Berlin - Feste soll man feiern, wie sie fallen. Das stimmt sicher – die Frage ist jedoch: Wie soll man sie feiern? Diese Frage haben sich die Verantwortlichen der Feierlichkeiten für den 30. Jahrestag des Mauerfalls, der am 9. November dieses Jahres ansteht, gestellt. Die Antwort lautet: Es gibt nicht einen zentralen Jubel-Ort, sondern sieben gleichberechtigte sowie diverse andere Orte überall in der Stadt.

„Route der Revolution“ zum Mauerfall-Jubiläum

Es soll eine zentrale „Route der Revolution“ (gemeint ist die sogenannte „friedliche Revolution“) mit dem Brandenburger Tor, dem Schloss- und dem Alexanderplatz, mit der Gethsemanekirche, der East Side Gallery, der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg und dem Kurfürstendamm geben. An diesen Orten und zum Beispiel auch an der Bösebrücke zwischen Pankow und Wedding oder auf dem Platz des 17. Juni an der Leipziger/Ecke Wilhelmstraße sind vom 4. bis zum 10. November Hunderte Ausstellungen und Veranstaltungen geplant. Dazu werden große Projektionen an Hauswänden, Filmvorführungen und Soundinstallationen Stimmung und Atmosphäre rund um den Mauerfall erlebbar machen. 

Gleichzeitig soll den Opfern von Mauer und SED-Regime gedacht werden, die Helden der Revolution gefeiert sowie Perspektiven für das Land aufgezeigt werden, wie es heißt. Am 9. November selbst sind an all diesen Orten Konzerte geplant – eine Art Fête de la Musique im November mit anschließender „europäischer Clubnacht“.

30 Jahre Mauerfall in Berlin: Nachdenkliche Töne

Zehn Millionen Euro hat das Abgeordnetenhaus für das Fest lockergemacht, darin enthalten sind auch die Kosten für die seit dem Anschlag vom Breitscheidplatz gestiegenen Sicherheitsanforderungen.

Mindestens so interessant wie das Programm ist der Prozess, der zu diesem Ergebnis geführt hat, das am Mittwoch von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Moritz van Dülmen, Chef der landeseigenen Gesellschaft Kulturprojekte, präsentiert wurde. Klaus Lederer, in Frankfurt an der Oder und Berlin-Hohenschönhausen aufgewachsen, ist bekanntlich ein nachdenklicher Mann. So einfach wie der damalige Regierende Bürgermeister Walter Momper vor 30 Jahren mit seinem merkwürdig forderndem „Berlin, nun freue dich!“ – das „endlich“ muss man da einfach mitdenken – macht es sich der Linke-Politiker jedenfalls nicht. Ganz im Gegenteil.

Um den Prozess zu verstehen, lohnen sich Blicke zurück: Am 9. November 2009, am 20. Jahrestag des weltgeschichtlich bedeutenden Ereignisses, waren die Eindrücke vom Sommermärchen 2006 noch recht präsent, als sich die Deutschen der Weltöffentlichkeit als freundliche, ja lebenslustige Gastgeber präsentierten. Europa galt als Ideal, selbst Russland und die USA hatten sich angenähert. Dazu passten die drei Dutzend internationalen Staatsgäste, die der Einladung von Kanzlerin Angela Merkel zur Mauerfall-Feier gefolgt waren. Am Ende purzelte zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor eine symbolische Mauer in Form von 1000 Dominosteinen zu Boden. Alle Beteiligten dieser staatstragenden Veranstaltung schienen zu sagen: Nie wieder Mauern.

Der Mauerfall:Startschuss für die Rechten?

Am 9. November 2014, einem nasskalten Tag, ließen sich 8000 Menschen leuchtende Ballons in die Hände drücken und bildeten eine 15 Kilometer lange Lichterkette entlang des Mauerstreifens in der Innenstadt. Es kamen Ossis und Wessis, Junge und Alte. Kein Misston störte dieses schöne Bild von Einigkeit und vorbildlicher Demokratie.

Und heute? Herrschen vielfach Unbehagen und Unsicherheit. Lederer erinnert an „Versäumnisse und Defizite im Einigungsprozess“. Ist beim Mauerfall vielleicht der Samen gesetzt worden, der aus dem Kampfruf „Wir sind das Volk“ mancherorts ein „Wir sind das eine Volk“ machte, wie Lederer es gehört haben will? Hat damals bereits – zunächst unbemerkt und schleichend – der Siegeszug der Rechten begonnen, wie Lederer vermutet? Jedenfalls hat der Senator beim Thema Mauerfall einen „Versuch der nationalistischen Vereinnahmung durch Rechte“ ausgemacht.

Eine Abkehr von Idealen wie Offenheit, Vielfalt, Verständigung und Dialog erkennt Lederer auch in anderen Teilen der Welt. Angesichts dessen brauche man erst recht ein fröhliches Feiern, sagt er. Er jedenfalls wünsche sich zum 9. November 2019 „eine Haltung aus Nachdenklichkeit und Trotz-Alledem“.