- "Ihr eßt vom blanken Tisch und noch dazu in der Küche?" fragt der gepflegte Großvater entsetzt. "Ihr nehmt keine Messerbänkchen und habt keine Stoffservietten?" Das ist für ihn der Untergang der abendländischen Tischkultur, wenn nicht überhaupt der Zivilisation.Er hat niemals, selbst nicht für das schnelle Frühstück, in der Küche gegessen. Er speist. Mit Tischdecke, Damastservietten, dem silbernen Besteck in klassischer Spatenform mit dem Augsburger Faden (der klassischen Rille in der Umrandung des Griffs). Ein Familienerbstück. Deshalb auch die eingravierten Anfangsbuchstaben des Mädchennamens seiner Mutter. Daß er bekennender Sozialist ist, hat ihn nie daran gehindert, auf bürgerliche Etikette bei Tisch zu achten. Wozu auch das silberne Tranchierbesteck gehört, Butter- und Käsemesser, die Salatlöffel mit Horn (da Silber und Säure sich nicht vertragen), die Messerbänkchen für die Ablage des Bestecks, die blinkenden Serviettenringe, die Meißner Teller und Platten, die Obstmesserchen, die kleinen Eislöffel mit den akkuraten geraden Kanten.Zum Zander das FischbesteckWenn Fisch auf den Tisch kommt, wird das spezielle Fischbesteck aus Silber aufgelegt. Eine Zeremonie, die aus Zeiten stammt, da die Klingen des sonstigen Tafelbesteckes aus Eisen waren, bei Fisch anliefen und einen scharfen Geschmack hinterließen. Allerdings läßt sich zugegebenermaßen mit der breiten Klinge ohne Schneide auch gut der Fisch von der Mittelgräte abheben. Apropos Gräten und ähnliche Mißbilligkeiten: Keinesfalls dürfen Zahnstocher und Gräten- oder Knochenteller beim Decken vergessen werden.Natürlich kommen die Teller bei den Großeltern angewärmt auf den Tisch und der Weißwein leicht gekühlt. Selbstverständlich wird die Tafel eröffnet, und keiner wagt am Wein zu nippen, bevor der Großvater nicht das Glas auf die tüchtige Hausfrau, seine, erhoben hätte. Die nebenbei gesagt dafür sorgt, daß der Tisch so aussieht, wie er auszusehen hat.Es gibt weit mehr Gerätschaften für die Tafel als der gemeine Kantinen-Benutzer ohnehin, aber auch der Großvater ahnt. In den Silberläden der Stadt trifft man auf manch skurrile, aber teilweise auch praktische Dinge. Docht- und Traubenscheren, Tortenmesser mit breiter Klinge zum Schneiden und Servieren, löchrige Zucker-Löffel zum Bestreuen des frischen Pflaumenkuchens, Flaschenhalter, Au- sterngabel und Spargelzange, große runde Kartoffellöffel mit Ohren, Pastetenheber, Hummer- und Kaviarbestecke, Gloschen (Speise-Warmhaltehauben).Keulenhalter und Eisbomben-MesserBegeisterte Sammler von Kuriositäten sind Cornelia und Wolfgang Bergemann, deren wunderschöner Bestecke & Silberwaren-Laden in Lichterfelde-West voller glänzender Beispiele ist (Drakestr. 43 A, geöffnet Di Fr 15 18, Sa/Fr 10 13 Uhr). Da findet man neben Genanntem spezielle Keulen- und Parmesankäsehalter, schmale Marklöffel, das orientalisch wirkende Eisbombenbesteck, bei dem das Messer wie eine Sichel geformt ist, einen Mate-Tee-Trinkhalm, der in einen Sieblöffel ausläuft, Fischgrätenpinzetten und ebenso eine Preßzange für Zitronenstücke.Natürlich gibt es hier auch Messerbänkchen in jeder Form. Sie sind ebenso wie die großen silbernen Platzteller wieder sehr gefragt, ist zu hören. Rund 150 Muster an Bestecken stehen zur Auswahl vom Münchner Ratssilber, wie es in der Washingtoner Botschaft aufgelegt wird, bis zum Onassis-Design mit der Muschel, wie es für den Millionär entworfen wurde (ein Besteck für 1 000 Mark).Kleine Besteck-HistorieSilbernes Tafel- und Dessertbesteck bekam man früher zur Hochzeit geschenkt. Mit den eingravierten Buchstaben der Braut. Oder man erbte es von den Vorfahren. Der Großvater bekam seins von seiner Mutter, die ihre eigene umfangreiche Ausstattung generös teilte. Da waren es immer noch acht große Tafel- und acht kleine Dessert-Bestecke für jeden. Im Haus der Großeltern kommen aber nur die kleineren auf den Tisch, die den heute üblichen Maßen für den Tisch entsprechen. Das Tafelbesteck dagegen! Was haben die Gabeln für lange Zinken! Was müssen die Leute früher für riesige Münder, ach was, Mäuler, gehabt haben.Erst in der Mitte dieses Jahrhunderts kam das heute übliche sogenannte Menübesteck auf, eine Zwischengröße zwischen Tafel- und Dessertbesteck. Das führen die Bergemanns ebenso wie so manche alte Stücke aus der Zeit, da die Mutter des Großvaters ihre Aussteuer erhielt. Das wird auch in schönen alten Kästen oder gar Besteck-Schränkchen angeboten. Wer will, kann das eigene Monogramm einsetzen lassen.Deshalb heißt es AufschneiderFein zu Tische geht es in Deutschland erst seit wenigen Jahrhunderten zu. Im Mittelalter war es noch üblich, mit den Fingern zu essen. Zwar kam die Sitte auf, sein Messer zum Gastmahl mitzubringen, es diente jedoch hauptsächlich dem Tranchieren. Auserwählte zelebrierten das Vorschneiden des Fleisches bei Tisch. Allein für ein Huhn mußten sie 14 Ober- und Unterschnitte beherrschen. So manche prahlten mit ihrem Können, es waren halt rechte Aufschneider. So entstand wahrscheinlich die Doppeldeutigkeit des Begriffs.Als Löffel wurden ursprünglich meist Muschelschalen benutzt, an die schließlich Stiele genietet wurden. Ende des 17. Jahrhunderts wurde der Stiel breiter und nicht mehr bäuerlich von der ganzen Faust umfaßt. Beginn von Großvaters vielbeschworener Tischkultur. Auch die Eßgabel in ihrer geschwungenen Form soll es zu dieser Zeit schon in Deutschland gegeben haben. Der Weg zu diesem wichtigen Tischutensil führte vom Bratspieß über die zweizinkige Fleisch- und Küchengabel bis zum Tranchierbesteck. Als Eßgabel bei Tisch setzte sie sich erst am Ende des Mittelalters durch zunächst in Frankreich, ein Jahrhundert später hierzulande.Silber ärgert sich schwarz, wenn es nicht benutzt wird ein Lieblingsspruch von Cornelia Schmidt-Bergemann. Was hat man von den schönen Erbstücken, wenn sie meist unter Verschluß gehalten werden, aus Furcht, sie könnten anlaufen. Täglich Gebrauchtes glänzt, wie am Besteckkasten und den Messerbänkchen der Großeltern zu sehen ist, und kann sogar in den Geschirrspüler. Damit es mit der Zeit nicht gelb wird, führen Silberläden Alu-Besteckkörbe zum Schutz vor dem Salz. Die Patina in den Mustern gehört allerdings zum feinen Silber. Man sollte keinesfalls versuchen, sie zu entfernen.Übrigens eignen sich Messerbänkchen phantastisch zum Zusammenstellen einer kleinen Eisenbahn, wie wir einst am elterlichen und auch meine Kinder wieder am großelterlichen Tisch erprobten. Obwohl dieser Teil der Tischkultur keine ganz uneingeschränkte Zustimmung beim Großvater fand.Einige Silber-PflegetipsSilber sollte zum Reinigen immer auf ein weiches Tuch gelegt werden. Bei nur leicht beschlagenem, häufig gebrauchtem Silber reicht es, mit speziellen Putzhandschuhen wie beim Staubwischen über die guten Stücke zu streichen. Für schwarze Fälle muß zur Putzmilch gegriffen werden. Übrigens kann man in Silberläden auch polieren und putzen lassen.Bestecke mit Horn- oder Elfenbeinteilen dürfen nie in heißem Wasser eingeweicht werden, da sich sonst der Kleber auflöst. Am besten wäscht man ansonsten Silber möglichst bald nach dem Benutzen (Speisesäuren, Salz und Ei fördern sonst das Anlaufen) in warmem Seifenwasser ab, spült klar heiß nach und trocknet sorgfältig ab. Silber übersteht auch die Prozedur im Geschirrspüler, allerdings nicht Messer mit eingekitteten Edelstahlklingen. Der Kitt löst sich bei den hohen Temperaturen, und die Reparatur ist ein teurer Spaß.