Lotto spiele, hoffe ich natürlich, dass ich gewinne - also der unwahrscheinliche Fall eintritt. Wenn ich fliege, fürchte ich mich vor einem Unglück, das eigentlich viel wahrscheinlicher ist." Peter Hogenkamp hat sich jetzt gegen den Lottogewinn entschieden und für sicheres Fliegen. "Ich habe ein Geschäft mit mir gemacht", sagt er. "Ich hoffe, dass die Rechnung aufgeht."Zitat: "Ich habe immer auf den großen Zusammenbruch gewartet. Aber der kam nicht. " Peter Hogenkamp.Foto: BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Fundstück 001: Das Schlüsselbund von Peter Hogenkamp war das Einzige, was aus dem Wrack geborgen und einem Passagier zugeordnet werden konnte.