Berlin - Bergpartei, HipHop Partei, V-Partei - und noch eine für das Glücklichsein: Bei der Bundestagswahl am 24. September treten in Berlin etliche Gruppierungen an, die eher exotisch anmuten und von denen wohl die meisten Wähler noch nie gehört haben.

Die Gesellschaft wird bunter, und damit auch der Wahlzettel. 24 Parteien treten bei der Wahl mit Landeslisten an. Was treibt die kleinen jenseits der Etablierten um? Alles Ulk oder was?

Partei erst im Mai gegründet

„Wir planen keinen Sprechgesang im Bundestag“, versichert Niki Drakos, die Co-Vorsitzende von „Die Urbane - eine HipHop Partei“. „Wir wollen Politik mehr Menschen zugänglich machen.“ Erst im Mai wurde die Partei in Berlin gegründet, hat inzwischen auch in Hamburg, Niedersachsen und Sachsen Landesverbände und stellt sich nun zum ersten mal einer Wahl.

Die Schlüsselelemente der aus den USA stammenden HipHop-Kultur ließen sich „im Kontext gesellschaftlicher Lösungsfindungen und gewaltfreier Konfliktbewältigung“ auf die Politik übertragen, heißt es in ihrem Programm. Als da wären: „Repräsentanz, Identifikation, Teilhabe, individuelle Selbstentfaltung, kreativer Wettstreit, machtkritische Perspektive“.

„Unser Programm ist ein guter Remix“, meint Drakos. Für eine kulturelle Identität wolle die Partei eintreten, in der sich alle Menschen wiederfinden, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Nationalität, Sexualität. Bildung, freier Zugang zu Informationen, Gütern, Lebensmitteln, ein solidarisches Europa, eine offenere Zuwanderungspolitik sind weitere Schwerpunkte.

„Als Partei erst mal bekannter werden“

Und ihr Wahlziel? „Als Partei erst mal bekannter werden“, sagt Drakos.
Das möchte auch die „Partei für Gesundheitsforschung“, die bei der Abgeordnetenhauswahl im September aus dem Stand und mit wenig finanziellen Mitteln immerhin auf 0,5 Prozent der Zweitstimmen kam, unterm Strich 7800 Wähler hatte. „Der Einzug in den Bundestag wäre eine große Sache, die Leute müssen sehen, dass es uns gibt“, sagt der Berliner Landesvorsitzende Georg Jungermann.

Seine Partei ist - der Name verrät es - monothematisch aufgestellt. Sie setzt sich dafür ein, deutlich mehr Geld als bisher in die Erforschung von Krankheiten wie Krebs, Alzheimer, Diabetes oder Osteoporose zu stecken. „Dann könnte viel schneller wirksame Medizin entwickelt werden“, ist sich Jungermann sicher. Heute sei es bei der Verteilung der Mittel so, „dass ein Schlagloch wichtiger ist als unsere Gesundheit.“

„Man muss selbst aktiv werden“

Ein Problem sieht er nicht darin, mit nur einem Thema zur Wahl anzutreten. „Wir machen das, womit wir uns auskennen“, sagt er. „Wir wollen keine zweite SPD werden.“ Im Falle einer Regierungsbeteiligung müssten sich Koalitionspartner um andere politische Felder kümmern.
Was treibt Menschen, eine neue Partei zu gründen oder sich in kleinen Gruppierungen zu engagieren, obwohl Wahlerfolge aussichtslos scheinen? „Es bringt nichts zu warten, dass etwas passiert und sich etwas ändert. Man muss selbst aktiv werden“, sagt Angela Küster dazu, die Berliner Landesvorsitzende der „V-Partei - Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer“.

„Bei uns sind nicht nur Veganer willkommen“

„Wir sprechen Themen radikaler an als die etablierten Parteien und setzen diese so unter Druck“, schildert sie. Hauptziele der V-Partei seien eine biovegane Landwirtschaft und die Abschaffung der Massentierhaltung. Sie trete auch gegen die Abholzung der Regenwälder und den ungezügelten Bodenverbrauch sowie für den Schutz der Meere ein. „Wir sind nicht ideologisch. Bei uns sind nicht nur Veganer willkommen“, betont Küster.

Drei Beispiele für die schöne neue Parteienwelt - die Liste ließe sich fortsetzen. Denn auf dem Wahlzettel am 24. September will auch die Partei „Menschliche Welt - für das Wohl und Glücklich-sein aller“ stehen. Oder die Partei „Die Violetten - für eine spirituelle Politik“. Oder die „Bergpartei - die Überpartei“: ein nach eigener Darstellung „ökoanarchistisch-realdadaistsches Sammelbecken - klein aber langsam“.

Während angesichts solch innovativer Slogans die Grenzen zwischen Politik und Satire zu verschwimmen drohen und eine Zuordnung schwierig wird, herrscht bei „Die Partei“ Klarheit. Denn inzwischen hat sich herumgesprochen, dass die bunte Truppe um Kabarettist Martin Sonneborn eine Jux-Partei ist. Ihr „Kanzlerkandidat“ ist der Komiker Serdar Somuncu, wie Sonneborn bekannt aus der „heute-Show“ im ZDF.

Er steht nicht nur auf Platz 1 der Berliner Landesliste, sondern kandidiert in Friedrichshain-Kreuzberg auch für das Direktmandat. Sein Motto: „Mehr Glatze als Schulz - Mehr Hitler als Erdogan“. (dpa/red)