Hat auch Norbert Lammert Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben? „Robert Schmidt“ ist sich dessen sicher. So nennt sich der Plagiatsjäger, der dem Bundestagspräsidenten wissenschaftliches Fehlverhalten unterstellt, und darüber hinaus nur preisgibt, er sei der „Entdecker des Plagiats in der Dissertation von Annette Schavan“. Also auch der zweite Mann im Staat, ein Schummler wie Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin oder Annette Schavan?

Das Wenige, was über den Fall Lammert bislang zu erfahren ist, bietet „Robert Schmidt“ auf seiner Seite lammertplag.wordpress.com dar. Über Lammert, den Autor der Dissertation „Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung – Fallstudie am Beispiel eines CDU-Kreisverbandes im Ruhrgebiet“ behauptet „Schmidt“, er habe einen erheblichen Teil der als verwendet angegebenen Literatur „ganz offenbar nicht gelesen“. Das werde deutlich anhand der Übernahme charakteristischer Fehler aus der Sekundärliteratur. Auf 42 Seiten der knapp 40 Jahre alten Dissertation Lammerts will Schmidt Passagen gefunden haben, die Unregelmäßigkeiten aufweisen. Er gibt an, nur etwa ein Drittel des Hauptteils der Arbeit nach Plagiaten durchsucht und die Jagd dann aus Zeitgründen abgebrochen zu haben.

Nach bestem Wissen und Gewissen

Lammert ließ noch am Montag wissen, er habe seine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen verfasst, lasse die Anschuldigungen aber von der Universität Bochum prüfen, die ihn 1975 promovierte.

Im Bundestag fielen die Reaktionen am Dienstag auffallend zurückhaltend aus. „Herr Lammert macht genau das Richtige: Er lässt die Vorwürfe durch die Universität Bochum prüfen“, sagte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Ernst Dieter Rossmann, der Berliner Zeitung. Bis das Ergebnis vorliege, sollten sich alle Beteiligten mit Kommentaren zurückhalten. Auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück warnte vor einer Vorverurteilung. „Herr Lammert genießt meinen vollen Respekt“, sagte Steinbrück. „Ich warne davor, wieder in eine Kommentarlage zu verfallen, die die Reputation und Integrität des Bundestagspräsidenten beschädigen kann.“

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz (CDU), erklärte: „Ich finde die Anonymität dessen, der etwas behauptet, immer fragwürdig. Und ich habe keinen Zweifel, dass die Aussage von Norbert Lammert, er habe seine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt, stimmt und die Universität Bochum zu dem gleichen Ergebnis kommt.“ Auf die Frage, ob die Vorwürfe bei Lammerts möglicher Wiederwahl zum Parlamentspräsidenten eine Rolle spielen würden, antwortete Polenz: „Nein.“ Denn fest steht: Die Prüfung der Vorwürfe wird zum Zeitpunkt der Wahl nicht beendet sein.

Die Bildungsexpertin der Linksfraktion, Petra Sitte, tat kund: „Die Arbeit ist von 1974. Und es hat sich einiges geändert in der Wissenschaft. Es ist fraglich, ob die Maßstäbe von damals auch heute gelten.“ Es ist derzeit niemand zu sehen, der Lammert aus den Vorwürfen einen Strick drehen wollte.

Die Hochschulrektorenkonferenz und die Deutsche Forschungsgemeinschaft hatten erst im Mai empfohlen, wissenschaftlichen Betrug zunächst vertraulich zu prüfen. Zu Begründung gaben die Wissenschaftsorganisationen an, Hinweisgeber, die sich mit ihrem Verdacht an die Öffentlichkeit wendeten, verstießen selbst gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis. Sie verletzten damit das Prinzip der Vertraulichkeit, die ein hochschulinternes Gremium brauche um die Vorwürfe prüfen zu können.