NAIROBI. Auf die Entscheidung, die der höchste Gerichtshof der USA gestern gefällt hat, haben viele nigerianische Familien 14 Jahre gewartet. Da die US-Richter nun auch den letzten Einspruch des Pharmagiganten Pfizer zurückgewiesen haben, dürfen die Eltern behinderter, missgebildeter und mittlerweile gestorbener Kinder in den Vereinigten Staaten gegen Hersteller klagen. Ihr Vorwurf: Der Konzern soll während einer Meningitisepidemie an ihren Kindern ein neues Antibiotikum getestet haben - ohne sie davon in Kenntnis zu setzen. Pfizer weist die Vorwürfe zurück, muss sich nun aber dem Prozess stellen.Elf Kinder starbenAn den schicksalhaften Tag vor vierzehn Jahren kann sich etwa Alhadschi Ali Darma noch genau erinnern. Seine fünfjährige Tochter Nadschatu hatte sich mit Meningitis infiziert, die 1996 in der nord-nigerianischen Stadt Kano so stark grassierte wie noch nie. Die Regierung rief im Radio dazu auf, sich im staatlichen Krankenhaus zu melden. "Wir wurden in einen Raum geführt", berichtet Ali Darma. "Zwei Männer gaben meiner Tochter Spritzen und legten ihr ein gelbes Plastikarmband an. Dann schickten sie uns nach Hause." Doch Nadschatu erholte sich nicht, im Gegenteil - ihr Zustand verschlechterte sich rapide. Heute ist die Jugendliche taubstumm. Andere Kinder erlitten Hirnschäden oder sind schwer körperbehindert. Elf Kinder sollen gestorben sein. Alles eine Folge der Behandlung, glaubt Nadschatus Vater.Denn im Krankenhaus von Kano gaben nicht nur Mediziner von "Ärzte ohne Grenzen" langjährig bewährte Medikamente aus. Gleich nebenan erprobten Ärzte im Auftrag von Pfizer ein neues Medikament namens Trovan. Bis zu 200 Kindern soll das Medikament verabreicht worden sein, das sich noch in der Prüfungsphase befand. In der EU wurde es 1999 verboten. Zwar behauptet der Konzern, eine Erlaubnis für den Test gehabt zu haben, doch die Beweise sind umstritten. Ein Genehmigungsschreiben soll von der Ethikkommission des Krankenhauses stammen. Doch berichten lokale Ärzte, dass die Kommission erst ein halbes Jahr nach dem Vorfall eingerichtet wurde.Die Eltern der damals mit Trovan geimpften Kinder sind nicht die ersten, die gegen Pfizer vor Gericht ziehen. Vor fünf Jahren klagte bereits die Regierung des Bundesstaats Kano auf Schadenersatz. Im April vergangenen Jahres einigten sich beide Seiten auf einen Vergleich. Demnach überwies der US-Pharmakonzern 75 Millionen US-Dollar an die Provinzregierung. Was allerdings genau mit dem Geld geschehen ist, ist unklar. Versprechen, mit der Summe den Familien der Opfer zu helfen, sollen nach Angaben von örtlichen Menschenrechtsaktivisten in Kano nicht eingehalten worden sein.Ethisch unakzeptabelPfizer selbst beteuerte schon im ersten Prozess, man habe sich nichts zu Schulden kommen lassen. So erklärte Pfizersprecher Bryant Haskins: "Die nigerianische Regierung war über alle Details des Tests informiert, zudem sind die Tests ethisch einwandfrei durchgeführt worden und die Patienten wussten Bescheid." Das sieht Oliver Moldenhauer von "Ärzte ohne Grenzen" anders. "Man muss klinische Studien von Noteinsätzen trennen, damit die Patienten nicht in die Irre geführt werden."Moldenhauer fordert zudem, dass Medikamententests dort durchgeführt werden, wo die Bevölkerung von den Ergebnissen profitiert. "In Nigeria wurden Tests für die Zulassung auf dem US-Markt durchgeführt, das ist ethisch unakzeptabel." Der Aids-Experte Leonard Okello von der Entwicklungsorganisation ActionAid warnt, dass in afrikanischen Staaten oft grundlegende Gesetze fehlten, um Testteilnehmer zu schützen. Niemand kontrolliere, ob tatsächlich jeder über alle potenziellen Folgen aufgeklärt würden. "Viele Leute sind zudem so arm, dass sie alles tun würden, um ein bisschen Geld zu bekommen."------------------------------Grafik: Pfizer Nettogewinn in Milliarden Dollar (2005 bis 2009)Foto: Pfizer-Zentrale in New York: Pharmakonzern beteuert seine Unschuld.