Auf verseuchten Böden, so die landläufige Meinung, sollte man nichts anbauen. Altlastenexperten sehen das anders: Durch den Anbau bestimmter Pflanzensorten, die großen Hunger auf giftige Stoffe haben, können verunreinigte Böden einfach und preiswert gereinigt werden.Eine Pflanze braucht zum Wachsen eine ganze Reihe von Nährstoffen, die sie dem Boden entnimmt. Unter diesen "Nährstoffen" sind auch für den Menschen giftige Stoffe: So gibt es schätzungsweise 30 bis 40 Pflanzenarten, die Schwermetalle oder auch Sprengstoffe aufnehmen und in Stiel und Blättern ablagern, ohne Schaden zu nehmen. Dazu gehören das Hellerkraut, die Brennnessel, bestimmte Weide- und Pappelarten, Knöterich, Tabak und Raps. Obwohl das Prinzip dieser sogenannten Phytoremediation bestechend ist, hatten Pflanzen als Bodensanierer in Deutschland bislang kaum eine Chance. Biologische Verfahren zur Altlastensanierung arbeiten derzeit fast ausschließlich mit Bakterien, die ohnehin im verunreinigten Boden leben und dort bestimmte Schadstoffe abbauen. Doch der Hunger dieser winzigen Organismen hat seine Grenzen: Der Abbau verläuft meist sehr langsam und unvollständig, so daß Gifte im Boden zurückbleiben. Im Vergleich dazu bieten Pflanzen Vorteile: Sie können ganz gezielt je nach Schadstoff ausgewählt und auf der verunreinigten Fläche angebaut werden. "Die Sanierung mit Pflanzen ist einfach, kostengünstig und genehmigungsfrei", resümiert Elke Haase, Geschäftsführerin der Firma Piccoplant in Oldenburg. Die Biologin ist überzeugt, daß man die Fähigkeit von Pflanzen zur Bodenreinigung gar nicht groß genug einschätzen kann. Mit ausgesuchten Arten lassen sich ihrer Ansicht nach Ackerflächen wieder sauberbekommen, die lange Jahre mit schwermetallhaltigem Klärschlamm gedüngt wurden. Auch das Gelände um Betriebe der metallverarbeitenden Industrie, wo Schwermetalle mit dem Abgas oft weiträumig verteilt wurden, wären Kandidaten für die Phytoremediation. "Bei jeder zweiten Altlast" so schätzt Piccoplant-Mitarbeiter Jens Varnskühler, könnten Pflanzen einen Teil der Schadstoffe aus dem Boden holen." Derzeit sind die beiden Biologen Haase und Varnskühler auf der Suche nach einer Versuchsfläche, auf der sie in einem Großversuch zeigen können, wie und unter welchen Bedingungen die Sanierung mit Pflanzen funktioniert.Weiter sind da heute schon die Amerikaner. Wissenschaftler der Firma Phytech Inc. in Monmouth Junction (New Jersey) pflanzten Raps auf dem Gelände einer ehemaligen Batteriefabrik, wo Teile des Bodens mit Blei kontaminiert sind. Bleikontaminationen bereiten den Sanierungsfirmen meist Kopfzerbrechen, da das Schwermetall kaum wasserlöslich ist und so von Pflanzen nur schwer aufgenommen werden kann. Durch Zugabe von Zitronensäure gelang es den Amerikanern dann doch, das Schwermetall von den Bodenteilchen abzulösen und für den Raps zugänglich zu machen. Die Erfolge konnten sich sehen lassen: Nach drei Wachstumsperioden im vergangenen Sommer sank der Bleigehalt von ein bis drei Gramm pro Kilogramm Boden auf rund 0,6 Gramm ab. Erlaubt sind nach Vorgaben der zuständigen Behörden 0,4 Gramm Blei pro Kilo Boden. Diesen Grenzwert wollen die Sanierer im kommenden Sommer unterschreiten. Was aber geschieht mit den geernteten, schadstoffreichen Pflanzen? Die Amerikaner planen, den Raps bei rund 400 Grad Celsius zu rösten, aus der bleihaltigen Asche das Schwermetall zurückzugewinnen und es wieder an die Industrie zu verkaufen. Gelingt es, auf diese Weise den Kreislauf zu schließen, dann geht auch die Kostenrechnung der Forscher auf: Die Phytoremediation kostet nur ein Zehntel der Deponierung und nur einen Bruchteil einer Bodenwäsche.Allerdings hat die Phytoremediation Grenzen. So wird der Boden nur im Wurzelbereich gereinigt. Tiefere Schichten erreicht die Pflanze nicht. Außerdem können Pflanzen nur bestimmte Schadstoffe und nur unterhalb einer für sie giftigen Konzentration aufnehmen - hochgradig verseuchte Flächen eignen sich nicht. Sind Böden mit mehreren unterschiedlichen Schadstoffen belastet - was in der Praxis meist der Fall ist - ist oft ein Stoff dabei, der für die Pflanze Gift ist und ihr Wachstum einschränkt. Überdies wachsen viele der pflanzlichen Sanierer nur langsam und bilden zu wenig Biomasse - dadurch ist die Aufnahme von Giftstoffen von der Menge her eingeschränkt. Durch die Züchtung von Hochleistungssorten könnte dieses Problem gelöst werden. Bei Knöterich ist das bereits gelungen.So optimierte Pflanzen hätten ungeahnte Reinigungspotentiale. Neben schwermetall-verseuchten Böden könnten solche Pflanzen auch bei der Sanierung militärischer Altlasten helfen, wo meist das hochgiftige Trinitrotoluol (TNT) im Boden eine Nutzung des Geländes unmöglich macht. Spektakulär war ein Pflanzversuch mit Raps unweit des havarierten Atomkraftwerks Tschernobyl: Nach zwei Wachstumsperioden war der Gehalt an radioaktivem Cäsium-137 im Boden deutlich gesunken. +++

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