Als junger Mann wurde Peter Timm aus dem Gefängnis direkt in den Westen abgeschoben. Die DDR spuckte ihn aus, zuvor war er vom Studium relegiert und wegen "staatsfeindlicher Hetze" verhaftet worden. So was prägt. Timm arbeitet sich mit Filmen an diesen Traumata ab, er versucht sie hinwegzulachen. Mit "Meier" (1986) inszenierte er sein erstes Lustspiel zum Thema: Hauptfigur war ein Tapezierer, der heimlich zwischen Ost- und West pendelt und gerade deshalb zum Aktivisten avanciert. Dann folgten "Go Trabi Go" (1991) und "Der Zimmerspringbrunnen" (2001); diese Komödien erkundeten die deutsch-deutsche Mentalitäten während und nach der Vereinigung.In "Liebe Mauer" blendet der Regisseur nun noch einmal zurück auf die letzten drei Monate der geteilten Hauptstadt. Franzi (Felicitas Woll), ein Mädchen aus tiefster westdeutscher Provinz, reist im September '89 zum Studium nach West-Berlin. Sie stolpert naiv in den Osten, staunt über Brötchen, die nur fünf Pfennig kosten, und hat auch sonst keine Ahnung. Als ihr hinter dem Schlagbaum, mitten im Niemandsland, die Einkaufstüten aus der Hand fallen, ist der ostdeutsche Grenzsoldat Sascha (Maxim Mehmet) zur Stelle: Liebe auf den ersten Blick. Sogleich kommen Stasi-Schnüffler ins Spiel. Und BND und CIA, wobei jeder Geheimdienst versucht, die Liebenden für seine Zwecke auszunutzen."Liebe Mauer" sei, so Timm, vor allem für junge Zuschauer gemacht, die kaum noch was wüssten von der Atmosphäre im gespaltenen Land. Nach dem Film dürfte es ihnen leider nicht besser gehen. Wieder werden vorwiegend Abziehbilder bemüht; das Leben in der DDR wird auf Stacheldraht und Stasi reduziert. Dazu gibt es öde Kaufhallen und eine Gaststätte mit verbitterten Kellnerinnen und "Reserviert"-Schildern auf den Tischen sowie eine Musikalienhandlung, die nur eines Satzes wegen in die Handlung eingefügt wurde: "Kauf die Platte lieber gleich. Morgen ist sie entweder vergriffen - oder verboten."Zu den besten Gags gehören noch die Witze von damals: "Im Kapitalismus herrscht Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Im Sozialismus ist es genau umgekehrt." Ansonsten changiert die Story zwischen Sentiment und Klamauk. Dass der Mauerfall den Liebenden am Ende zur Freiheit verhilft, ist schon bei der ersten Einstellung zu erahnen, was den Film nicht prickelnder macht. Bei so viel dramaturgischer Durchschaubarkeit ist es fast ein lässlicher Recherchefehler, dass bei Timm schon im September '89 "Coming out"-Plakate am Kino International hängen, obwohl Carows Arbeit erst im November uraufgeführt wurde.Was also bleibt von "Liebe Mauer" im Kanon ähnlich gepolter DDR-Delegitimierungsfabeln? Vielleicht die Figur der Oma, gespielt von der großen greisen Gisela Trowe als eine Frau, deren Mann im Konzentrationslager starb und die der Entwicklung der DDR kritisch-lakonisch verbunden ist. Hier lässt Peter Timms forcierte Politposse eine historische Dimension erahnen, die zu vertiefen sich lohnte. Die DDR nur von ihrem Ende her zu betrachten und zu verurteilen, das ist heute billig zu haben. Es gab aber auch einen Anfang. Eine Vorgeschichte. Eine Welt drum herum. Eine Hoffnung. Aufbruch und Agonie. Es gab ein differenziertes Innenleben, mit heftigen Ambivalenzen. Davon zu erzählen, ist der deutsche Kinospielfilm, vom Fernsehen ganz zu schweigen, noch immer weit entfernt.Liebe Mauer Dtl. 2009. Drehbuch & Regie: Peter Timm, Darsteller: Maxim Mehmet, Felicitas Woll, Karl Kranzkowski, Margarita Broich, Gisela Trowe, Uwe Steimle u. a.; 107 Minuten, Farbe.------------------------------Hier werden vorwiegend Abziehbilder bemüht; die DDR wird auf Stasi reduziert.