Zu dieser Geschichte, sagt der Pastor, paßt nicht mal ein Bibelspruch. Und der paßt doch eigentlich immer. Höchstens diesen könnte er sich vorstellen: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Komischerweise scheint er der einzige Sünder auf der Welt zu sein, wenigstens in Klein Döbbern, in Brandenburg, wo er lebt. Dort prasseln die Steine nur so auf ihn nieder. Aber sollen sie alle ruhig schmeißen das Dorf, die Kirche, seine Frau. Er hat besseres zu tun. Die Presse braucht ihn jetzt. Ihn und diese Geschichte. Die Geschichte mit dem Striptease. Versperrte SichtDer Pfarrer hat die Puppen tanzen lassen, haben die Leute im Dorf in der Zeitung gelesen. Eine Stripperin hat er engagiert, für seine Wahlkampf-Abschlußparty. Achtzig Kilometer weiter, im sächsischen Arzberg, wollte er Bürgermeister werden, SPD-Bürgermeister. In der Partei ist er seit der Wende schon, und Arzberg kennt er gut, da hat er mal gelebt und gepredigt, gleich nach dem Theologiestudium in Leipzig und Erfurt. Und weil die erste Gemeinde sowas wie die erste Liebe ist, sagt der Pfarrer, wollte er da wieder hin. Das wird nun nichts nach diesem nackten Abend im Triestewitzer Lindeneck, einem Ortsteil von Arzberg. Die Arzberger wollen ihn nicht, die Kirche will ihn auch nicht mehr, und er selbst, Wolfgang Triebe, wollte schon ein Jahr lang kein Diener Gottes mehr sein. Höchstens privat. Diese Firma ist unfähig, sagt er über die Kirche, die redet mit gespaltener Zunge. Und das mit dem Kirchenamt sollte sowieso nicht bis zur Rente gehen. Nur die Sache mit dem Slip-Ausziehen, die war so nicht geplant. Ein bißchen Disco wollte er machen, für die jungen Menschen, seine Wähler, aber nicht nur "so ein Vier-Stunden-Bumm-Bumm". Kadica fiel ihm ein, die er von der Seelsorge her kannte. Eine junge Frau aus Ex-Jugoslawien, Bürgerkriegsflüchtling, noch nicht mal 20. Bauchtanzen könne sie, erzählte sie dem Pfarrer und war auch oft bei Triebes zu Hause, schmiß die Wirtschaft, spielte mit den Kindern. Da hat er sich ihre "Fähigkeiten mal angesehen", sagt der Pfarrer, weil man ja nicht die Katze im Sack kauft für eine Wahl-Veranstaltung. Daß Kadicas Freundin Elma , die "nur so mit reingerutscht ist an diesem Abend", allerdings gleich einen "knallharten Strip" hinlegen würde, das konnte er nicht ahnen. Sagt Triebe. Er konnte den Strip noch nicht mal sehen. Ein Mann vom Wachschutz habe ihm die Sicht versperrt.Manche reden von JähzornDas Zeter und Mordio der Kirchenleitung, das ist doch aufgesetzt, meint Triebe. Er ist nun mal kein typischer Pfarrer, sagt der Pfarrer, nicht bigott, nicht prüde, und wie eine Frau aussieht, weiß er auch. Er lebt viel zu gern und er weiß, welche Zeitschriften an Tankstellen herumliegen, und auch Elma kennt er inzwischen besser. Weil er schon immer mehr mit der Jugend gemacht hat und die "viel aufgeschlossener" ist. "Die Elma hat eben Spaß am Leben und denkt: Morgen kann ich tot sein."Der Pfarrer und das Dorf das hat nie so richtig hingehauen. Von Jähzorn sprechen manche, von Frauen flüstern andere, von Alkohol raunen viele. Ach Gott, sagt Triebe, mal ein Schnaps zuviel oder ein Mädchen im Auto "das versteht so ein Bauer natürlich falsch, der den ganzen Tag nur seine Alte sieht". Auch der Rest klingt wenig pastoral: Ja, er flirtet gern, und begrüßt es, wenn Frauen sich zurechtmachen. Und ja, er hat mal einen Stuhl geschmissen, weil ihn eine Konfirmandengruppe so piesackte, daß er die Beherrschung verlor. Und nochmal ja, zur Kur in Berlin war er auch. Aber nur, weil er sich ausgebrannt fühlte. Das Töpfern und Malern hat ihm gut getan. Aber das andere alles Quatsch. Nie hatte er ein Problem mit dem Alkohol, nie hatte er was mit den Mädels aus dem Asylbewerberheim, und nie ist er im Puff gewesen. Viel zu teuer, Spießbürgerphantasien, sagt Triebe. Er glaubt zu wissen, warum sie so etwas reden: "Ich bin zu groß für dieses Dorf."Das Dorf, das sind nur ein paar Häuser, hingewürfelt in die Niederlausitz, eine Kneipe, eine Schule, eine Kirche, 328 Menschen. Ein neues Gesicht, ein anderes Autokennzeichen etwas Fremdes ist hier schnell rum. Und jeder kann jeden sehen. Auch deshalb will Frau Triebe, die Christenlehrerin, nichts sagen, will zurück ins Haus, nur ein paar Worte an der Tür, die Presse lügt ja doch. Große Fehler hat mein Mann gemacht, sagt sie, jetzt muß ich meine Kinder schützen. Viel Zeit für InterviewsEigentlich ein kluger Kopf, der Triebe, sagt Bürgermeister Willhöft. Belesen und auch politisch auf Draht. Obwohl er sich immer gewundert hat, daß der SPD ist und nicht CDU. Weil das "C" doch für christlich steht. Reden konnte der auch, einmal war er, Willhöft, in seinem Gottesdienst. Soviel zum Guten. Andererseits wollte der Triebe immer nur saufen und rauchen mit den Konfirmanden. Nie hat er sich in der Gemeindevertreterversammlung sehen lassen, sagt Willhöft, immer hat er nur von Kreistag und Bundestag getönt. Wollte hoch hinaus. Er da oben, das Dorf da unten. Irgendwie krank. Und Depressionen sollen da ja auch gewesen sein. Gottes Hirte war schon lange ein schwarzes Schaf. Immer ging es nur so im Dorf: Hast du schon gehört, was unser Putzi wieder gemacht hat? Ja, Putzi haben sie ihn genannt, sagt Willhöft, warum auch immer. Er ist nur froh, daß der Ort nicht in Verruf geraten ist. Sollen sie ruhig in den Hecken sitzen, die Reporter, er, im übrigen, habe andere Sorgen. Neue ABM-Stellen müssen ran. Sie hätte ihn über den Jordan geschickt, sagt eine Horterzieherin, die ihren Namen nicht nennen will. Und war das nicht gerade unser Pfarrer? dachte sie einmal, als einem Mädel hinterhergepfiffen wurde. Wie ein Manager ist er immer rumgelaufen, sagt sie, dort drüben, an der Kirche. So etwas macht man nicht, wenn man Pfarrer ist, schimpft Bianca, eine 14jährige aus dem Dorf. Die Männer im Getränkeladen Gentsch suchen nach Erlärungen, ihre Gesichter sind rot, ihre Biere halbleer: Vielleicht, sagt einer, wollte er schon lange weg von Kirchens. Der Generalsuperintendent der Evangelischen Landeskirche spricht von Schande und Gotteslästerung. Und er ist außer sich. Zwei jugoslawische Mädchen habe Triebe "auf den Weg zum Strich gebracht und seiner Gemeinde "einen Schlag ins Gesicht verpaßt". Den Jähzorn, den Alkohol, die Depressionen er will nicht dementieren, was im Dorf Gesprächsstoff ist. Triebe sagt, es geht voran. Der Pfarrer plant den Neuanfang. Alle sieben Jahre, hat er sich mal überlegt, muß was Neues sein. Jetzt ist er 42. Und Bäcker war er schon. Ganz sicher wird es bald stehen, "Wolfs Service Center". Wolf wegen Wolfgang, Wolfgang Triebe. Nicht "Spaßmädchen", wie es schon einige Blätter geschrieben haben. Das fiel ihm nur als erstes ein. Wegen der Spice Girls. Die Stripnummer vermittelt er dann professionell. Vielleicht auch Musiker. An Kneipen, Discos, Familienparties. Und den Werbespot, in dem "die Mädchen sich bewegen" und den es schon eine Weile gibt, den macht er nochmal neu. "Der wird dann softig angelegt", sagt Triebe. "Ein ordentliches kulturelles Angebot solls werden", sagt der Pfarrer in breitem Sächsisch. Eins, bei dem am Ende "ein gemeinsames Produktionsergebnis steht". Von Volksmusik bis Rockmusik. Raus will er, aus der "Schmuddelecke". Und deshalb macht er jetzt Termine, Pressetermine vor allem. Mit RTL, MDR, Sat 1. Explosiv will schon zum zweitenmal.Die Journalisten bestellt Triebe nach Gallinchen, ein paar sichere Kilometer von Klein Döbbern entfernt, ins Hotel am Jahrmarkthof. "Konferenzzentrum" nennt er den Kellerraum mit der braunen Holztapete. Die Miete zahlt er selbst. Zwischen Kunstblumen und Spielautomaten nimmt er sich Zeit für Interviews. Viel Zeit. Zuerst, sagt er, hat er die Schnellschießer bedient, denn ohne die wären die Soliden nicht gekommen. Nur die Sache mit dem Sexheft in der Kirche hätte er nicht machen sollen. Ein bißchen darin herumblättern, vor dem Taufbecken, für RTL. Die Kirche hat die Schlösser ausgetauscht, und er darf nicht mehr rein. Es schmeichelt Triebe, das Objekt öffentlichen Interesses zu sein. Und mit Öffentlichkeit kennt er sich aus. Das ist doch alles fast dasselbe, sagt er. Ob er nun den armen, alten Muttchen von der Kanzel predigt, als SPD-Mensch Politik macht oder mit den Striptease-Mädchen Freude unter die Leute bringt.

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