I've been mad for fucking years", murmelt die Stimme zum regelmäßigen Schlagen eines menschlichen Herzens. "I know I've been mad." Irres Gelächter ertönt, Schreie, Geräusche von Weckern und Registrierkassen umkreisen den Kopf, bevor alles mit riesigem Getöse in eine ruhige Melodie übergeht. Wir befinden uns auf der dunklen Seite des Mondes.Am 3. März 1973 erschien "Dark Side of the Moon" als das achte Album der englischen Band Pink Floyd. Die "hypnotische Beschwörung von Entfremdung, Paranoia, Wahnsinn und Tod" (Floyd-Biograph Nicholas Schaffner) war die erfolgreichste Platte der Band: Sie wurde weltweit mehr als 40 Millionen Mal verkauft und hielt sich mehr als ein Jahrzehnt in den amerikanischen Billboard-Charts. Das musikalisch wie textlich brillante Album markiert zugleich eine Zäsur in der Geschichte der Band. Mit ihrem Ausflug auf die "dunkle Seite" endete auch die kreative Zeit von Pink Floyd. Die Band hatte Geschmack am Erfolg und am Geld gefunden. Die folgenden Alben gerieten gefälliger und glatter - aber auch kommerziell erfolgreicher als die vor 1973.Drei Jahrzehnte lang ist das komplette Werk "Dark Side of the Moon" nicht mehr aufgeführt worden. Pink Floyd gibt es zwar noch, aber seit 1983 ohne Roger Waters, der einst den Text für "Dark Side" schrieb und vielen als der kreative Mittelpunkt der Band galt. Die Band und Waters touren nun getrennt durch die Welt, mit dem einen oder anderen "Dark Side"-Song im Programm.Derzeit reist Roger Waters vier Monate lang mit zehn Musikern durch Europa und die USA. Das Programm: "Dark Side of the Moon" komplett und Pink-Floyd- sowie Waters-Hits. Am Donnerstag gab es das einzige Deutschland-Konzert, angekündigt als Drei-Stunden-Show, in der Berliner Wuhlheide. Es war nicht ausverkauft.Das Konzert begann, wie auch die Gigs von Waters' letzter Tour 2004, mit dem rockigen "In the Flesh". Nach "Mother" - ebenfalls aus "The Wall" - gab es schon nach zehn Minuten einen der wenigen Höhepunkte des Abends: "Set the Controls for the Heart of the Sun", das Düsternis und Entrücktheit beschwörende Stück aus dem zweiten Floyd-Album "A Saucerful of Secrets" von 1968. Waters' Truppe präsentierte eine moderne und exzellent arrangierte Version des Klassikers, mit jazzig angehauchtem Saxofon und einem krachigen Gitarren-Solo. Für einen Moment schien es da, dass das Konzert spannend und überraschend werden könnte. Mit einem Mix vielleicht aus selten gespielten Stücken der Floyd-Frühzeit und neue Arrangements.Die Hoffnung aber zerstob schon im nächsten Stück, dem unvermeidlichen "Shine on your Crazy Diamond" (immerhin in einer erträglichen Acht-Minuten-Version). Routiniert wurde der Song herunter gespielt, jedes Flirren aus dem Synthesizer kam punktgenau wie auf der Platte, da saß jede Note, selbst das Gitarrensolo wurde vom Blatt gespielt. Auch die restlichen Floyd-Songs kamen akkurat, so wie man sie halt schon seit ewigen Zeiten kennt.Auch nach der Pause wurde das mit Spannung erwartete "Dark Side"-Album - bis hin zu den eingespielten Geräuschen und Gesprächsfetzen - perfekt musiziert und gesungen. Die Aufführung war auch fast auf die Minute genau so lang wie die LP-Version. Die Gitarren und Saxofon-Soli, selbst der blubbernde Synthesizer in "On the Run" klangen wie im Original.Der verblüffendste Auftritt gelang der Backgroundsängerin PP Arnold, der die Interpretation des schwierigsten Tracks, dem vom Floyd-Keyboarder Rick Wright komponierten schönen "Great Gig in the Sky", zufiel: Ihr Geschrei, Gestöhne und Gekeuche klang bis in den letzten Kehllaut hinein genauso wie einst bei Clare Torry auf der Platte. Es war wie beim Malen nach Zahlen - man kennt das Bild und weiß, auf welchen Fleck welche Farbe gehört.Floyd-Fans wissen, dass ihre Band die ausgetüftelten Studio-Arrangements bei Konzerten 1:1 umsetzen. Und sie mögen das. Auch in der Wuhlheide wurde heftig gejubelt. Schließlich gab es - bei allerdings magerer Bühnenshow - einen ordentlichen Hit-Mix in gutem bis sehr guten Sound zu hören. Zu den herausragenden Stücken zählten etwa "Fletcher Memorial Home" und "Final Cut", auch die selten gespielten Antikriegs-Songs "Vera" und "Bring the Boys Back Home".Nach drei Stunden verabschiedete sich eine technisch exzellent musizierende Band, die jedoch ohne viel innere Anteilnahme ihr Programm heruntergespielt hatte. Aber wo hätte sich auch in diesem Notenblatt-Korsett so etwas wie Spielfreude entwickeln können?------------------------------Foto: Roger Waters, 62, mit seinem Arbeitsgerät am Donnerstagabend auf der Bühne in der Wuhlheide