Dieter Kunzelmann hat sich gestellt. Um 6 Uhr hämmerte der Politclown am Mittwoch an das Tor der Justizvollzugsanstalt Tegel. "Ich will hier rein", rief er. "Ich will endlich in den Knast." Begleitet von Freunden war er zum Gefängnis gefahren, um die elfmonatige Haftstrafe anzutreten, zu der er 1997 nach zwei Eierwürfen auf den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) verurteilt worden war. Diepgen wollte sich nicht äußern. "Kein Kommentar", hieß es aus der Senatskanzlei. Im Gefängnis läuft nun das "Aufnahmeverfahren", bei dem unter anderem die Haftfähigkeit Kunzelmanns von einem Arzt geprüft wird. Der Mediziner untersucht seinen Gesundheitszustand und seine psychische Verfassung. Das ist bei allen Gefangenen üblich. Danach wird entschieden, in welcher Haftanstalt Kunzelmann untergebracht wird.Anderthalb Jahre lang hatte sich Kunzelmann unter anderem in Italien vor der Polizei versteckt. Erst im März 1999 war er wieder in Berlin aufgetaucht. "Ich will das hinter mich bringen, damit ich mich wieder als freier Mann in die politische Debatte einmischen kann", sagte der Ex-Kommunarde. "Kunzelmann ist es im Exil zu langweilig geworden", präzisierte sein Anwalt Hajo Ehrig. In der Nacht hatte Kunzelmann mit rund 200 Alt-68ern und Junglinken im Kreuzberger Szenetreffpunkt Mehringhof in seinen 60. Geburtstag reingefeiert. Bis sich der Politclown aber gegen 1 Uhr morgens aus einem Papp-Ei auf der Bühne des Mehringhof-Theaters heraussägte, waren sich viele Gäste nicht sicher, ob Kunzelmann wirklich auftauchen würde. Zu oft hatten sie vergeblich auf ihn gewartet.Dieter Kunzelmann ließ sich feiern und las aus seinen Memoiren vor. Eine gegen vier Uhr von Kult-Moderator Jürgen Kuttner organisierte Gratulationsrunde geriet zur Audienz. Die Prozedur erinnere ihn an Honecker-Geburtstage, sagte Kuttner. Nur das rhythmische Klatschen fehle. Als ein Reporter bemerkte, daß Kunzelmann seine Strafe niemals werde antreten müssen, da der Amtsarzt ihn gleich in die Irrenanstalt überweisen würde, drohte die Runde jedoch in Chaos zu versinken. Ganz wie sein Vorbild Kunzelmann ergriff ein junger Mann mit Pferdeschwanz ein Ei und zermatschte es auf dem Kopf des Reporters. Ordner mußten die Männer trennen. Gegen fünf Uhr brach der notorische Schwarzfahrer Kunzelmann mit einigen Getreuen per U-Bahn nach Tegel auf. Die Polizei hielt sich zurück. Dies sei so verabredet gewesen, sagte Anwalt Hajo Ehrig. Martin Textor vom Landeskriminalamt bestätigte die Vereinbarung. Ehrig habe ihm glaubhaft versichert, daß sich Kunzelmann stellen wolle, sagte Textor. Nur Zivilbeamte hätten das Geschehen verfolgt. Im Gefängnis will Kunzelmann an einer zweiten Auflage seiner Memoiren arbeiten. Schon jetzt gibt es Einladungen für Vorträge und Talkshows. Die erste ist am 29. Juli. Thema: "Ordnungsfanatiker und Totalchaoten". Ob er so früh schon Hafturlaub bekommt, ist allerdings fraglich.