Piaac-Studie (OECD): Deutsche nur Mittelmaß

Das Mittelmaß ist deutsch. Jedenfalls kommt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zu diesem Ergebnis, die am Dienstag einen internationalen Vergleich der Lese-, Rechen- und Problemlösungskompetenzen von Erwachsenen in 24 Industrieländern vorgestellt hat. 16- bis 65-jährige Deutsche liegen demnach in allen drei abgefragten Bereichen mal knapp über dem Durchschnitt, mal darunter. Bedenklich wird das Ergebnis allerdings in den Details: Jeder sechste Deutsche liest und versteht Texte lediglich auf dem Niveau eines Zehnjährigen und kommt beim Rechnen über einfaches Zählen und die Verwendung von Grundrechenarten nicht hinaus.

Ein Befund, der den wettbewerbsbewussten und erfolgsverliebten Deutschen kaum gefallen dürfte. Als vor 12 Jahren die erste Pisa-Studie Deutschlands Schülern ein vergleichbar mittelprächtiges Zeugnis ausstellte, machte der „Pisa-Schock“ die Runde. Der Piaac-Schock könnte folgen, denn das Programme for the International Assessment of Adult Competencies (Piaac) weist im Ergebnis deutliche Parallelen zur Pisa-Studie auf: In kaum einem anderen Land hängt die Lese- und Rechenkompetenz so stark von der sozialen Herkunft ab, wie in Deutschland. Seine größte Schwäche ist mithin die mangelnde Chancengleichheit. Ein Manko, das die OECD Deutschland seit Jahrzehnten vorhält.

Verursacht wird etwa das unterdurchschnittliche Abschneiden in der Lesekompetenz durch eine besonders ausgeprägte Schwäche in den unteren Leistungsbereichen. Mit 17,5 Prozent weist Deutschland einen leicht höheren Anteil von Erwachsenen auf, die besonders schlecht abgeschnitten haben. Im OECD-Durchschnitt macht diese Gruppe 15,5 Prozent aus. Sie kamen nicht über die niedrigsten Kompetenzstufe 1 hinaus, die etwa dem Leseverständnis eines zehnjährigen Kindes entspricht, und waren maximal in der Lage, kurze Texte mit einfachem Vokabular zu lesen und diesen in stark eingeschränktem Maß Informationen zu entnehmen.

Bei 25 Prozent dieser Leistungsschwächsten in Deutschland verstärkt sich zudem die Differenz zum OECD-Durchschnitt auf bis zu sechs Kompetenzpunkte. Das heißt, die im Lesevergleich erreichte mittlere deutsche Punktzahl von 270 Punkten liegt zwar nummerisch nur leicht, tatsächlich aber signifikant unter dem OECD-Durchschnitt.

Besonders gut schnitten im Vergleich der Lesekompetenz die Japaner, Finnen und Niederländer ab, besonders schlecht die Franzosen, Spanier und Italiener. Rechnen können die Deutschen der OECD-Studie zufolge zwar etwas besser als Lesen. Hier liegt die erreichte durchschnittliche Punktzahl von 272 Punkten knapp über dem OECD-Mittel. Aber auch in diesem Bereich ist die Gruppe der Abgehängten, die lediglich einfachste Aufgaben lösen können, mit 18,5 Prozent besonders groß.

Und leider ist auch das Internet für viele erwachsene Deutsche keine Stütze. Sollen sie Alltagsprobleme mit Hilfe des Computers bewältigen, stellt sie das eher vor neue Schwierigkeiten. 11,6 Prozent der 16- bis 65-Jährigen haben keine Erfahrung im Umgang mit Computern, nur 36 Prozent können komplexere Aufgaben lösen.

Von der angestrebten Bildungsrepublik trennt Deutschland also noch ein weiter Weg, auch wenn in der aktuellen Studie die jüngeren Deutschen deutlich besser abschnitten als die älteren. Die besten Leistungen zeigten die 25- bis 34-Jährigen, die schlechtesten die 55- bis 64-Jährigen. Damit erhöhen sich immerhin die Chancen der nachfolgenden Generation auf bessere Jobs und höhere Löhne, denn die sind nur mit den entsprechenden Kompetenzen zu bekommen.

Die Forderung der Bildungsdirektorin der OECD, Barbara Ischinger, lautete am Dienstag dagegen, den Abstand zwischen den Stärksten und den Schwächsten zu verringern. „Länder wie Korea und Finnland haben in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte erzielt. Sie zeigen uns, was mit gezielter politischer Förderung möglich ist.“