Der Theaterregisseur Peter Zadek war mit 83 Jahren hochbetagt, und er war schwer krank - es ist kein Wunder und keine Überraschung, dass er starb. Man musste damit rechnen. Dennoch, die Welt ist ganz kurz ein wenig eingeknickt, als Peter Zadek sie in der Nacht zum Donnerstag verließ. Er hat ein reiches, langes Leben gehabt, das es ihm erlaubte, zu tun, was er liebte - das ist wenigen vergönnt. Was heißt es, ein Künstler zu sein? Ein Leben lang mit ganzer Hingabe und vollem Ernst zu spielen - ein herrlicher, unerfüllbarer Daseinstraum, dem Zadek schon ziemlich nahe kam. Dennoch, mit dem Tod kann man sich nicht versöhnen. Elias Canetti hat recht: Der Tod ist ein Skandal.Peter Zadek hat 65 Jahre lang Regie geführt, über 300 Inszenierungen gemacht; er hat Skandale vom Zaun gebrochen, Grenzen eingerissen, ist verwünscht worden und hat Beleidigungen ausgeteilt. Ganz unverhofft fiel die Befreiung des Theaters in der Bundesrepublik vom Nazi-Ruch und Nachkriegsmuff ausgerechnet in die Zuständigkeit dieses Berliners. Peter Zadek, ein Held an Vitalität und Mut, an Angriffsfreude und an Anerkennungsdurst. Auch wenn die Kraft in den letzten Jahren weniger wurde, sein Wille und sein Witz ließen nicht nach.Seine Gebrechlichkeit trug er wie einen würdigen, eleganten Mantel. Er ließ sich von seinen Dramaturgen den Alltag organisieren, man half ihm ins schöne, kostspielige Auto, das ihn brachte, wohin immer er wollte; man besorgte ihm Eintrittskarten, verwaltete seine Börse, bestellte und bezahlte, wonach es ihn gelüstete, erinnerte ihn an Termine. Die Art wie er sein Lieblingshotel, das Atlantic in Hamburg, betrat, die Belegschaft nicht huldvoll, sondern verbindlich zurückgrüßte, zeigte einen Mann, der in der Welt zu Hause ist. Zum Interview ließ er sich in einen Ledersessel in der Hotelbar sinken, überlegte lange und gründlich, welcher Drink zu dieser Tageszeit und zu dem Gespräch passt, ließ ihn bestellen und korrigierte die Bestellung - "Oder nein, bringen Sie mir doch lieber einen Martini!" Und dann überrumpelte er seinen Gesprächspartner geradezu mit einer entwaffnend freundlichen Mischung aus Neugier und Erklärwut.Diese Weltgewandtheit hat bei Peter Zadek ihre ganz enge Schwester in der Weltabgewandtheit. Es gibt ein Foto von ihm auf einer Bank hinter dem Gutshaus in Streckenthin, ein paar Kilometer nördlich von Berlin, das dem Theatermanager Tom Stromberg gehört. Der in der Brandenburger Weite ungestörte Wind pustet Zadek in die Frisur, fern aller Misslichkeiten lächelt er über sein aktuelles Projekt, das der Erfüllung des Lebenstraums noch ein Stück näher gerückt wäre. Er wollte frei von allen theaterbetrieblichen Institutionen, aufgehoben in einer Familie von Lieblingsschauspielern nichts tun als gut leben und Shakespeare probieren. Abends gemeinsam an einem groben Holztisch essen, in den Probenpausen auf einem Kahn über den Schlossteich schaukeln. Es war sein letztes vergleichsweise gar nicht mal so größenwahnsinniges Projekt, seine Gesundheit hat es nicht mehr zugelassen. Die Schauspieler konnten ihm wegen der Premierenverschiebungen und -absagen die Treue nicht halten; sie hatten ja noch ihr eigenes Leben, was Peter Zadek einzusehen sicher nicht ganz leicht fiel.In seiner Autobiografie, die bisher zwei dicke Bände umfasst und nur bis ins Jahr 1980 reicht, kann man nachlesen, dass an Zadeks für einen großen Regisseur absolut notwendiger Egozentrik ein bisschen seine liebe Mutter schuld ist. Zadek ist 1926 in Berlin auf die Welt gekommen, als Junge einer völlig assimilierten jüdischen Familie. Er mochte das "Tamtam und Tralala" der SA-Aufmärsche und war nicht einverstanden, als die Familie 1933 nach London, und später, als die Bomben fielen, ins ruhigere Oxford emigrierte. Die Schrecknisse hielt die Mutter von ihm fern. "Später wird der Junge es schwer genug haben, also verwöhnen wir ihn jetzt", soll sie gesagt haben. Nicht einmal die Schokohasen musste der kleine, damals offenbar schon pazifistische und allen Wesen dieser Welt erst einmal zärtlich gegenübertretende Peter selber schlachten; er bekam sie zerstückelt auf einem Teller überreicht."Ich glaube, mein Geschmack hat sich seit meiner Kindheit nicht sehr verändert. Ich wollte realistische Zeichnungen ansehen und abenteuerliche, auch brutale Geschichten lesen. Konkrete Dinge interessierten mich damals schon mehr als künstliche, stilisierte." Auch seine Theatertheorie geht auf seine Kindheit zurück: "Der Ursprung des Theaters ist für mich, wenn ich mir als dreijähriger Junge eine Mütze aufsetze und sage, ich bin jetzt der König von Lusitanien."Er studierte Regie an der Old Vic Theatre School in London, jobbte als Cutter beim Film und versuchte irgendwann, mit viel Aufwand und Leidenschaft, seine erste Inszenierung. Sie geriet zum Desaster und das nicht nur, weil eine Tänzerin fast nackt auftrat. Zadek ging nach Wales und schrubbte als Provinzregisseur, der wöchentlich eine neue Inszenierung herauszubringen hatte. Zur Sensation wurde seine Londoner Uraufführung von "Der Balkon" des Skandalautors Jean Genet, mit dem er darüber allerdings in Streit geriet, was bei allem Respekt schon mal vorkommen kann zwischen Autoren und Regisseuren. Das war 1957, ein Jahr später kam er nach Deutschland zurück. Ihm war aufgefallen, dass nicht nur die Engländer ihn, sondern auch er die Engländer nicht besonders leiden konnte. Waren ihm die Deutschen sympathischer?Jedenfalls hob er sich mit seiner Coolness und seiner Eleganz, seinem Humor, seinem geistigen Sexappeal, mit seiner Unerschrockenheit in Deutschland besser ab vom Braven, Konzeptionellen, Geprüften, Abgewogenen. Er kannte keine Berührungsängste zum Boulevard, zur Revue und zum Musical, er scheute keine aktuelle, gesellschaftliche Provokation.Sein Ulmer "Kaufmann von Venedig" von 1961 brachte dem Juden in Deutschland denn auch gleich den Vorwurf des Antisemitismus ein. Von 1963 an war er Schauspieldirektor unter Kurt Hübner in Bremen und nahm mit seiner revolutionären Inszenierung von Schillers "Die Räuber" - ohne sich später groß dafür zu interessieren - den Geist von 68 voraus. In Bremen kreuzte sich Zadeks Weg mit dem des anderen deutschen Theaterweltmeisters, mit Peter Stein. Es wurde bald zu eng, und Zadek übernahm in Bochum erstmals ein eigenes Theater.Auch das muss eine wilde Zeit gewesen sein, in der Legenden ihren Ursprung nahmen. Übermütige Revuen sowie kraftvolle, offenherzige und seelenkundige Stückzertrümmerungen wechselten mit feinfühligen Tschechow- und Ibsen-Inszenierungen. Es begann die Zusammenarbeit mit dem unbezähmbaren Schauspieler Ulrich Wildgruber, spätestens mit dem gemeinsamen "Othello" von 1976 begann eine neue Ära des deutschen Theaters.Es ist nicht verwunderlich, dass administrative und theaterverwalterische Obliegenheiten eigentlich nichts Rechtes sind für einen Peter Zadek, so nahm er sich 1979 als Theaterdirektor erst einmal eine Pause, um es 1985 mit dem Hamburger Schauspielhaus noch einmal zu probieren. Nach einem grandiosen Einstieg mit Inszenierungen von Joshua Sobols "Ghetto" und dem Musical "Andi" stellte sich das als kein so glücklicher Griff heraus, die Bemühung um Publikumsnähe verlor zunehmend an Frische.Ähnlich glücklos war nach der Wende seine Zeit in Berlin. Damals, 1992, begann eins der wagemutigsten, vielversprechendsten, deutsch-deutschen Theaterexperimente, da übernahm er zusammen mit Heiner Müller das Berliner Ensemble. Dass dabei nicht viel mehr herausgekommen ist als Zank und Beleidigtheit, ist eine große Tragödie, die der später schwer verbitterte und bis zuletzt auf die Kritiker schimpfende Zadek auf seine Weise überwunden hat: nämlich spielend, weiterspielend. Als freier Regisseur auf den wichtigsten Bühnen. Nun immer mehr aufs Wesentliche und Eigentliche konzentriert.Peter Zadek, der die Proben mehr als die Premiere mochte, zögerte das Ende heraus, er kitzelte die Stücke, bis die Funken flogen, er strafte sie mit Missachtung, um sich von ihnen überrumpeln zu lassen. Er trieb sich im Boulevard herum, knackte schwierige Texte von Gegenwartsdramatikern. Er war kein Eroberer, sondern ein Entdecker. Das Liebesspiel der Probe war bei ihm alles andere als ein Training von Virtuosität. Er mochte keine Konzepte - wie auch, sie sind der Feind jeder Liebe.------------------------------Lieber Peter,Du unverwüstliche Schildkröte des Welttheaters, Du qualitätsfordernder, egomanischer, charmanter, charismatischer Rebell, Du nichts außer Dich geltenlassender Monsterregisseur lässt uns zurück.Wir hätten gern noch ein paar Strapazen auf uns genommen, um deine Qualität zu genießen. Jetzt sollen wir uns wohl von dir erholen? Weit gefehlt, Du fehlst uns jetzt schon. Denn auch wenn wir auf Dich sauer waren (jetzt heißt es schon waren, wir sind es ja noch) so hast Du uns immer zu denken gegeben. Du bist anwesend und präsent - wie immer. Die Reihe, in die Du Dich stellst, ist erschreckend, dieses Jahr 2009 ist verlustreich: Monika Bleibtreu, Jürgen Gosch, Pina Bausch, Traugott Buhre, Merce Cunningham. Macht 'ne Party, wo immer Ihr seid, wir machen auch eine, bei Festspielen Berlin, den Wiener Festwochen, im Schauspielhaus Hamburg, am Burgtheater und überhaupt.Natürlich hast Du Dir die Spielzeitpause für den Abgang ausgesucht, typisch. Dein Tom StrombergTom Stromberg ist Theater-Manager und war ein Freund und Wegbegleiter von Peter Zadek------------------------------STIMMENPeter Zadek war für mich persönlich der größte Regisseur überhaupt. Er war für mich der Mensch, von dem ich in meinem Leben am meisten gelernt habe. So wie ein guter Musiker jeden falschen Ton sofort hört, hat er sofort gemerkt, wenn sich ein Schauspieler verstellt. Er hat einen Schauspieler davon befreit, sich zu verstellen und ihn dazu gebracht, sich zu enthüllen. Ich habe ihm in der Arbeit alles geglaubt. Mit ihm zu arbeiten, war wie eine große Reise: mit allen Aufs und Abs, nicht gemütlich, sondern aufregend - man brauchte sehr viel Mut.Gert Voss, Schauspieler am Wiener BurgtheaterEr verstand es bis zuletzt, mit seinen Schauspielern ein Theater mit Menschen für Menschen zu kreieren - frei von bemühten Bilderwelten oder Zerrbildern der Moderne.Er war uns beispielhaft in seinem kritischen, politischen Engagement, gespeist aus seinem jüdischen Emigrantenschicksal. Diese Wachsamkeit, seine Sensibilität für Kommendes, seinen politischen Instinkt und seine Liebe zum Menschen werden wir sehr vermissen.Klaus Staeck, Präsident der Akademie der KünsteEr sagte und dachte immer überraschende Dinge aus einer immerwährenden Tiefe. Er fürchtete den Tod wie niemand: Da er an nichts - mehr - nach dem Ende glaubte, hat er intensiv gelebt und gefühlt. Er war brutal und verletzlich, hat als deutscher Jude an den Deutschen gezweifelt. Aber die Sprache und Deutschland waren seine Kultur. Ich bin sehr traurig und bin mit meinen Gedanken bei seiner Frau Elisabeth Plessen.Luc Bondy, Regisseur und Intendant der Wiener FestwochenWie kaum ein anderer Künstler hat Peter Zadek die deutsche Bühnenlandschaft seit den 1960er-Jahren geprägt und verändert. Die künstlerische Energie seiner Inszenierungen war beispiellos. Wie Shakespeare, in dessen Tradition er sich sah, gelang es Zadek, populäres Theater mit hohem intellektuellem Anspruch zu verbinden.Kulturstaatsminister Bernd NeumannMit unermüdlicher kreativer Energie hat Peter Zadek über Jahrzehnte hinweg insbesondere das Theater im deutschen Sprachraum durch seine Inszenierungen bereichert und geprägt. Immer gelang es ihm, sein Publikum tief zu berühren.Angela Merkel, BundeskanzlerinWir verlieren mit Peter Zadek einen der bedeutendsten Regisseure unserer Zeit und eine herausragende Künstlerpersönlichkeit.Horst Köhler, Bundespräsident------------------------------Foto: Peter Zadek hat 65 Jahre lang Regie geführt, über 300 Inszenierungen gemacht und ist 83 Jahre alt geworden.