Internetnutzer sind unpolitische Menschen. Sie sind zu träge, für ihre Interessen auf die Straßen zu gehen, sie weigern sich hartnäckig, Bürgerinitiativen zu gründen, und ihre politischen Forderungen - wenn sie überhaupt welche vorbringen - beschränken sich auf "Freies WLAN für alle!". Nicht einmal politische Blogs wollen sie gern lesen oder schreiben. So lauten die Beschwerden seit vielen Jahren. Aber wer so klagt, der verwechselt die Form politischen Handelns mit dem politischen Handeln selbst. Ebenso gut könnte man einem ICE-Führer vorwerfen, er komme nicht vom Fleck, da er den ganzen Tag nur in seinem Führerstand herumsitze und zu faul sei, einen Fuß vor den anderen zu setzen.Manchmal ergibt es sich tatsächlich, dass im Netz entstandene Bewegungen eine herkömmliche politische Ausdrucksform finden. Die Proteste, bei denen im Herbst und Winter mehrere tausend Isländer das Parlamentsgebäude mit Farbe und Eiern bewarfen, wurden durch Facebook erst möglich gemacht. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes formieren sich in Island überhaupt Gruppen über Geburtstagspartygröße, wie Sigtryggur Magnson im Januar in der Huffington Post erläuterte. Knapp die Hälfte aller Isländer hat einen Facebook-Account, in der Altersgruppe unter 30 sind es sogar 95,8 Prozent. Und die E-Petition gegen Ursula von der Leyens Internetzensurvorhaben, die Anfang Mai in nur vier Tagen (vorgesehen sind drei Wochen) die erforderlichen 50 000 Unterschriften auf sich versammelte, hat inzwischen über 100 000 Unterstützer gefunden.Aber das sind Fußnoten. Die eigentliche politische Macht des Netzes ist für den konservativen Betrachter unsichtbar. Sie liegt im Wesen des Netzes und den Denk- und Verhaltensweisen, die es hervorgebracht hat. "Technik ist Politik. Und Technikgestaltung ist Gesellschaftsgestaltung. Denn technische Entwicklungen verändern die Welt - und zwar oftmals folgenreicher und nachhaltiger als alle politischen Institutionen." So schrieb IG-Metall-Vorstand Ulrich Klotz Anfang des Jahres in einem Text über das "Unternehmen 2.0". Der Computer, das Internet, das Mobiltelefon haben unsere Gesellschaft stärker verändert als jedes in den letzten Jahrzehnten erlassene Gesetz, jeder Regierungswechsel.Dieses Phänomen ist nicht erst mit dem Internet in die Welt gekommen. Nicholas Carr schildert in "The Big Switch" die Folgen der Elektrifizierung der Welt vor hundert Jahren: "Sobald die Stromversorgung zur Dienstleistung wurde, sanken die Kosten dramatisch, wodurch eine Kettenreaktion in Gang kam, die nicht nur die Wirtschaft grundlegend veränderte, sondern auch die Medien, die Kultur, das Bildungswesen und letzten Endes die gesamte Gesellschaft. Die Expansion der Mittelklasse, die Verbreitung der höheren Schuldbildung, der Aufstieg von Massenmedien und Massenkultur, die Flut der Konsumgüter - das alles wäre nicht denkbar gewesen ohne billigen Strom aus großen Anlagen."Zu den unmittelbaren Auswirkungen der Technik - Vereinfachung, Kostensenkung, Transparenz, Globalisierung - kommen veränderte Denkgewohnheiten. In den Foren und Communities des Netzes bilden sich neue Formen der Diskussionskultur heraus, und breite Nutzergruppen befassen sich mit Methoden der Mitbestimmung, die früher nur in eng abgesteckten politischen Räumen zum Einsatz kamen. Der Glauben an die Bedeutung der Privatsphäre lässt nach, und es wird leichter, sich mit virtuellen statt lokalen Gemeinschaften zu identifizieren. Neue Formen der Kollaboration und des Umgangs mit gemeinfreien Werken entstehen, die man als digitalen Sozialismus bezeichnen könnte, wie es Kevin Kelly in Wired gerade getan hat.Natürlich kommt es trotz allem darauf an, was die Politik aus der Technik macht. Man muss nicht so weit gehen wie John Perry Barlow, der 1996 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erklärte: "Regierungen der industriellen Welt . ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen." Die entscheidende Frage hat der Politikwissenschaftler Ralf Bendrath kürzlich im Blog netzpolitik.org in Abwandlung eines Karl-Popper-Zitats so formuliert: "Wie können wir unsere technischen Infrastrukturen so aufbauen, dass unfähige und unredliche Machthaber damit keinen großen Schaden anrichten können?"