Etwas soll faul sein in den deutschen Universitäten. Nein, gemeint sind nicht die Studenten. Uwe Kamenz, selbst Professor an der Fachhochschule Dortmund, ist das gesamte Hochschulsystem verdächtig. Zunächst schrieb er noch gegen die Kollegen an, gegen den Typus des „Professor Untat“, wie er sein Buch nannte, gegen jene also, denen ihr Titel nicht Berufung zum Wohle der Studenten ist, sondern allenfalls Lizenz zur Ausbeutung von Doktoranden, die ihnen zudem Honorare als hochbezahlte Vortragende und Berater in der Wirtschaft verschafft.

Das war 2008. Heute geht Uwe Kamenz mit gleicher Schärfe gegen die ihm größten Missetäter vor: jene, die ihre Doktorarbeit durch skrupelloses Kopieren Anderer verfasst haben. Nun präsentierte er seinen ersten Fund. Kamenz will den SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier enttarnt haben.

„Plagiate“, sagte Kamenz 2011, „sind eine Seuche. Und wie jede andere Seuche kann man diese nur durch eine flächendeckende Impfung ausrotten.“ Karl-Theodor zu Guttenberg war da gerade vom Amt des Verteidigungsministers zurückgetreten.

Und während sich im Netz einige selbstberufene Plagiatorenjäger recht willkürlich einen Kandidaten nach dem anderen vornahmen, plante Kamenz, ebenso selbstberufen, als Direktor eines privaten Münsteraner Instituts den ganz großen Schlag: das Projekt „Plagiatfreies Deutschland“. Am liebsten will Kamenz alle 200.000 deutschen Prüfungsarbeiten dafür überprüfen. Zunächst einmal benannte er als Etappenziel aber rund 1000 Schriften deutscher Politiker.

Ausgestattet mit neuester Technik, einem Hightech-Scanner, der mehrere Dutzend Bücher am Tag digitalisieren kann, und einer Software, die Arbeiten mit zehntausenden Quellen abgleicht, ging Kamenz ans Werk. Er forderte Politiker auf, ihm ihre Dissertationen zuzusenden. Nur 144 kamen seinem Wunsch nach. Enttäuschend, fand Kamenz, aber was hinderte ihn das. Er trieb die Doktorarbeit von Helmut Kohl auf und die von Philipp Rösler. „Es ist nur eine Frage der Zeit“, sagt Kamenz, „bis wir sie alle haben.“

Steinmeiers 1991 an der Universität Gießen eingereichte juristische Abhandlung „Bürger ohne Obdach“ weise eine „Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit“ von 63 Prozent auf. „Vergleichbar mit dem Fall Schavan“, befand Kamenz und sandte seine Erkenntnisse an die Universität.

Der Fall Annette Schavan, die Bundesbildungsministerin, die ihren Doktortitel im Februar zurückgab, und bald darauf ihr Amt als Bildungsministerin. Und jetzt also ein Fall Steinmeier? „Absurd“, nannte der den Vorwurf, rief am Montagmorgen den Präsidenten der Universität Gießen an und bat ihn um die Überprüfung seiner Arbeit.

Derweil schleicht sich Unbehagen ein. Es hat damit zu tun, dass Kamenz vom Nachrichtenmagazin Focus Geld für seine Suche bekam. Und damit, dass ein Generalverdacht ein ungutes Klima schafft. Steinmeier jedenfalls sagt, er blicke gelassen auf ein Ergebnis.