Schilder statt Menschen: Luisa Neubauer im April 2020 bei Vorbereitungen für den Klimastreik in Corona-Zeiten.
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Es ist Freitagvormittag. Ein 15-jähriges Mädchen setzt sich mit einem Holzschild in Stockholm vor das Nationalparlament. Die Schülerin Greta Thunberg streikt, um ihr Land zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens zu drängen.

An diesem Tag dachte niemand, dass sie nur wenige Monate später auf der Weltklimakonferenz zu den wichtigsten Politikerinnen und Politikern der Welt sprechen würde; dass das Bild über alle nationalen und internationalen Nachrichtenkanäle laufen würde; und dass neben Staatspräsidenten auch Prinzessinnen und Schauspieler Selfies mit ihr machen wollen würden. Doch das Wichtigste: Niemand hätte geahnt, dass sich diesem Streik junge Menschen aus allen Ecken der Welt anschließen würden. Millionen Menschen, die nur ein paar Monate später die Straßen in ihren Städten und Dörfern fluten und damit nicht nur sich selbst, sondern eine ganze Generation politisieren würden. Der Startschuss hierfür ist genau 100 Wochen her.

Greta streikt immer noch. Und mit ihr Kinder, Jugendliche, junge und alte Erwachsene auf der ganzen Welt. Durch Corona zwar oftmals digital – aber dabei nicht weniger engagiert. Wie sehr diese 100 Wochen die Welt verändern würden, hätte niemand ahnen können. Zum einen ist das Klima nicht mehr wegzudenken aus den Debatten der progressiven Demokratien, aus den freien Medien und schon gar nicht aus dem politischen Diskurs in Ländern wie Deutschland. Innerhalb von 100 Wochen ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, dass Ansprachen von Staats- und Regierungschefs die Frage des Klimas behandeln, dass sich die Hauptversammlungen von Dax-Konzernen mit deren Emissionen beschäftigen. Und vor allem ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, dass junge Menschen Präsidenten und CEOs, Prominenten und Mächtigen in Talkshows und auf Podien begegnen, sie herausfordern und Streitgespräche führen.

Während sich die politische und gesellschaftliche Realität in diesen 100 Wochen drastisch verändert hat, sind die Argumente derjenigen, die für Klima- und Menschenschutz einstehen, noch dieselben. Man denke an die Rede von Greta Thunberg auf der internationalen Klimakonferenz Ende 2018, in der sie mit den Politikern und der Fortschrittslosigkeit der weltweiten Klimapolitik abrechnete. Die Rede ging auf Instagram, Facebook, Twitter viral. Statt der üblichen Floskeln, die auf solchen Konferenzen fallen, fand sie klare Worte. Sie benannte die Klimakrise als die existenzielle Bedrohung, die sie ist. Im Rückblick – besonders während der Corona-Pandemie – erscheint der Satz „Wir können eine Krise nicht lösen, ohne sie wie eine Krise zu behandeln“ eineinhalb Jahre später erstaunlich aktuell.

Es war wohl diese Rede, die den Startschuss gab. Nur eine Woche später schlossen sich Schülerinnen und Schüler auf der ganzen Welt an. Sie fanden in WhatsApp-Gruppen Gleichgesinnte, tauschten sich über Musikanlagen, Pressemitteilungen, Fehlstunden und Stoffe für Demonstrationsbanner aus und organisierten so die ersten Klimastreiks. Auch in Deutschland.

Nur einen Monat später reisten mehr als 10.000 junge Menschen nach Berlin zum Wirtschaftsministerium – zum ersten zentralen Klimastreik. Monatelang hatte die Kohlekommission über ein Ausstiegsdatum aus dem dreckigsten Energieträger verhandelt. Ohne dass junge Menschen mit am Tisch saßen, sprachen die Mitglieder über Milliarden-Pakete und die Zukunft der wenigen Tausend übrigen Arbeitnehmerinnen.

Doch der wichtigste Aspekt blieb fast vollständig außen vor: Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, muss der Ausstieg aus Braun- und Steinkohle bis spätestens 2030 vollzogen sein. Mit technischen Debatten über 2035, 2038 oder noch spätere Termine wurden diejenigen ausgeklammert, die die Folgen der Entscheidungen tragen müssen – unsere Generation.

Also verschafften wir uns selbst Gehör. Wir schrieben einen offenen Brief, in dem wir auf die „historische Entscheidung“ des Kohleausstiegs aufmerksam machten; wir trafen Peter Altmaier und redeten den Mitgliedern der Kohlekommission persönlich ins Gewissen. Zum ersten Großstreik der deutschen „Fridays for Future“-Bewegung machten wir klar: Drei Jahre, nachdem der Bundestag die internationalen Verpflichtungen von Paris einstimmig beschlossen hat, wird unsere Generation die Politik dazu bringen, diese Ziele endlich einzuhalten.

Im Nachhinein erscheinen uns die vergangenen 100 Wochen und insbesondere der Verlauf der Monate vor Corona wie selbstverständlich. Mit Greta hatte nicht nur die Klimakrise erstmals ein Gesicht bekommen. Die Millionen jungen Menschen auf den Straßen formulierten selbst eine Antwort darauf, warum man sich um das Klima kümmern sollte.

Seit Fridays for Future betreiben wir Klimaschutz nicht mehr nur wegen der Eisbären, der Bienen oder der Inseln im Pazifik. All das, so kalt es klingt, konnte einer Mehrheitsgesellschaft, einer politischen Klasse, den kapitalistischen Wirtschaftsbetrieben herzlich egal sein. Klimaschutz war „Gutmenschentum“. Immer Nice-to-have, niemals Must-have, immer nett, niemals dringend, immer löblich, niemals unverzichtbar. Jetzt hatte die Klimakrise aber ein Gesicht bekommen – genauer gesagt einige Millionen Gesichter. Und niemand kann sich heute mehr durch die Welt manövrieren, ohne seinen Anteil an dieser Katastrophe zu hinterfragen.

Denn ja: „Das Klima“ kann einem egal sein. Die Zukunft der eigenen Kinder aber nicht. In dem Augenblick, in dem die Kinder an den Frühstückstischen anfingen, ihre Eltern zu fragen, wie sie sich denn die Welt, in der sie ihre Zukunft verbringen würden, vorstellen – in diesem Moment versank die Klima-egal-Haltung von Millionen von Eltern in den vorwurfsvollen Blicken ihrer eigenen Kinder.

An dieser Stelle könnte man ein „Ende gut, alles gut“ erwarten. Alles geklärt? Nicht ganz. Denn spätestens als die Kinder die Titelseiten dieses Landes besetzten, setzte der Gegenwind ein. Da war Angela Merkel, die unsere Proteste mit hybrider Kriegsführung Russlands in Verbindung brachte, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass Jugendliche für ihre Zukunft mobil machen. Und natürlich Christian Lindner, für den der Kampf gegen die Klimakrise „eine Sache für Profis“ war, weil man von „Kindern und Jugendlichen“ nicht erwarten kann, „dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen“.

Wir wehrten uns und holten die echten Profis an Bord. 26.800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellten sich als „Scientists for Future“ hinter unsere Proteste. Sie wiederholten das, wovor sie schon seit Jahrzehnten immer wieder warnen: Das Zeitfenster, die Klimakrise noch einzudämmen, wird immer kleiner – die Folgen immer dramatischer. Sie machten klar, was wir durch die Untätigkeit der Regierungen bereits alles verloren haben und wie wichtig der Kompromiss von Paris ist, die Erderhitzung auf maximal 1,5 Grad zu beschränken.

Im Laufe von 100 Wochen avancierte #ListenToTheScience erst zu einer Haltung, später zu einem Politikstil. Jeder wollte sich plötzlich mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern abbilden. Und dennoch: Vier Jahre nach der einstimmigen Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens hat bis heute keine der demokratischen Parteien im Bundestag einen Plan zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels vorgelegt. Keine einzige.

Also streikten wir weiter, Woche für Woche. Wir standen nicht nur in Deutschland auf Marktplätzen, vor Rathäusern und Ministerien. Für knapp die Hälfte der Wahlberechtigten machten wir das Klima zum wichtigsten Thema der Europawahl, zum europäischen Großstreik kamen im Juni 2019 über 40.000 Menschen nach Aachen und knapp 2000 Aktivistinnen und Aktivisten zu unserem mehrtägigen Sommerkongress in den Ferien. Während der vier globalen Klimastreiks mit bis zu 1,4 Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Freitagmorgen des 20. September zeigten wir der Welt, dass die Klimakrise in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Die Reaktion der großen Koalition wurde zu einer der wohl bestdokumentierten politischen Katastrophen des vergangenen Jahres. Nie zuvor lag der Wille zur Veränderung in der Bevölkerung und der nach einem klimapolitischen Weiter-so in der Regierung weiter auseinander als im Jahr 2019.

Dann kam 2020 und damit ein Jahr, das alles änderte. Für uns gleich zweimal. Es ist gar nicht so abwegig anzunehmen, dass eine Bewegung, die seit jeher Großstreiks organisiert, an einem monatelangen Kontaktverbot zugrunde geht. Oder gar an einem politischen Stimmungswechsel, der von Klimaliebe zu Konjunkturliebe schwingt.

Doch was Fridays for Future angesichts Corona machte, war genau das, was wir von unserer Regierung erwarten. Wir übernahmen Verantwortung und hörten auf die Wissenschaft. Wir setzen uns für Generationengerechtigkeit ein – und das in jede Richtung. Es war und ist keine Frage, dass wir ältere und anfällige Menschen schützen. #FightEveryCrisis lautet das Gebot der Stunde. Und die Leute machten mit, sie organisierten coronakonform, wurden kreativ, fingen an, Klimaproteste neu zu denken. Das war nicht immer leicht, im Gegenteil. Wir sind aber nicht angetreten, weil unser Vorhaben leicht ist. Sondern weil es notwendig ist.

Lange wurde Corona nun als die Krise beschworen, die beweist, dass Regierungen Krisen tatsächlich ernst nehmen können. Es hat sich aber etwas anderes gezeigt: Für die Menschen hängt die Relevanz der Klimakrise nicht zwangsläufig davon ab, wie viele gerade auf der Straße stehen. Klimaschutz wird trotzdem eingefordert. Das zeigen nicht zuletzt die Umfragen. Denn das ist es, was die vergangenen 100 Wochen verändert haben: Sie haben die Klimakrise zum (berechtigten) Dauergast gemacht.

Nebenbei hat Corona so ziemlich alle Ausreden vom Tisch gewischt, warum nicht gehandelt werden kann. Wenn man Krisen ernst nehmen will, kann man das tun. Und dann ist – das wissen wir spätestens jetzt – fast alles möglich. Sorgen wir dafür, dass das jetzt dort ankommt, wo die großen politischen Hebel bedient werden.

Auf dass wir keine weiteren 100 Wochen mehr streiken müssen.