Am 28. April 1994 erhielt Oberst Theoneste Bagosora in Kigali einen Anruf aus den USA. "In den Augen der Welt ist das ruandische Militär daran beteiligt, Massaker an Zivilisten zu begehen", soll die Afrika-Beauftragte des amerikanischen Außenstaatssekretärs dem Oberst damals vorgeworfen haben. Bagosora bestritt das. Die Bevölkerung betreibe den Mord an den Tutsi in Ruanda, die Militärregierung der Hutu habe damit nichts zu tun. Das Morden ging weiter. Rund 800 000 Tutsi und moderate Hutu fielen dem Genozid von Ruanda in nur hundert Tagen zum Opfer. Ausgeführt wurde der Massenmord mit Gewehren und Macheten, mit Granaten und Knüppeln. Drei Jahre lang soll er vorbereitet worden sein. Vom Großeinkauf der Macheten bis hin zur Hetzpropaganda im Radio blieb wenig dem Zufall überlassen. Als mutmaßlicher Planer des Genozid muss sich Bagosora ab diesem Dienstag vor dem internationalen UN-Tribunal für Ruanda im tansanischen Arusha verantworten."Nicht schuldig" plädiert der Oberst, der 1996 in Kamerun verhaftet wurde. Doch die Anklage ist überzeugt, ihm die Vorbereitung zum Völkermord, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit nachweisen zu können, dazu zählen Mord, Folter und Vergewaltigung.Der Hutu-Fanatiker Bagosora, ein stämmiger Mann von heute 61 Jahren, war am 6. April 1994 der amtierende Oberbefehlshaber der ruandischen Streitkräfte. Der Verteidigungsminister war außer Landes, also hatte Bagosora das Sagen. Am Abend des 6. April wurde der gemäßigte Hutu-Präsident Ruandas, Juvenal Habyarimana, im Anflug auf Kigali abgeschossen. Dieser Mord, dessen Urheber bis heute unbekannt sind, war offenbar das Signal zur Ausrottung der Tutsi. Bagosora befehligte damals auch die Präsidialgarde. Deren Angehörige hinderten die ruandische Premierministerin Agathe Uwiligiyimana daran, über die Medien eine versöhnliche Botschaft an die Bevölkerung zu richten und so das Morden noch aufzuhalten. Agathe, wie sie heute jeder in Ruanda nennt, gilt als Märtyrerin und prominentestes Opfer des Genozids. Sie wurde auf dem Weg zur Radiostation abgefangen und mit Bajonetten aufgeschlitzt.Premierminister von Bagosoras Gnaden wurde Jean Kambanda - der erste Regierungschef der Welt, der jemals wegen Völkermords von einem internationalen Tribunal verurteilt wurde. Er verbüßt in Mali seine lebenslange Haft. Kambanda plädierte in seinem Prozess Ende der 90er-Jahre auf "schuldig" und stellte sich als Zeuge der Anklage zur Verfügung. Nun wird er einer der wichtigsten Belastungszeugen im Prozess gegen Theoneste Bagosora sein.Der Oberst selbst hat seinen Hass auf die Tutsi nie verheimlicht. Er gehe nach Kigali, "um die Apokalypse vorzubereiten", hörten ihn Zeugen sagen. Das war 1993 in Arusha, nachdem er wutentbrannt die Friedensgespräche zwischen der Hutu-Regierung und den Tutsi-Rebellen verlassen hatte. Ein Jahr später, am 4. April, soll er vor mehreren Zeugen gesagt haben, das Friedensabkommen von Arusha führe nirgendwohin: "Alle Tutsi müssen ausgerottet werden. " Zwei Tage danach begann die Apokalypse.