Die Idee klang beflügelnd: "Buchhafen Tempelhof", der Ort, von dem Flugzeuge ihre Passagiere in die Ferne mitnahmen als Heimat für das gesammelte Wissen des Landes Berlin. Die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) zieht in den Tempelhofer Flughafen. Freihandbestand und Lesesaal in der Eingangshalle, Buchrestauratoren in den Flugzeughangars. Die damalige Dresdener Architekturstudentin Tina Ihlenfeldt hatte das Konzept schon vor vier Jahren vorgestellt.Doch um den Vorschlag steht es nicht gut. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) favorisiert einen Neubau der ZLB auf dem Tempelhofer Feld. Rund 270 Millionen Euro würde das kosten - Geld, das das Land Berlin eigentlich nicht hat. Drei Millionen Euro an Planungsmitteln hält der Senat dennoch im Haushalt bereit.Seit Jahren leidet die ZLB unter Platzmangel und maroder Bausubstanz. Zudem ist sie über halb Berlin verteilt. Zu ihr gehören die Senatsbibliothek und die Stadtbibliothek in Mitte, die Amerika-Gedenkbib-liothek in Kreuzberg und das Magazin im Westhafen. "Zentrale Bibliotheken sind in vielen Weltmetropolen zu wichtigen Landmarken geworden", sagt der Baureferent der ZLB, Jonas Fansa. Berlin brauche eine leistungsstarke Landesbibliothek mit guter Verkehrsanbindung.Eine ergebnisoffene Debatte ist schon deshalb schwierig, weil die Hangars für die nächsten acht Jahre anderweitig verplant sind, wenn auch nur punktuell. 2009 holte Wowereit die Modemesse Bread & Butter in den Flughafen, die zweimal pro Jahr dort stattfindet. Die Messe hat einen Zehn-Jahres-Vertrag und blockiert so eine umfassende Perspektive für das Denkmal. Dennoch ist nichts sicher, nach der Abgeordnetenhauswahl könnten die Karten wieder gemischt werden.Die Debatte werde neu aufgerollt, falls seine Partei Regierungsverantwortung übernehme, kündigt Jochen Esser an, der haushaltspolitische Sprecher der Grünen. "Ich war geradezu begeistert von der Idee, die ZLB mit dem Flughafengebäude zusammenzuführen", sagt er. Der Vorschlag sei nicht ausreichend geprüft worden. Den Neubau sieht Esser kritisch: "Wowereit will das haben, aber ausfinanziert ist es nicht." Ähnlich argumentiert die CDU: Ein Neubau der ZLB sei "unsinnig und nicht zu finanzieren". Die Christdemokraten wollen eine bauliche Erneuerung an den bestehenden Standorten.Ideal für kleine BibliothekenBei der SPD steht man hinter Wowereits Neubauplänen. Ebenso bei der Linken. "Die Debatte ist für uns abgegessen", sagt Wolfgang Brauer, kulturpolitischer Sprecher der Linksfraktion. Zwar habe seine Partei die Idee von einer Bibliothek im Flughafen "hervorragend" gefunden, doch sie sei nicht umsetzbar. Nur eine Teilnutzung des Gebäudes für Magazinzwecke sei vorstellbar."Für kleine Bibliotheken wäre das Konzept ideal, für unsere 60 000 Quadratmeter aber ein Desaster", sagt Jonas Fansa. Er hofft, dass der Senat bei seiner Linie bleibt. Moderne Bibliotheken seien vertikal angelegt, nicht horizontal wie das Flughafenterminal. "So lassen sich Bücher schneller transportieren", sagt Fansa. Zudem gebe es ein Geldproblem. "Unsere Betriebskosten explodieren schon jetzt." In dem Altbau würden die Energiekosten weiter steigen. Fansa: "Dann können wir auch gleich hierbleiben.""Die Bibliothek kann man nicht in den Flughafen stellen", sagt die Architektin Gabriele Glöckler, die den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig entworfen hat. "Sie muss ein eigenes Gesicht kriegen. Das Denkmal wäre kein Denkmal mehr und die Bibliothek ginge unter." Ein Neubau auf dem Gelände sei hingegen ideal und habe "Potenzial für eine wachsende Bibliothek". Das sieht auch Wowereits Chefplanerin, Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, so.Andere Architekten widersprechen. "Dass neu immer alles besser ist - dieses Denken möchte ich in Frage stellen", sagt Denkmalexperte Georg Wasmuth. Architektonische Lösungen seien möglich. Wasmuth erinnert an den nach wie vor "de-saströsen Zustand" des Flughafens. "50 Prozent sind ungenutzt und es regnet rein. Man sollte zielgeordneter für das Denkmal planen." Theresa Keilhacker, Mitglied im Rat für Stadtentwicklung, spricht sich strikt gegen einen Neubau auf dem Flughafenfeld aus. "Den einfach da reinzusetzen, ohne ein Umfeld zu schaffen, das geht nicht." Man sollte genauer prüfen, ob die Flughafenhallen nicht doch in Frage kämen.Die Stadtentwicklungsverwaltung hat außer Tempelhof auch andere Standorte für die neue ZLB geprüft. Darunter das Kapelle-Ufer an der Spree in Mitte und ein Areal nördlich des Hauptbahnhofs. Alle Varianten wurden zugunsten von Tempelhof verworfen.Nach Angaben Fansas könnte bereits im ersten Halbjahr 2012 ein Architekturwettbewerb starten. Er hofft auf eine schnelle Entscheidung zugunsten des Neubaus. Bis Mitte 2017 könnte der fertig sein - und mehr Besucher bringen. Fansa rechnet mit 10000 pro Tag. Das wären fast doppelt so viele wie heute.------------------------------Foto: Die Empfangshalle als Lesesaal, so sieht es das Buchhafen-Konzept vor.