Die Menschen in den hellgrün leuchtenden Reisfeldern lächeln und winken den Besuchern zu. Die Begegnung mit dem Befreier Kambodschas, dem früheren Studenten und Fußballspieler Saloth Sar, ist eine geistreiche Erfahrung. Das erzählen die vier Schweden nach ihrer Rückkehr im Jahre 1978. Einzig die Austern dazu irritieren, denn das Land ist bettelarm, zerbombt, woher kommt die edle Speise? Das fragt sich eine von ihnen im Stillen. Schreiben und erzählen werden alle später von Revolution, von Aufbruch, von hart arbeitenden, aber glücklichen Menschen, und von Pol Pots Lächeln.

Pol Pot, nicht Salot Sar. Von dem sprechen wir heute, wenn wir von Kambodschas Geschichte sprechen. Mindestens 1,7 Millionen Tote, ein Drittel der Bevölkerung, forderte seine Utopie eines Bauernstaates bis zu ihrem gewaltsamen Ende. Kambodscha von 1975 bis 1979, das ist Zwangsarbeit, Hunger, Vertreibung, Enteignung, Folter. Noch heute sind Kambodschas Reisfelder von Landminen gesäumt. Touristenziele sind nicht nur die unwirklich schönen Tempel von Angkor Wat, sondern auch die Killing Fields und Tuol Sleng, das Foltergefängnis der Roten Khmer im Herzen Pnohm Penhs. Das ist die Wahrheit. Oder?

Die Geschichte, die Wahrheit: Der schwedische Autor Peter Fröberg Idling meint sie zu kennen, als er 25 Jahre nach der Reise seiner Landsleute in einer Stockholmer Bibliothek auf das kleine Buch „Kampuchea zwischen zwei Kriegen“ stößt, die begeisterte Reiseerzählung der vier Schweden, darunter der bekannte Autor Jan Myrdal. Sie waren eine Ausnahme, kaum ein Ausländer durfte damals Kambodscha bereisen, „das Land , das sich selber eingeschlossen hat. Das Land der Träume. Das Schlachthaus.“ Er findet darin eine andere Wirklichkeit, eine andere Geschichte. Eine andere Wahrheit. Die schwedische Delegation sah Träume wahr werden, wo ein Schlachthaus war.

Sahen sie nicht? Sie waren doch dort. Wollten sie nicht sehen? Konnten sie nicht sehen, weil ihnen die Wirklichkeit mit einer 1 000 Kilometer langen Kulisse aus Potemkinschen Dörfern verstellt wurde? Fröberg Idling, Jahrgang 1972 und im Kinderwagen Zeuge der Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, will verstehen. Die Blindheit der Reisegruppe, die Verblendung einer ganzen Generation von Linken, deren Solidarität mit den gequälten Ländern Südostasiens es vielleicht nachvollziehbar machen könnte, dass vier Intellektuelle winkende Bauern sahen und nicht nach den Leichen in der Erde fragten. Die vier waren damals in guter Gesellschaft, auch Per Olov Enquist, Noam Chomsky und andere anerkannte Köpfe kommentierten den Umbau des Landes nach der kolonialen Unterdrückung wohlwollend bis enthusiastisch. Und die Bevölkerung? Wann begriff man in dem abgeriegelten Land, dass der Traum zum Schlachthaus wurde?

Fröberg Idling reist viele Jahre durch Kambodscha, spricht mit Zeitzeugen, hört den Orten zu und lässt Landschaft, Bilder, Dokumente sprechen. Er reist durch Bibliotheken und Archive, er reist durch Schweden. Zwei der vier Begeisterten von 1979 reden mit ihm. Der Reisende will Kambodschas Geschichte begreifen, und wie Geschichte entsteht, weit über Kambodscha hinaus.

„Was ist es, was ich nicht sehe?“, fragt er an einer Stelle. Können erst die Zurückschauenden wirklich erkennen? Ist Geschichte auch das Besserwissen der Spätgeborenen? Und wie fatal können positive Vorurteile sein? Antworten bekommt er, viele. Zu viele, um am Ende eine Wahrheit präsentieren zu können. Stattdessen zeigt er, dass Geschichte ein großes Durcheinander ist, solange sie noch nicht geschrieben ist, lässt Medien sprechen, Parolen wüten, die Gedanken wandern, lässt Opfer ihre noch heute quälenden Leben erzählen und, gleich danach, fast daneben, den Diktator seinen Charme entfalten. „Pol Pots Lächeln“ ist so sprunghaft wie die Recherchen des Autors, ist so widersprüchlich wie seine Funde und in seiner erzählerischen Dichte und zugleich dokumentarischen Lückenhaftigkeit so mitreißend anstrengend, dass beim Lesen bisweilen der Atem schneller geht und der Kopf schmerzt. Weil Nachdenken anstrengend ist, aber man ohne Denken den Widersprüchen der Geschichte nicht beikommt.

Lässt man sich darauf ein, bekommt man mit „Pol Pots Lächeln“ viel mehr als die Wahrheit. Man darf teilnehmen an ihrer ungeheuer spannenden Entstehung. Und teilnehmen an einer Reise in ein Land voller Pein und Schönheit, das bis heute mit seiner Geschichte ringt.

Peter Fröberg Idling: Pol Pots Lächeln. Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer. Aus dem Schwedischen von Andrea Fredriksson-Zederbauer. Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2013, 352 S., 22,95 Euro.