Sabine Werth hat alle Hände voll zu tun.
Foto: Markus Wächter / Berliner Zeitung

BerlinAm Donnerstag ist Weltarmutstag. Auch in Berlin gibt es viele Bedürftige. Die Armut sei anders geworden, sagt Sabine Werth, Vorsitzende und Gründerin der Tafel. Ihre Organisation bekommt zudem immer mehr Konkurrenten: Wirtschaftsunternehmen, die auf den Markt drängen, um mit überlagerten Lebensmitteln ihr Geschäft zu machen.

Frau Werth, was ist Armut? Wer ist arm? Diese Frage beschäftigt bereits Generationen von Soziologen. Es gibt arme Menschen, die sich überhaupt nicht arm fühlen. Sie sagen, sie seien vom Leben reich beschenkt worden, auch wenn sie zur Tafel gehen und damit auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind. Und dann gibt es arme Menschen, die mir für so einen Ausspruch am liebsten an die Gurgel gehen würden. Die mir sagen, ich wisse ja nicht, was es heißt, arm zu sein.

Wissen Sie es? Ich komme aus armen Verhältnissen. Meine Mutter war alleinerziehende Krankenschwester. Ich bin in Buch geboren, 1960 gingen wir in den Westen. Sie musste damals jeden Pfennig umdrehen, und es gab ganz klare Ansagen, wann es was in der Woche zu essen gab. Ich will mit dem Stempel arm niemanden deklassieren, sondern nur darauf hinweisen, dass es immer eine Frage der eigenen Interpretation ist, ob ich mich arm oder reich fühle. Aber sicher gibt es eine ganz klare monetäre Armut.

Wie sieht diese Armut aus?

Sie bedeutet, dass man wegen fehlender finanzieller Mittel nicht mehr an den Angeboten dieser Gesellschaft teilhaben kann. Diese Ausgrenzung kann bis zur totalen Isolation führen.

Sie haben im Februar 1993 in Berlin die erste Tafel in Deutschland gegründet. Warum?

Ich war Mitglied in der Initiativgruppe Berliner Frauen. Wir hörten einen Vortrag der damaligen Sozialsenatorin Ingrid Stahmer über Obdachlosigkeit. Und dann kam ein Mitglied unseres Vereins mit einem Artikel über City Harvest New York, einer Organisation zur Rettung von Nahrungsmitteln. Die Ehrenamtlichen dort räumten abends nach den Empfängen die Banketts leer – um die übrig gebliebenen Lebensmittel Obdachlosen zu geben. Wir fanden das eine tolle Idee.

Wie ging es weiter?

Wir haben 23 Obdachloseneinrichtungen eingeladen und ihnen vorgeschlagen, Lebensmittel für sie zu sammeln. 21 fragten: Warum habt ihr nicht schon vorgestern damit angefangen? Zwei Einrichtungen fanden unsere Idee politisch inkorrekt.

Warum das?

Weil sie das, was wir wollten, vom Staat verlangten.

Womit sie doch recht hatten.

Sicher, aber ich warte nicht auf den Staat. Wenn ich die Notwendigkeit sehe, dann packe ich an. Als wir anfingen, bin ich mit meinem Privatauto dreimal die Woche zum Fruchthof gefahren. Wir haben dort jeden Händler nach übrig gebliebenen Lebensmitteln gefragt, jeden Apfel vom Erdboden aufgesammelt.

Wie sieht es heute aus?

Bei der Tafel in Berlin arbeiten 32 Festangestellte aller Religionen und 2 700 ehrenamtliche Menschen. In ganz Deutschland sind es 60 000 Freiwillige. Wir haben in Berlin 24 Fahrzeuge und gerade einen zweiten 7,5-Tonnen-Laster bestellt. Das läuft alles über Spenden. Ich glaube, wir haben schon etwas verändert.

Wie meinen Sie das?

Als wir anfingen, war Kohl noch an der Regierung. Herr Blüm erklärte, die Renten seien sicher. Alle Politiker haben unisono behauptet, es gebe in Deutschland keine Armut. Weil die Armut durch das Sozialsystem gedeckelt werde.

Das stimmte offenbar nicht.

Das Angebot der Tafel wurde angenommen und wuchs. Es gab zudem in den Medien immer mehr Berichte über die Tafel. Journalisten sind auf die langen Schlangen vor den Ausgabestellen aufmerksam geworden und haben nachgefragt, warum die Menschen dort stehen. Es wurden immer mehr Tafeln und immer mehr Menschen. Heute würde niemand mehr leugnen, dass es in diesem Land Armut gibt – selbst die AfD nicht.

Wie viele Menschen versorgen Sie denn mit der Tafel in Berlin?

Wir versorgen nicht, wir unterstützen. Das ist ein Riesenunterschied. Für die Versorgung ist die Politik zuständig. Sie hat die Pflicht, diese Aufgabe zu lösen.

Aber kann ich als bedürftiger Mensch bei der Tafel nicht so viele Lebensmittel holen, wie ich benötige?

Nein, deswegen haben die Ausgabestellen ja nur einmal in der Woche geöffnet. Es sollte niemand mehr Lebensmittel als für zwei, drei Tage bekommen. So ist das System der Unterstützung organisiert.

Anders gefragt: Wie viele Menschen unterstützt die Tafel in Berlin?

50.000 Menschen suchen jeden Monat die Ausgabestellen Laib und Seele der Tafel auf. Insgesamt unterstützen wir in der Hauptstadt aber 125.000 Bedürftige. 75.000 davon über die 300 sozialen Einrichtungen, denen wir helfen.

Was sind das für Einrichtungen?

Notunterkünfte, Frauenhäuser, die Kältehilfe, HIV-Positiven-Beratungsstellen. Es sind auch ein paar Schulen dabei, in denen die Eltern in Eigeninitiative zusammen mit Lehrern Frühstück für die Kinder anbieten.

Das heißt, es gibt auch viele bedürftige Kinder?

Ein Drittel der 50.000 Menschen, die im Monat zu uns kommen, sind Kinder, ein Drittel Senioren. Auch ein Drittel der Einrichtungen, die wir versorgen, sind Kinder- und Jugendeinrichtungen.

Gibt es besonders arme Bezirke?

Das kann ich eigentlich nicht sagen, wir unterstützen Menschen in Marzahn genauso wie in Zehlendorf.

Ist Berlin im Vergleich zu den anderen Bundesländern besonders arm?

Armut ist ein Großstadtphänomen. Berlin und Brandenburg liegen aber mit 43 Ausgabestellen ganz weit hinten. Nur das Saarland hat noch weniger.

Müsste es also in der Hauptstadt mehr Ausgabestellen geben?

Nicht zwingend. In Berlin gibt es 45 Ausgabestellen in der Stadt verteilt. In Brandenburg 43 Tafeln. Es ist nicht sinnvoll, immer mehr Tafeln zu gründen, da wir uns beim Sammeln von Waren dann eventuell gegenseitig kannibalisieren würden. Dieses Phänomen gibt es nicht bei Ausgabestellen, sondern bei Tafeln.

Weil die Supermärkte nicht mehr bereit sind zu spenden?

Daran liegt es nicht. Die Märkte geben gerne. Sie tun damit auch etwas für ihr Image. Wir fahren in der Woche mit unseren Fahrzeugen in Berlin 850 Märkte aller Größen an und sammeln Lebensmittel ein. Aber wir haben mittlerweile eine zahlende Konkurrenz bekommen.

Was für Konkurrenz?

Von Sirplus, einem reinen Wirtschaftsunternehmen. Es kauft dem Handel Lebensmittel ab, die das Haltbarkeitsdatum überschritten haben und verkauft es preiswert an alle. Auch an Besserverdienende. Nun drängt mit Matsmart aus Schweden noch so ein vermeintliches Sozialunternehmen auf den Markt.

Warum empört Sie das so?

Weil sie die Fühler dort ausstrecken, wo die Tafel unterwegs ist. Sie bezahlen für die Ware Geld, zwar nur einen kleinen Betrag. Aber sie verdienen mit dem Verkauf. Und für die Händler ist es interessanter, die Ware zu verkaufen. Zumal sie auf gespendete Waren auch noch Steuern zahlen müssen. Das kann es nicht sein.

Was kann die Tafel dagegen tun?

Wir Tafeln müssen so schnell wie möglich die Politik dazu bewegen, das Steuerrecht dahingehend zu ändern, dass das kostenlose Abgeben von Waren nicht mehr versteuert werden muss. So, wie bei den Bäckern, wo das mittlerweile schon geschieht.

Wie viel Lebensmittel können Sie denn noch verteilen?

Wir sammeln etwa 1000 Tonnen im Monat ein, sortieren sie noch einmal gründlich. Bis zu 660 Tonnen können wir im Monat verteilen. Aber es wird eindeutig weniger.

Was sind das für Waren?

Alles, was im Handel zu kaufen ist. Ein Teil sind auch Waren, die das Mindesthaltbarkeitsdatum zwar überschritten haben, aber noch völlig in Ordnung sind. Zwei Drittel bis drei Viertel davon sind Obst und Gemüse. 30 bis 40 Prozent davon Bioware.

Das hört sich doch gut an.

Ist es auch. Wir hatten mal eine Studentin der Charité, die inzwischen den Doktortitel hat. Sie fand heraus, dass bedürftige Menschen, die sich Lebensmittel bei Laib und Seele der Tafel holen, gesünder sind, als bedürftige Menschen, die das nicht machen.

Warum ist das so?

Weil die Menschen, die zur Tafel kommen, mehr Obst und Gemüse erhalten. Die Erklärung ist eigentlich ganz einfach: Das Kilogramm Schweinenackensteak gibt es im Supermarkt für 2,99 Euro im Angebot. Und zur selben Zeit kostet das Kilo Paprikaschoten 5,99 Euro. Da greifen alle mit einem schmalen Geldbeutel verständlicherweise zum Fleisch, weil es billig ist, und lassen das Gemüse liegen.

Berlin und Brandenburg liegen bei der Anzahl der Tafeln ganz hinten. Aber welches Bundesland hat die meisten Tafeln?

Es gibt mittlerweile 947 Tafeln in Deutschland, zu denen 1,6 Millionen Menschen kommen. Sie werden es nicht glauben: Die größte Tafel-Dichte gibt es in Bayern und in Nordrhein-Westfalen.

Bayern gilt doch als das reichste Bundesland.

Das ist gerade das Faszinierende. Es gibt dort genügend Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Aber sie haben auch genug Armut, sodass sich Tafeln lohnen.

Ist die Armut in den vergangenen Jahren größer geworden?

Sie ist anders geworden. Früher hatte ich das Gefühl, dass sich die Menschen aus der Sozialhilfe aus eigener Kraft herausbewegen können. Heute hingegen heißt es: einmal arm, immer arm, einmal Sozialhilfe, immer Sozialhilfe.

Woran liegt das?

Es liegt am System, es liegt an den Menschen. Es gibt beispielsweise das neue Teilhabechancengesetz, mit dem Langzeitarbeitslose in Arbeit gebracht werden sollen. Sie fallen aus dem Hartz-IV-System heraus und erhalten keinerlei staatliche Unterstützung mehr. Nicht für die defekte Waschmaschine, nicht für die Rundfunkgebühren. Damit kommen viele nicht zurecht. Mit Hartz IV, das in meinen Augen ein Fehler war, ist den Menschen ein Stück weit die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung genommen worden.

Sie nehmen keine staatlichen Hilfen an. Warum nicht?

Weil wir verhindern wollen, dass der Staat sich auf uns ausruht. Würde ich Unterstützung annehmen, wäre ich gezwungen, das Spiel so zu spielen, wie der Staat es will. Das ist gefährlich.

Ist die Tafel damit nicht ein Armutszeugnis für den Staat?

Natürlich. Aber das sieht der Staat nicht so. Wir machen seit 27 Jahren auf Lebensmittelverschwendung und Armut aufmerksam. Weder hat sich etwas an der Lebensmittelverschwendung noch an der Armut geändert. Das ist traurig.

Aber Sie und Ihre Mitstreiter resignieren nicht.

Na klar machen wir weiter. Auch mit neuen Ideen.

Welche Ideen sind das?

Wir haben einen Kinder- und Jugendbereich entwickelt. Denn wir wollen nicht nur arme Kinder erreichen, sondern alle Mädchen und Jungen über Lebensmittel und gesunde Ernährung informieren.