Wenn ein deutscher Unternehmer zum ersten Mal geschäftlich nach China reist, wird es ihm anfangs vermutlich schwerfallen, die Gesichter seiner Verhandlungspartner auseinanderzuhalten. Um diese nicht vor den Kopf zu stoßen und sich selbst nicht zu blamieren, wird er sich vielleicht Kleidung und Frisur seiner Gesprächspartner einprägen. Erst nach rund einer Woche gelingt es ihm, auch Gesichter wiederzuerkennen.Es gibt Menschen, denen ergeht es ein Leben lang ähnlich wie dem deutschen Unternehmer während seiner ersten Tage in China: Sie können sich keine Gesichter merken, nicht einmal die ihrer Geschwister oder Eltern. Denn sie leiden an einer angeborenen Wahrnehmungsstörung namens Prosopagnosie. Das Wort stammt aus dem Griechischen. Prosopon bedeutet Gesicht, Agnosia Nichterkennen. Die Ursachen der Krankheit, die auch unter dem Namen Gesichtsblindheit bekannt ist, sind größtenteils unklar.Noch weniger wissen Mediziner über eine verwandte Erkrankung: die Phonagnosie, also die Unfähigkeit, Stimmen zu erkennen. Vor rund einem Jahr berichteten britische Wissenschaftler vom University College London in der Fachzeitschrift Neuropsychologia, sie hätten den ersten Fall von angeborener Phonagnosie entdeckt. Die betroffene Engländerin hatte sich selbst bei den Forschern gemeldet.Ihr war ein Artikel über Prosopagnostiker aufgefallen. Nach der Lektüre hatte sie den Verdacht, an einer vergleichbaren Störung der Stimmerkennung zu leiden. Die Sechzigjährige kann zwischen tiefen und hohen Stimmen unterscheiden. Dabei erkennt sie, ob ein Mann oder eine Frau spricht. Doch die Verknüpfung einer Stimme mit der dazugehörigen Person gelingt ihr nicht. Nicht einmal die Stimme ihrer Tochter hört sie heraus.Beheben konnten die Londoner Psychologen das Defizit der Frau bisher nicht - auch weil man noch viel zu wenig darüber weiß, welche Mechanismen im Gehirn das Erkennen von Stimmen ermöglichen. Bekannt ist bisher nur, dass auch ein Schlaganfall oder andere Hirnverletzungen dazu führen können, dass Menschen plötzlich die Stimmen ihrer Angehörigen nicht mehr erkennen.Katharina von Kriegstein vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig hat sich vorgenommen, den Ursachen der Phonagnosie nachzuspüren. Dazu will sie in einer Studie Betroffenen und Personen ohne diese Auffälligkeit zunächst einmal unterschiedliche Stimmen vorspielen: bekannte, unbekannte und solche, die in ihren akustischen Eigenschaften verändert wurden."Auf diese Weise wollen wir herausfinden, wo genau die Schwierigkeiten von Phonagnostikern liegen und ob sie bei allen Betroffenen gleich sind", erläutert die Neurowissenschaftlerin. In einem nächsten Schritt will sie mithilfe der Bilder eines Magnetresonanztomografen (MRT) untersuchen, welche Gehirnregionen aktiv sind, wenn die Probanden Stimmen und Geräusche einordnen. Für ihre Forschungsarbeit sucht von Kriegstein Menschen mit angeborener Phonagnosie. Sie hat dazu eine Internetseite eingerichtet, die über die Merkmale der Störung informiert.Die Wissenschaftlerin vermutet, dass die Phonagnosie eine genetische Erkrankung ist, die vererbt wird. Gleiches gilt für die Schwesterkrankheit Prosopagnosie, die schon etwas besser erforscht ist. Bereits in den Siebzigerjahren sei man auf einen Fall angeborener Gesichtsblindheit gestoßen, berichtet die in Münster niedergelassene Ärztin. Sie erforscht die Störung, von der ihren Schätzungen zufolge ein bis zwei Prozent aller Deutschen betroffen sind, seit zehn Jahren."Prosopagnostiker leiden unter ähnlichen Einschränkungen wie Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Rot-Grün-Blindheit", sagt Grüter: "In all diesen Fällen handelt es sich um eine unheilbare, angeborene Abweichung, die nichts mit einer Minderbegabung zu tun hat." Anders als bei Schlaganfallpatienten seien bei der angeborenen Variante auch keine anatomischen Veränderungen im Gehirn nachzuweisen.Grüters Erfahrung nach kompensieren viele Gesichtsblinde ihr Unvermögen, indem sie sich an Haaransatz, Kleidung oder Gangart des Gegenübers orientieren: "Dass es sich um ein Krankheitsbild handelt, ist oft nicht bekannt." Dasselbe gelte wahrscheinlich auch für viele Phonagnostiker, vermutet von Kriegstein.Die Forschungsergebnisse der Leipziger Wissenschaftlerin könnten nicht nur für Betroffene interessant sein, sondern auch für Firmen, die Software zur Stimmerkennung entwickeln. "Wenn man seine Stimme als Ausweis benutzen könnte, wäre das zum Beispiel eine gute Alternative zu Geheimzahlen beim Telefon-banking", sagt Katharina von Kriegstein.Es gibt zwar schon einige solcher Programme auf dem Markt. "Aber sie funktionieren nicht gut, wenn Hintergrundgeräusche entstehen oder wenn eine Stimme von ihrem Normalton abweicht, etwa bei Heiserkeit", erläutert die Leipziger Wissenschaftlerin. Gesunde Menschen ließen sich von solchen Hemmnissen nicht beeindrucken: "Wir erkennen eine Stimme schließlich auch dann, wenn der Sprecher erkältet ist."Neuropsychologia, DOI: 10.1016/ j.neuropsychologia.2008.08.003Weitere Informationen über das Leipziger Forschungsprojekt: www.phonagnosie.de------------------------------"Wenn man seine Stimme als Ausweis benutzen könnte, wäre das eine gute Alternative beim Telefonbanking." Katharina von Kriegstein, Neurowissenschaftlerin, Leipzig