Werktags mag Andreas "die Leere des Morgens" im noch stillen Lehrerzimmer und am Wochenende "das Bild von sich, wenn er im Café saß und die Zeitung las oder wenn er mit einer Baguette unter dem Arm durch die Straße ging". Ort der Handlung: Paris. Wie es sich für ein in Frankreich angesiedeltes Junggesellenleben gehört, unterhält der Schweizer Deutschlehrer zwei Verhältnisse, eines mit Nadja, einer nörglerischen, kapriziösen PR-Beraterin, ein zweites mit Sylvie, einer wohlhabenden Ehefrau. Es ist eine schale Existenz, "eine endlose Abfolge von Schulstunden, von Zigaretten und Mahlzeiten, Kinobesuchen, Treffen mit Geliebten und Freunden, die ihm im Grunde nichts bedeuteten."Doch Andreas, den Helden aus Peter Stamms neuem Roman "An einem Tag wie diesem", treibt plötzlich die Sehnsucht nach Liebe und wahrer, menschlicher Bindung um. Was Stamm ihm zu diesem Thema eingibt, ist das erinnerungsoptimierte Bild der schönen Fabienne, eines französischen Au pair-Mädchens, das Andreas als Jüngling zuhause im Schweizer Dorf einen kurzen Sommer lang glühend verehrte und seither als Idealvorstellung quer durch sein fades Leben mitgeschleppt hat. Andreas schreitet zu einem Entschluss von jener Endgültigkeit wie ihn nur die treffen, die nichts zu verlieren haben: Er kündigt seinen Job, verkauft Wohnung, Hab und Gut, erwirbt - wohl aus atmosphärischen Gründen - einen alten Citroen 2CV und macht sich - sicherheitshalber - mitsamt seiner neuen Reserve-Geliebten Delphine auf den Weg zurück ins Schweizer Dorf, wo Fabienne als Hausfrau und Mutter gelandet ist.Zwar gerät Held Andreas in Bewegung, doch Peter Stamms Erzählung selbst kommt nicht in Schwung. Es ist, als hätte das fahle Naturell seines Protagonisten ihn beim Schreiben behindert. Es herrscht ein glanzloses Gleichmaß von Klang, Szenenaufbau und Rhythmus.Die Leblosigkeit, aus der Stamm seinen Helden befreien will, findet keine lebendige Sprache. Seine Sätze verharren in toter Aneinanderreihung: "Sie zogen sich aus und liebten sich auf dem trockenen Laub. Andreas schloss die Augen und versuchte sich vorzustellen, er schlafe mit Fabienne, aber es gelang ihm nicht. Der Boden war hart, und Delphine sagte, etwas drücke in ihr Kreuz, jetzt könne er mal unten liegen. Dann badeten sie noch einmal. Als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, packten sie ihre Sachen zusammen und fuhren zurück ins Dorf."Die Geschichte erschöpft sich in Monotonie. Wie in Schüler-Erlebnisaufsätzen beginnen Passagen mit "Dann.". Man glaubt dem öden Helden das langsame Auftauen seines Herzens nicht, seine Schritte bleiben unmotiviert, seine Entscheidungen willkürlich. Dass er sich nach einigen blutleeren Treffen mit Fabienne von dieser befreit fühlt und zu Delphine findet, die er zuvor vor den Kopf gestoßen hat, nimmt man ebenso zur Kenntnis, wie wenn es umgekehrt gekommen wäre.Auch das Happy End, das alle äußeren Insignien herzerweichenden Hollywood-Kinos trägt (Atlantikstrand im Gegenlicht, Frau im geblümten Bikini in Brandung), bleibt so kühl wie Delphines meerwasserfeuchter Körper, den Andreas in die Arme schließt. "Und es war ihm, als beobachte er sich und Delphine, als sei er sehr weit entfernt von allem." So geht es auch dem Leser mit seiner Erzählung.------------------------------Peter Stamm:An einem Tag wie diesem. S. Fischer, Frankfurt am Main 2006. 206 S., 17,90 Euro.