Berlin - Was passiert am letzten Tag, beim letzten großen Auftritt im Abgeordnetenhaus? Geben sich die Piraten noch einmal so, wie sie sein wollten – als die Außenseiter, die Konventionen fröhlich ignorieren – Klarmachen zum Ändern und so? Oder stellen sie die Seriosität unter Beweis, die sie in fünf Jahren parlamentarischer Arbeit erworben haben?

Weder noch. Philipp Magalski geht im karierten Hemd und kurzen Hosen ans Rednerpult. Thema der Aktuellen Stunde: „Berlin vor der Wahl“. Magalski, der sich auf Twitter Piratenbaer nennt und auch so aussieht, ist einer der vier Abgeordneten, die noch einmal antreten. Doch so richtig kämpferisch wird sein Auftritt nicht. Er ist kein großer Redner, er verhaspelt sich, sagt Sätze wie: „Es ist wichtig, dass unser Wählerauftrag erneuert wird, und darum werbe ich, und wir tun das auch.“

Aber es ist nicht sein Vortrag, der die Szene etwas gespenstisch wirken lässt. Es ist der Umstand, dass fast niemand Magalski zuzuhören scheint, nicht einmal die eigenen Leute. Nur fünf der fünfzehn Piraten-Abgeordneten sitzen auf ihren Plätzen im Plenarsaal. Vier von ihnen gucken die meiste Zeit auf ihre Laptops. Nur der Co-Fraktionsvorsitzende Alexander Spies signalisiert Aufmerksamkeit. Ein paar Mal spendet er auch als einziger Abgeordneter im Saal Szenenapplaus.

Können 130.000 Wähler irren?

Ein versprengter Haufen von Männern, die mit dem Kopf schon woanders sind – das ist der Eindruck, den die Piratenfraktion zum Abschied hinterlässt. Später am Tag erklären Fraktionschef Martin Delius und sein Kollege Simon Weiß medienwirksam ihren Übertritt zur Linken. Es ist ein etwas trauriger Abschluss nach fünf Jahren Arbeit, an deren Anfang ein spektakulärer Wahlerfolg stand. 8,9 Prozent bei der Abgeordnetenhauswahl, 130 105 Wählerstimmen für eine Partei, die noch nichts bewiesen hatte und nicht mal viel versprach.

Eine Partei mit Slogans wie „Trau keinem Plakat“ oder „Wir sind die mit den Fragen, ihr seid die mit den Antworten“. Es war das Jahr nach den Protesten gegen den Bahnhofsbau in Stuttgart, das hässliche Wort „Wutbürger“ hatte Einzug gehalten in die Sprache. Und plötzlich war da diese Truppe, der viele etwas Fundamentales zutrauten: Bürger und Politiker neu zu vernetzen. Gelungen ist ihnen das nicht. Und eine zweite Chance werden die Piraten aller Voraussicht nach nicht kriegen: Bei 3 Prozent sieht sie etwa das Meinungsforschungsinstitut Forsa. Aber was hinterlassen die Piraten?

Eine Woche später an einem heißen sonnigen Vormittag. Das Bikini-Haus hat Martin Delius als Treffpunkt vorgeschlagen. Für ihn liegt das praktisch, und irgendwie passt es auch gut: Von der Monkey Bar im 10. Stock sieht man die TU, wo Delius Physik studiert hat. Dort begann sein politisches Engagement, dort half er mit, Studentenstreiks und Demos zu organisieren, die Tausende auf die Straße brachten.

2009 trat er der Piratenpartei bei, wie viele TU-Studenten zu jener Zeit. „Ich hatte keine Lust auf Partei. Auf Gremienarbeit. Auf Strukturen“, sagt Delius. So etwas gab es bei der Piratenpartei auch nicht. Stattdessen lose Gruppen, die sich Crews nannten. Und charismatische Parteigründer wie der verstorbene Florian Bischoff, die auf Augenhöhe mit Neulingen diskutierten.

Delius ist einer, der eine weite Reise zurückgelegt hat in den Jahren. Äußerlich hat er sich verändert: die Kleidung, die Frisur. Viele Medien notierten das penibel und werteten es als Zeichen für die Professionalisierung des Politik-Laien, oder eben: für seine Anpassung. Vor allem aber hat er sich innerlich distanziert. Aus der Partei ausgetreten ist er Ende vorigen Jahres, aber das war nur der Vollzug einer Trennung, die viel früher stattgefunden hatte.

Es war der rüde Umgangston, die hasserfüllten Tiraden gegen einzelne Mitglieder auf Twitter, die Delius entfremdeten. Es waren die Plan- und Ambitionslosigkeit in Teilen der Partei. Und es war der Umstand, dass er im Abgeordnetenhaus täglich mit der Realpolitik konfrontiert war – und damit, dass manche der lange erprobten Strukturen eben doch Sinn ergaben.

„Wir hatten auf einmal täglich die Profis vor uns“, sagt er. „Leute, die seit Jahren in diesem Parlament arbeiteten und die Stadt in ihrem Sinne besser machen wollten. Die haben uns klargemacht, dass das alles lange dauert. Und dass wir nicht bloß deshalb etwas Besonderes sind, weil wir im Parlament sitzen.“ Der Partei habe ein solches Korrektiv gefehlt.

Doch Zeit, sich einzugewöhnen und zu bewähren, hatten die Piraten nicht. Unwirklich seien das Interesse der Medien und die damit verbundenen Erwartungen gewesen, sagt Delius. Fraktionssitzungen hielten sie von Anfang an öffentlich ab, auch das Fernsehen war willkommen – und so gelangte jeglicher Zoff unverzüglich an das breite Publikum. Ehe die Fraktion sich überhaupt einen Ruf aufbauen konnte, hatte sie ihn schon zerstört.

Die Erosion der Partei kam hinzu. Auf Bundesebene erlebten die Piraten, was sie heute nur noch den „Hype“ nennen. Umfragewerte über zehn Prozent. Doch auf den Parteitagen und im Netz wurden unappetitliche Kleinkriege ausgetragen, Talente wie Marina Weisband und Anke Domscheit-Berg schmissen frustriert hin.

Dazu tat sich eine Kluft auf zwischen den Landesverbänden: Gerade die Berliner wollten die Piraten thematisch breit aufstellen, sich nicht darauf beschränken, eine Netzpartei zu sein. Martin Delius erklärt das am Thema Überwachung. „Frauen sind seit Jahrhunderten Überwachung ausgesetzt. Was sie für Kleidung tragen, was sie sagen, das wird ständig beobachtet.“ Wer gegen Überwachung im Internet kämpfe, der könne nicht ignorieren, dass es die gleichen Strukturen überall in der Gesellschaft gibt.

Doch die Progressiven konnten sich nicht durchsetzen. 2014 wurde Stefan Körner aus Bayern zum Bundesvorsitzenden gewählt, kein einziger Berliner bekam ein Vorstandsamt. In Berlin begann daraufhin eine Auftrittswelle. Als einer der ersten verließ Christopher Lauer die Partei, Innenexperte der Fraktion und damals Landesvorsitzender. Die Hälfte der Fraktion folgte ihm.

Gearbeitet haben sie trotzdem. „Für eine Partei von Nerds haben wir doch ziemlich viel gerissen“, sagt Alexander Morlang. Er ist einer von denen, die nicht viel mediale Aufmerksamkeit auf sich zogen – und trotzdem Erfolge erzielten. Morlang bearbeitete das Thema E-Sport – er wollte erreichen, dass Computerspiele als Sport anerkannt werden. Viel öffentliche Resonanz fand das nicht, in Start-up-Kreisen und unter Spielbegeisterten umso mehr. Als der IT-Ausschuss das Thema diskutierte, schauten Tausende Menschen den Livestream – den übrigens auch die Piraten durchgesetzt hatten.

Leitung des BER-Untersuchungsausschuss

Auch sonst war die Bilanz der Piraten nicht schlecht. Martin Delius leitete den BER-Untersuchungsausschuss, eine der umfangreichsten parlamentarischen Aufklärungen in der jüngeren Geschichte Berlins. Christopher Lauer wurde zum Oppositionswortführer in der Innenpolitik. Fabio Reinhardt profilierte sich als Flüchtlingspolitiker. Die Piraten zogen vor Gericht, setzten Informationsrechte durch, von denen auch andere Abgeordnete profitieren. Sie haben etwas bewegt – und einige wollen auch weitermachen.

Lauer wird für SPD-Generalsekretärin Katarina Barley arbeiten. Reinhardt tritt in Kreuzberg noch einmal an – ohne Aussicht auf Erfolg, aber zumindest ins Bezirksparlament werden die Piraten dort wohl wieder einziehen. Delius ist Vorstandsmitglied der Linke-Plattform Forum Demokratischer Sozialismus. „Die anderen Parteien kriegen hin, was den Piraten als Partei misslungen ist: Sie machen Politik“, sagt er.

Die Hoffnung ist bunt

Sätze wie dieser sind es, die Bruno Kramm wütend machen. Es ist Dienstagnachmittag, der Landesvorsitzende und Spitzenkandidat der Piraten steht am Rosenthaler Platz in Mitte, wo seine Parteifreunde einen Stand aufgebaut haben und den „Kaperbrief“ verteilen. „Ich kann nicht verstehen, dass Martin Delius auf diese Weise nachtritt. Er hat den Piraten so viel zu verdanken“, sagt er.

Aber Kramm lamentiert nicht lange. Er freut sich, dass ein Journalist gekommen ist, viel Aufmerksamkeit bekommen die Piraten nicht mehr. Das bunte Berlin wolle er im Parlament repräsentieren. Die unangepassten Kreativen – Kramm ist Darkwave-Musiker und leitet ein Label. Dann setzt er an zu einem engagierten Referat und erklärt, wie die Digitalisierung das Arbeitsleben verändern wird, warum kreativen Jobs die Zukunft gehört, weshalb das bedingungslose Grundeinkommen kommen muss und was das mit der Berliner Kulturpolitik zu tun hat.

Kramm ist eloquent, er ist informiert, und er ist optimistisch. „Die Leute reagieren sehr positiv auf uns“, sagt er. Es gebe keine Anfeindungen an den Ständen, wie bei den anderen Parteien. Vielleicht sind die Leute aber auch einfach überrascht vom Wiedersehen mit den Piraten. Und von der kurzen Erinnerung: Das war die Avantgarde.