100 Watt aus der Luft gegriffen

Deutschland hat kein Stromproblem? Wie kommen die Grünen auf diese These, fragt sich unser Autor und kauft sich schon Stirnlampen mit Batterien.

Ein Mann trägt eine Stirnlampe
Ein Mann trägt eine Stirnlampeimago/IPA Photo

Vorhin wurden die Stirnlampen geliefert, für den Fall des Stromausfalls. Auch wir bereiten uns vor, wenngleich Rohlinge behaupten, hinreichend vorbereitet sei man schon mit einem Baseballschläger und Adressen von Leuten, die vorbereitet sind.

Dabei keimte neulich Hoffnung, jeder Gedanke an „geplante regionale Lastabwürfe“ könnte überflüssig werden. Ein Herr aus Simbabwe hatte einer ARD-Korrespondentin einen Fernseher vorgeführt. Das von ihm modifizierte Einzelstück, sprach der Herr, funktioniere ohne Steckdose, allein durch die Kraft von Funkwellen. Ausgeschaltet könne es andere Geräte mit Strom versorgen, sagen wir, einen Lockenstab. Statt Solarpanels könnte man Äcker also mit Milliarden Fernsehern bepflanzen, die sogar im Dunkeln Strom liefern. Bei der Präsentation war auf dem Bildschirm ein Film zu sehen, aber dahinter kein Netzkabel. Die Sache sei womöglich „ein ganz großer Wurf“, meldete die Journalistin nach Deutschland, ergänzt um ein Lamento des Erfinders: Dass ihm „in weiten Teilen Europas nicht einmal zugehört“ werde, habe „mit einer großen Portion Rassismus“ zu tun.

Der Bericht aus Afrika amüsierte viele Gebührenzahler besser als „Verstehen Sie Spaß?“ – zumindest jene, die während des Physikunterrichts der Mittelstufe nicht beim Zahnarzt waren. Zu ergötzlich war die Idee, 100 Watt derart aus der Luft zu greifen und das auch noch, ohne sich dabei die Daumen zu garen. Dank öffentlicher Nachhilfe erkannte die Korrespondentin, dass sie gefoppt worden war. Sie bat um Vergebung. Verstörender noch als ihr Fehler ist, dass ein Beitrag, der nicht mal als Aprilscherz ernst genommen werden kann, Mitte September ins Informationsangebot von „Tagesschau“ und Deutsche Welle gelangte. Haben die dort nicht alle Abitur, und wenn ja, woher?

Dieses Apparatversagen verdient Nachsicht. Schließlich tingelte die Führungsriege der Grünen gerade mit einer ebenso meschuggen Theorie durch die Medien: Deutschland, sagten sie, habe ein Wärmeproblem, aber kein Stromproblem. Der Wirtschaftsminister, die Außenministerin, die Parteivorsitzende, die Chefin der Bundestagsfraktion, sie alle deklamierten das ein ums andere Mal. Derweil wird knappes und teures Gas verstromt, wenn Sonne und Wind sich weigern, an der Energiewende mitzuwirken. Derweil legen Katastrophenschützer der Zivilbevölkerung den Erwerb von, siehe oben, batteriegestützter Notbeleuchtung nahe.

Energieversorgungsprofis haben versucht, den Spitzengrünen die Zusammenhänge zu erklären. Nur rudern jene, anders als die ARD-Frau, keinen Deut zurück. Wer hat ihnen den Humbug erzählt und erpresst sie, ihn zu wiederholen? Wissen sie es nicht besser? Die Frage sei irrelevant, sagt ein Freund. Es sei ihnen egal, ob es stimmt. Wenn Evidenz in der Politik eine Chance haben wolle, müsse sie zweckdienlich sein. Es ginge nicht um Wahrheit, sondern um Bodengewinne im Meinungskampf. Um die Rettung des „Narrativs“, der Geschichte, die man den Wählern erzählt. Jedenfalls dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass Kernkraftwerke noch zu gebrauchen sein könnten. – Nein, so negativ möchte ich nicht über Personen denken, denen mein Schicksal anvertraut ist. Bestimmt gibt es für sie einen über jeden Zweifel erhabenen Grund zur Annahme, Deutschland habe kein Stromproblem. Hoffentlich ist es nicht der Wunderfernseher. Oder funktioniert er doch?