Berlin - Sind wir allein im Universum? Lisa Kaltenegger würde das überraschen. Sie streckt ihren Arm weit aus und deckt mit der Handfläche einen Ausschnitt eines imaginären Himmels ab. Dieser winzige Teil des Universums umfasse allein 150.000 Sterne, die die Nasa-Mission Kepler nach anderen Welten abgesucht habe, sagt sie. „Jeder fünfte Stern besitzt einen kleinen Planeten im richtigen Abstand, so dass dort Leben theoretisch möglich wäre.“ Lisa Kaltenegger will zu den Ersten gehören, die solches Leben finden und nachweisen.

Lisa Kaltenegger sitzt in der Bar des Berliner NH-Hotels an der Friedrichstraße. Es ist Vormittag, der Raum noch leer und halb dunkel. Sie braucht einen ruhigen Ort, um zu reden. Die Forscherin ist nach Berlin gekommen, um das Buch vorzustellen, das sie gerade veröffentlicht hat. Es trägt den Titel „Sind wir allein im Universum?“ Lisa Kaltenegger hat es wissenschaftlich korrekt geschrieben und zugleich voller anschaulicher Erklärungen – fast so wie eine gedruckte „Sendung mit der Maus“.

„Ich habe genau das Buch geschrieben, das ich selbst gerne lesen würde“, sagt sie. Der Salzburger Ecowin-Verlag habe ihr dabei völlig freie Hand gelassen. Und mit Mandy Fischer fand sie eine exzellente Grafikerin. Der Titel leuchte sogar im Dunkeln.

Ein Asteroid trägt ihren Namen

Wenn Lisa Kaltenegger erzählt, klingt es, als habe sie eben erst mit dem Studium begonnen und erkenne staunend, mit welch fantastischen Dingen sie sich beschäftigen darf. Die 38-Jährige ist groß, schlank und wirkt mit ihren langen Haaren selbst noch ein bisschen wie eine Studentin. Sie redet schnell, lacht viel und gestikuliert, nutzt Worte wie „wahnsinnig“, „toll“ und „spannend“. Sie liebe die „Sendung mit der Maus“, erzählt sie. Schon ihre siebzehn Monate alte Tochter, sie hat sie Lara Sky genannt, komme fröhlich angelaufen, wenn die Titelmusik erklinge.

Hinter der jugendlich-impulsiven Begeisterung steckt hochprofessioneller Ernst. Lisa Kaltenegger ist die derzeit wohl bekannteste Astrophysikerin der Welt. Sie war entscheidend an der Entdeckung der ersten beiden Planeten beteiligt, die eine zweite Erde sein könnten. Ein Asteroid ist nach ihr benannt, und seit Mai 2015 leitet sie an der New Yorker Cornell University ein eigenes Institut, das sich ganz der Suche nach anderen Planeten und außerirdischem Leben widmet. Verheiratet ist sie mit einem portugiesischen Weltraumtechniker.

Ihre Karriere begann 1995. Lisa Kaltenegger, 1977 geboren, studierte Technische Physik und Astronomie im österreichischen Graz. „Ich war neugierig auf ziemlich alles“, erzählt sie. Ihr Weg hätte also in viele Richtungen gehen können. Doch ausgerechnet in jenem Jahr, 1995, entdeckten Astronomen den allerersten Planeten außerhalb des Sonnensystems. Normalerweise sieht man am Nachthimmel nur die Sterne, aber nicht, was um sie kreist. Dies hier war ein riesiger Gasplanet. Lisa Kaltenegger horchte auf. Das erste Mal in der Menschheitsgeschichte schien es technisch möglich, Welten um ferne Sterne zu erforschen. Das könnte spannend werden, dachte sie.

Die europäische Weltraumagentur Esa suchte in dieser Zeit Mitstreiter für die Vorbereitung einer Mission, die Lebensspuren auf sogenannten Exoplaneten – Planeten, die nicht um unsere Sonne kreisen – suchen sollte. Lisa Kaltenegger beschloss, dort mitzumachen. Sie wurde genommen und zog zur Esa in die Niederlande um.

Mit 27 Jahren ging sie in die USA, an die Harvard University. 2010 übernahm sie die Leitung einer siebenköpfigen Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg. In all der Zeit entwickelte und verfeinerte sie Methoden, um mögliches Leben auf fernen Planeten nachweisen zu können.

Die Grundlage ihrer Arbeit ist das Licht der Sterne. Deren Daten bekommt sie über Teleskope im All oder auf der Erde. Seit 2009 befindet sich zum Beispiel das Nasa-Teleskop Kepler im Weltall. Dreieinhalb Jahre lang beobachtete es jenen handgroßen Fleck im Universum mit seinen 150 000 Sternen. Er liegt in der Nähe des Sternbilds Schwan. In ihm fanden sich allein schon mehr als 2 000 Planeten. Darunter sind überraschende Welten, die das Bild vom Universum revolutionierten: zum Beispiel extrem heiße Planeten, die ihren Stern in nur vier Tagen umrunden, riesige Gasplaneten mit Stürmen von mehr als 7 000 Kilometern pro Stunde. Man fand Lavaplaneten, Eisgiganten, Wasserwelten oder Steppenwolf-Planeten, die allein durchs All ziehen. Andere haben zwei oder mehr Sonnen.

Wie entdeckt man solche Welten? Allein über das Licht? Kaltenegger und ihr Team werten spezielle Signale der Teleskopbeobachtungen aus, zum Beispiel kleinste Wackler eines Sterns, ausgelöst von der Gravitation der um ihn kreisenden Planeten. Oder die winzige Verdunkelung, die entsteht, wenn ein Planet an einem Stern vorüberzieht. „Wir starren in Scheinwerfer und versuchen Glühwürmchen daneben zu finden“, beschreibt Lisa Kaltenegger. Zum Vergleich: Man bräuchte 10 000 Erden, um die Sonne zu verdunkeln.

Der Platz am Lagerfeuer

Die Wissenschaftler berechnen aus diesen Signalen den Abstand des Planeten zu seinem Stern, seine Größe und Mindestmasse. Dabei suchen sie nach Planeten in der sogenannten Habitablen Zone, also dort, wo Leben möglich sein könnte. Kaltenegger vergleicht diese Zone mit einem Platz am Lagerfeuer. Sitzt man zu nah dran, wird es zu heiß. Ist man zu weit weg, friert man. In unserem Sonnensystem zum Beispiel kreisen nur Erde und Mars in der Habitablen Zone. Näher an der Sonne verdampft alles Wasser. Weiter draußen gefrieren Planeten zu Eis. „Für Leben braucht der Planet eine Felsoberfläche und Wasser drauf“, sagt Kaltenegger. „Damit wir es über kosmische Distanzen hinweg finden können, muss das Wasser auf der Oberfläche noch dazu flüssig sein. Dazu braucht es Wärme.“

Schlagzeilen verkündeten im Jahre 2013, die „neue Erde“ sei endlich gefunden. Die Forscher um Kaltenegger hatten zwei Exoplaneten entdeckt, die im richtigen Abstand zu ihrem Stern kreisten und auch die passende Größe besaßen. „Vorher waren die als neue Erden gefeierten Funde meist zu groß oder zu schwer, um sicher Felsplaneten zu sein“, sagt sie. Ein Jahr lang durfte sie mit niemandem drüber reden. Es hieß rechnen, gegenrechnen, kritisch prüfen und noch einmal rechnen. Endlich gab es Gewissheit: Kepler-62e und Kepler-62f waren Kandidaten für die neue Erde. Eine Sensation! Seitdem gibt es jährlich weitere Entdeckungen.

Die beiden Kepler-Planeten sind leider mit ihren 1 200 Lichtjahren zu weit weg, um bald wirklich Leben auf ihnen nachweisen zu können. Denn dazu muss Kaltenegger das Licht des Planeten einfangen und es in seine verschiedenen Farben aufspalten. Sie nennt es „Licht-Fingerabdruck“. Nur so kann sie deren Lufthülle analysieren, um darin Lebensspuren nachweisen zu können. Auf der Erde könnte man auf diese Weise zum Beispiel Wasser, Sauerstoff, Ozon, Kohlendioxid und Methan nachweisen. Auf die Kombination komme es an, sagt Lisa Kaltenegger. „Sauerstoff oder Ozon plus Methan auf einem Planeten in der Habitablen Zone sind das beste Lebensindiz.“

Sie hofft, bereits in den nächsten Jahren fündig zu werden. Dazu braucht es größere Teleskope als bisher. Und man muss das Weltall in der Nähe abgrasen, denn nur dort liefern Sterne eine genügend große Lichtmenge. Hoffnung setzt sie zum Beispiel auf das Tess-Teleskop der Nasa. Es soll vom Juni 2018 an nach kleinen Felsplaneten suchen, die um nahe Sterne kreisen. Damit die Teleskope auch wirklich wissen, wonach sie schauen müssen, entwickeln die Forscher eine Datenbank für „Planetenfingerabdrücke“.

Viele Menschen lassen sich von Kalteneggers Art und Ideen mitreißen. Das öffnet ihr Türen. Nach einem Vortrag in der New Yorker Cornell University wurde sie gefragt, ob sie ganz an die Universität kommen würde und was man dafür tun müsse. Sie antwortete, dass sie schon immer ein Institut gründen wollte. Die Universität ermöglichte ihr das. Im Mai dieses Jahr wurde das Institut offiziell eröffnet. Chemiker, Biologen, Astronomen, Physiker und Ingenieure – darunter 22 Professoren – befassen sich darin begeistert mit der Suche nach Lebensspuren im All. Das Institut erhielt den Namen des Astronomen Carl Sagan, Autor des Romans „Contact“, der 1997 verfilmt wurde. Jodie Foster spielte in dem Film die Hauptrolle der jungen Forscherin, die unermüdlich nach Leben auf anderen Planeten sucht und eines Tages Erfolg hat. Lisa Kaltenegger erinnert ein bisschen an diese Ellie Arroway.

Aliens sind weit weg

Oft hört sie von Leuten die Frage, wie eigentlich Außerirdische aussehen. Doch woher sollte sie die Antwort wissen? Sogar das Leben auf der Erde habe noch so viele unbekannte Formen, sagt sie. In den Tiefen der Ozeane leben so bizarre Wesen, wie sie die menschliche Fantasie kaum hervorbringen kann. Manche irdische Geschöpfe zeigen eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit, wie das nur ein Millimeter große Bärtierchen. Man findet es überall. Es überlebt tiefgefroren bis zu minus 200 Grad Celsius und gekocht bis zu 100 Grad. Es kommt zehn Jahre ohne Wasser aus und hält sogar im Weltall – ohne Raumanzug – mindestens zehn Tage durch. „Mehr haben wir noch nicht ausprobiert“, sagt Kaltenegger.

Aber all das sei doch kein intelligentes Leben, entgegnen viele Leute. „Woher wollen wir das wissen?“, fragt Lisa Kaltenegger. Der Mensch gehe ja immer nur von sich selbst aus und habe schon Probleme, mit verwandten Arten wie Menschenaffen zu kommunizieren. „Aber versuchen Sie mal, mit einer Tiefseequalle zu reden, um rauszukriegen, ob die jetzt intelligent ist.“

Mit besonderem Interesse blickt Kaltenegger auf den allernächsten Stern, etwa vier Lichtjahre von der Erde entfernt: Alpha Centauri B. Auch der wackelt nämlich. Astronomen haben die Spur eines kleinen, heißen Planeten gefunden, auf dem kein Leben möglich ist. „Aber kleine Planeten kommen meist nicht alleine“, sagt Kaltenegger. Könnten wir also eine zweite Erde direkt vor der Haustür haben?

Vor der Haustür – das heißt in diesem Falle etwa 38 Billionen Kilometer. „Wenn das ganze Sonnensystem auf Keksgröße schrumpft, dann wäre der nächste Stern zwei Fußballfelder weit weg“, erklärt Kaltenegger. Mit einer herkömmlichen Raumsonde braucht man allein schon 35 Jahre, um an den Rand des Kekses zu gelangen. Zum Alpha Centauri B. würde es Zehntausende von Jahren dauern. Ob die Menschen also irgendwann einmal Aliens treffen werden, ist höchst fraglich.

Lisa Kaltenegger kann damit gut leben. Sie will einfach nur wissen, ob es anderswo überhaupt Leben gibt. Und unter welchen Bedingungen.