Ein origineller Hut sei das, findet der Mann. "Aber ist er nicht vielleicht ein wenig groß", fragt er, und geht um die Hutträgerin herum. Sie sitzt, nahe der Weltzeituhr am Alexanderplatz, unter einem ein Meter hohen und 60 Zentimenter breiten Kegel. In der Hand hält sie einen Pinsel. Denn der vermeintliche Hut ist ein Bild.Die Malerin Pia Linz nimmt seit drei Wochen jeden Tag unter dem durchsichtigen Kunststoff-Kegel Platz, der von einem Baum hängt. Von innen betupft sie die Oberfläche mit Acrylfarbe, täglich vier Stunden lang. Nach und nach entsteht so ein Panoramabild mit Rundumsicht des Alexanderplatzes. "Der Alex hat mich schon beim ersten Mal künstlerisch angeregt. Auch wenn er auf den ersten Blick total hässlich ist, spüre ich doch die Bedeutung, die von diesem Platz ausgeht", sagt Pia Linz. Schließlich verkörpere er den Höhepunkt der sozialistischen Selbstdarstellung.Eine Art Selbstdarstellung betreibt auch die Künstlerin. Sie malt zwar ein genaues Abbild des Alexanderplatzes auf die Innenseite des Kegels. Der Betrachter aber schaut auf die Außenseite des Kegels und sieht ihn so, wie ihn die Malerin gesehen hat - nur spiegelverkehrt. "Von Mir Aus" heißt daher auch ihre Ausstellung, in der sie nicht nur den Kegel vom Alexanderplatz zeigt, sondern auch, wie sie "von sich aus" etwa das Haus des Lehrers, die Kongresshalle, das Kino International oder die Schillingstraße hinter dem Café Moskau sieht. Ab dem 17. August sind die Werke in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main, ihrer Heimatstadt, zu sehen. Der Kegel vom Alex wird dann mit Spezialpapier ausgekleidet und von innen beleuchtet, so dass das Bild besser zu erkennen ist.Sie wolle den Betrachtern einen neuen Blick auf Gewohntes ermöglichen, sagt Pia Linz. Für die Form des Kegels hat sie sich entschieden, weil sie ihn leicht an der Spitze an einem Baum aufhängen kann und er sich daher gut für die Arbeit im Freien eignet. Auch in anderen Städten hat die Malerin, die an der Städelschule in Frankfurt studiert hat, bereits Rundumsichten entstehen lassen. In Bad Ems etwa malte sie eine Einkaufspassage und in Frankfurt das Café im Kaufhaus Schneider in einen Quader. "Haubenbilder" nennt sie diese Werke.In der Öffentlichkeit malt sie meistens - nur sind selten so viele Menschen an ihr vorbeispaziert wie diesmal auf dem Alexanderplatz. "Ich werde zur Beobachterin, die auch gesehen wird. Das ist für mich eine Mutprobe." Durch die vielen Stunden, die sie auf dem Alexanderplatz verbringt, hat sie mittlerweile nicht nur das Gefühl, jeden Pflasterstein zu kennen, sondern auch viele der Menschen, die an ihr vorbeilaufen.Touristen schauen zuAnfangs befürchtete sie noch, dass jemand ihre Arbeit beschädigen könnte. Je vollständiger ihr Werk wird, desto mehr nimmt diese Angst ab: "Ich sehe durch die Farben immer weniger und in dem Maße wächst auch das Vertrauen zu meiner Umgebung." Anfangs machten sich immer wieder Jugendliche einen Scherz daraus, auf den Kegel zu schlagen, das hat nun aufgehört. Viele Leute kennt Pia Linz mittlerweile vom Sehen und vor allem asiatische Touristen, sagt sie, blieben stehen, um sich die Frau mit dem seltsamen Hut anzuschauen. Auch Einladungen zum Essen hat sie schon erhalten - und abgelehnt.Meist steht eine kleine Traube von Menschen um sie herum. Bei denen, hofft Pia Linz, beginnt dann schon der Denkprozess, den sie auslösen will. Und wenn sie beim nächsten Mal über den Alexanderplatz laufen, sehen sie ihn vielleicht mit anderen Augen.BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Kurz vor der Vollendung: Der Alexanderplatz entsteht im Kegel neu und wird dann in Frankfurt am Main ausgestellt.BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Pia Linz sitzt jeden Tag vier Stunden lang unter dem Kegel und malt.