SYDNEY, 12. September. Der Österreicher Philipp von Schoeller zählt seit 1977 zu den Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees. Der 79 Jahre alte Bankier gehört zu den unabhängigen Stimmen im IOC. Bei zwei der umstrittensten Abstimmungen des vergangenen Jahrzehnts gehörte er zu den jeweils nur zehn Mitgliedern, die gegen Samaranchs Garde votierten: 1991 stimmte er gegen die Aufnahme des Mexikaners Vazquez Rana, 1995 gegen die Erhöhung des Alterslimits auf 80 Jahre. Am heutigen Mittwoch will er sich freiwillig aus dem IOC verabschieden. Ein Gespräch über die Günde einer vorzeitigen Demission.Gibt es Momente, in denen es Ihnen peinlich ist, IOC-Mitglied zu sein?Ich bin sehr gerne IOC-Mitglied, aber es gibt Momente, in denen mein Unverständnis für manche Dinge, die passieren, sehr groß ist.Warum äußern Sie dieses Unverständnis nicht laut und deutlich?Ich artikuliere das doch. Auf der Session. Überall, jederzeit. Dies ist die dritte IOC-Session, die von Journalisten an TV-Bildschirmen verfolgt werden kann. Seit Seoul 1999 wurden niemals die kritischen Fälle erwähnt. Nicht Bob Hasan, nicht Schamil Tarpischtschew, nicht Francis Nyangweso, auch nicht andere übel beleumundete Mitglieder. Sind Sie und Ihre Kollegen zu feige, das offen zu kritisieren? Was bringt es, wenn man da jetzt noch öffentlich Öl ins Feuer gießt? Nichts bringt das. Die Fakten liegen ja auf dem Tisch. Glauben Sie mir, das wird nicht untergehen. Das Exekutivkomitee sieht das anders. Samaranch und seine Crewmitglieder behaupten, gegen all diese Kollegen liegt nichts vor.Sie dürfen sicher sein, dass diese Dinge jetzt weiter verfolgt werden. Man kommt nicht mehr dran vorbei. Der öffentliche Druck ist zu groß. Da muss ich auf der Session nicht noch aufstehen und herausschreien, Herr X oder Herr Y ist ein Gauner. Ich kann nur sagen, dass ich glücklich darüber bin, dass die australische Regierung hart geblieben ist und die Einreiseverweigerung gegen Rachimow und Ching nicht aufgehoben hat. Ich habe es auch nicht gut gefunden, dass Präsident Samaranch für diese Leute interveniert hat. Das war ein Fehler. Dem Indonesier Bob Hasan soll in Jakarta noch im September, während der Olympischen Spiele, der Korruptionsprozess gemacht werden. Können Sie es ertragen, mit einem solchen Mann gemeinsam im selben Klub zu sein? Es ist schwer zu ertragen. Warum dieser Mann ins IOC gekommen ist, weiß ich nicht. Es fehlt einem das Verständnis dafür, dass Bob Hasan noch Mitglied ist. Das ist ein Thema, das möglicherweise am Mittwoch auf der Session noch eine Rolle spielen wird.Aber Sie haben 1994 in Paris wie alle anderen für die Aufnahme Bob Hasans in IOC gestimmt. Wie lief das damals ab? Man bekam irgendein Papier, in dem alle Verdienste der Leute erwähnt wurden. Und dann stand irgendeiner auf und applaudierte, damit war die Wahl erledigt. Ich hoffe, das wird es künftig nicht mehr geben. Warum eigentlich nicht? Es muss im nächsten Jahr doch nur der von Kim Un Yong unterstützte Kandidat IOC-Präsident werden. Oder gar der Südkoreaner selbst, der im vorigen Jahr nur knapp dem Ausschluss entging. Jetzt ist er wieder sehr mächtig. Beunruhigt Sie das? Ist Kim wirklich so wichtig? Er kann die Wahlen entscheiden. Da dürften die Meinungen sehr auseinander gehen. Ich glaube das nicht. Er sammelt schon Stimmen und hat vier IOC-Mitglieder in seinen Taekwondo-Vorstand geholt. Das nützt alles nichts. Sie bauen auf eine demokratische Allianz? Wenn Sie das so bezeichnen wollen, bin ich einverstanden. Es gibt viele Mitglieder, denen ich vertraue und die sich einig sind. Zu Ihren Vertrauten zählt sicher auch der Norweger Gerhard Heiberg. Der hat auf der IOC-Session am Dienstag die korruptiven Praktiken zum Nachteil der Sportler im Box-Weltverband AIBA beklagt. Jedoch nannte er keine Namen, weder Chowdhry noch Baker oder Rachimow. War das nicht zu zurückhaltend? Die Gegenseite ist in solchen Dingen weniger zimperlich. Es gibt gewisse Formen, die einzuhalten sind. Jeder im IOC hat ganz genau gewusst, was gemeint ist. Da musste Heiberg nicht deutlicher werden. Wenn man nicht deutlicher wird, ändert sich doch erst recht nichts. Das ist nicht gesagt. Heiberg hat die Probleme in der AIBA angesprochen. Mit einem groben Klotz zu kommen, wäre kontraproduktiv gewesen. Es ist doch selbstverständlich, dass beim olympischen Boxwettbewerb jetzt doppelt und dreifach aufgepasst wird, nachdem doch nun alle Details sehr eingehend in den Medien geschildert worden sind. Sie werden in einem Jahr 80 Jahre alt und müssten deshalb am 31. Dezember 2001 aus dem IOC ausscheiden. Warum wollen Sie schon am Ende der Olympischen Spiele in Sydney zurücktreten?Ich habe Präsident Samaranch einen Brief geschrieben. Er wird meinen Rücktritt an diesem Mittwoch verkünden, und ich werde dazu eine Erklärung abgeben. Was ich dort sagen will, werde ich vorher niemandem verraten. Es werden wohl die Abschiedsworte eines großen Romantikers sein. Sie haben schon des Öfteren den Verlust des Amateurismus beklagt . . das stellen Sie ein wenig verkürzt dar. Der Amateurstatus samt seinen geistigen Positiva ist durch die Zeit überholt worden. Man hat ihn fallen lassen, aber man hat ihn durch nichts ersetzt. Das ist das, was ich so kritisiere. Die Ursache für die Misere, in der sich das IOC immer noch befindet, ist der Mangel an jeder Sportphilosophie, an jeder ausformulierten Ethik. Denn das, was heute als Code of Ethics hingestellt wird, ist nichts weiter als ein Verhaltenskodex. Das ist viel zu wenig. Dass ich nicht stehlen darf, steht doch schon in der Bibel. Dazu brauche ich keinen Code of Ethics. So lange sich die Leute nicht einmal die Mühe machen zu definieren, was Sport überhaupt ist, so lange ist jede Rederei über Wohlverhalten vergebene Liebesmüh. Samaranch hat immer ein paar Wörter parat. Er predigt in allen Variationen die Begriffe Familie, Einigkeit, Frieden, Jugend . . das steht alles in der Charta. Das ist ja auch alles ganz schön und gut. Aber das muss man doch in eine bestimmte Form gießen, die Gültigkeit für IOC-Mitglieder und für jeden Athleten hat. Im Spitzensport braucht es eine bestimmte Geisteshaltung. Sie sind lange genug im IOC. Seit rund fünfzehn Jahren sitzen Sie in der wichtigen Finanzkommission. Sie hätten vorher eingreifen können. Ich habe etwas verpasst, und dafür suche ich keine Entschuldigung. Als der Amateurparagraf fiel, habe ich noch nicht erkannt, was für ein großes Unglück da geschehen ist. Das war ein schleichender Prozess. Wir sind alle mitmarschiert. Dabei ist eine große Idee verschwunden, ohne dass etwas Zeitgemäßes an deren Stelle trat. Das IOC ist doch nicht nur ein riesiger finanzieller und organisatorischer Apparat. Wir sind für viele Menschen verantwortlich. Wir sollten uns weniger für Milliarden Dollar interessieren als für zigtausende Athleten, die Spitzensport betreiben. Glauben Sie noch immer, dass die olympischen Geldgeber, Sponsoren und Fernsehen an hehren Ideen interessiert sind? Auch die Sponsoren müssen sich gewissen ethischen Begriffen unterwerfen. Wie sie ihre Interessen manchmal durchboxen, ist sicher revisionsbedürftig. Wenn Sponsoren zum Beispiel extrem in das Leben von Athleten eingreifen, ist die Grenze überschritten. Im Zirkus Spitzensport wird von immer mehr Menschen die Freigabe von Doping diskutiert. Viele Verantwortliche weigern sich nur, dies auch öffentlich zuzugeben.Das sind für mich Leute, die keinen Ehrbegriff haben. Die von jeder Sportidee keine Ahnung haben. Das sind ehrlose Schufte. Samaranch hat vor zwei Jahren die Lockerung der Dopingbestimmungen gefordert. Kein Kommentar. Der Präsident glaubt auch, mit gelungenen, angeblich dopingfreien Spielen in Sydney wäre die Krise des IOC endgültig überwunden. Es werden hier sicher wunderbare Spiele werden. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Erfolgreiche Spiele nutzen vor allem den Athleten, so soll es auch sein. Aber deshalb kann doch niemand behaupten, die Krise des IOC sei überwunden. Diese Krise bleibt. Gespräch: Jens Weinreich"Ich habe es nicht gut gefunden, dass Präsident Samaranch für diese Leute interveniert hat. Das war ein Fehler. " Philipp von Schoeller