London - Dass Boris Johnson derzeit abends ausgelassen durch den Treppenflur tanzt, entlang der Schwarz-weiß-Porträts aller vergangenen Premierminister, die an den gelb gestrichenen Wänden hängen, wie das seinerzeit Hugh Grant in der Liebeskomödie „Tatsächlich… Liebe“ getan hat, gilt als ausgesprochen unwahrscheinlich. Zu eingespannt ist der neue britische Premierminister, zu viele Angestellte wuseln zudem unaufhörlich durch das Gebäude an der Seitenstraße von Whitehall.

Boris Johnson zog in die Downing Street elf - Die Häuser zehn bis zwölf sind miteinander verbunden

Der Amtssitz 10 Downing Street, die Adresse der Regierungschefs des Königreichs seit fast 300 Jahren, erscheint nur von außen wie ein Reihenhaus. Der bescheidene Eingang zeichne sich durch typisch britisches Understatement aus, heißt es stets, wenn der Vergleich mit Residenzen anderer Regierungschefs gezogen wird. Denn hinter der wohl berühmtesten schwarzen Tür der Welt befindet sich ein Komplex mit mehr als 100 Räumen – Büros, Empfangssäle, private Räumlichkeiten und natürlich das Kabinettszimmer, in dem sich die Minister regelmäßig treffen. Viele von ihnen sind prächtig ausgestattet mit erlesenen Antiquitäten und wertvoller Kunst, sogar einen Garten gibt es. Den meisten Menschen bleibt der Blick hinein verwehrt und das liegt nicht nur daran, dass die Tür kein Schlüsselloch hat und somit nur von innen geöffnet werden kann. Auch Besucher müssen seit 1986 aus Angst vor terroristischen Anschlägen durch eine Sicherheitskontrolle. Nach einem Granatenangriff auf das Haus im Jahr 1991, verübt von der IRA, sowie nach dem 11. September 2001 wurden die Maßnahmen jeweils weiter verschärft. Nun ist die Straße durch ein hohes Eisengittertor abgesperrt. Die Tür ist nicht mehr wie ursprünglich aus Eiche, sondern aus Stahl. Ein Bobby, wie die Polizisten mit den glockenförmigen Helmen genannt werden, hält zudem vor der Tür mit dem Klopfer in Form eines Löwenkopfes Wache – und ist mittlerweile vor allem damit beschäftigt, die Katze Larry ins Heim und wieder herauszulassen. Der gefleckte Chef-Mäusefänger der Downing Street streunert seit 2011 im Zentrum der Macht herum, um das Rattenproblem in den alten Gemäuern zu lösen – und das Regierungs-Herrchen, vormals Frauchen, vor politischem Raubwild zu schützen.

Bei Theresa May hat es nicht geholfen, in der vorletzten Woche übernahm Boris Johnson die Geschäfte. Der Konservative will aber nicht im Obergeschoss von Nummer zehn wohnen wie seine Vorgängerin, die kürzlich gestand, sich hier nie wirklich zuhause gefühlt zu haben. Johnson ist jetzt mit seiner Freundin Carrie Symonds nebenan in die Nummer elf gezogen, seit 1806 die offizielle Residenz des Schatzkanzlers. Die Gebäude zehn, elf und zwölf sind durch Mauerdurchbrüche verbunden und es ist mittlerweile gang und gäbe, dass Premier und Finanzminister privat die Häuser tauschen. So lebte etwa Tony Blair mit seiner jungen und wachsenden Familie in dem geräumigeren Appartement von Nummer elf, während sein Schatzkanzler Gordon Brown, damals noch Junggeselle, in die kleine Wohnung mit den zwei Schlafzimmern zog.

Die Downing Street überstand als Sitz der Regierungschefs sogar den zweiten Weltkrieg

Wie Blair bevorzugte auch David Cameron mit Frau und Kindern das Zuhause in der Elf, sie bauten schlagzeilenträchtig eine neue, äußerst teure Küche ein und renovierten die Gemächer in der Downing Street, die nach Sir George Downing benannt ist. Er wurde wahlweise als Spion, Verräter oder „hinterhältiger Schurke“ bezeichnet, hatte sich aber als Soldat und Diplomat im englischen Bürgerkrieg verdient gemacht und erhielt deshalb von König Charles II als Belohnung ein Stück Land. Zwischen 1682 und 1684 ließ der Grundstücksspekulant für reiche Bewohner Londons auf dem weichen Boden 15-20 Gebäude mit Blick über den St. James“s Park errichten – billig gebaut mit einem flachen Fundament für maximalen Gewinn. Und so schimpfte Winston Churchill später denn auch, der Komplex sei „der damaligen Profitgier entsprechend liederlich gebaut“.

Beim Thema Immobilien hat sich in den letzten Jahrhunderten nicht viel verändert in der Metropole. Im 18. Jahrhundert schenkte König Georg II. dann dem „Ersten Lord des Schatzamtes“, Robert Walpole, das Haus mit der Nummer zehn. Er gilt als erster Premierminister. Und er war es, der den letzten privaten Bewohner, einen Mann namens Mr. Chicken, überzeugte, wegzuziehen.

Downing Street ist seitdem Amts- und Wohnsitz der Regierungschefs Großbritanniens und überstand sogar den Zweiten Weltkrieg. Die deutsche Luftwaffe zerstörte das Gebäude nur beinahe während des Blitzkriegs.

Die Machtzentrale Downing Street sieht nur noch von außen historisch aus

Als die Schäden in den 50er-Jahren beseitigt werden sollten, stellte sich heraus, dass die Ziegelsteine der charakteristischen Fassade keineswegs von schwarzer Farbe waren, sondern ursprünglich gelb, sich aber als Ergebnis jahrelanger Umweltverschmutzung durch offene Feuer und kohlebetriebene Züge dunkel verfärbt hatten. Um das typische Aussehen zu bewahren, übermalten die Arbeiter die gereinigten Steine wieder schwarz.

Doch erst während der Amtszeit von Harold Wilson, 1964 bis 1970 und 1974 bis 1976, wurde das Gebäude grundlegend renoviert. Am Ende glich die Machtzentrale einem Neubau. Nur von außen mutet sie noch immer historisch an – ganz im Sinne des traditionsverliebten Königreichs.