Westberliner heißen einen Trabi in der Nacht des Mauerfalls im Bezirk Steglitz willkommen.
Foto: Sven Simon/imago

BerlinIn der letzten Woche unserer Debattenserie stand das Thema „Sind wir ein Land?“ auf dem Programm. Unsere Kommentatoren äußerten sich dazu, wie sie die Vereinigung erlebt haben und wie unsere Gegenwart dazu im Verhältnis steht. Das große Ereignis in der jüngeren deutschen Geschichte lässt niemanden kalt – egal ob er oder sie am 9. November 1989 dabei war oder nicht. Das zeigten auch die vielen Reaktionen unserer Leser.

Die Leiterin der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, Martina Weyrauch, betonte, dass die Einigkeit der beiden Landesteile in der gemeinsamen Verantwortung für ein konstruktives, solidarisches und friedliches Deutschland liege – unabhängig davon, wo jemand geboren sei: ob in Neuruppin, Münster, Warschau, Hanoi oder Damaskus.

Der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen räumte Fehler im Einigungsprozess ein. Die Treuhandge-sellschaft habe teilweise Industrien in Ostdeutschland zu schnell privatisiert, ohne zu prüfen, ob ein Betrieb saniert oder an den Markt angepasst werden könnte. Viele Ostdeutsche hätten ihre Heimat verlassen müssen, um Arbeit in der alten Bundesrepublik zu finden. Hier sah er auch etwas Positives, denn die Menschen in Bayern, Schwaben und Sachsen konnten ihre Nachbarn von der anderen Seite der Elbe besser kennen lernen.

BLZ/Tagesspiegel/BpB
30 Jahre Meinungsfreiheit

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, aus der geteilten Stadt wurde ein geeintes Berlin. Gemeinsam mit dem Tagesspiegel und der Bundeszentrale für politische Bildung feiern wir die Meinungsfreiheit – mit guten Argumenten und großen Debatten. 


Die Politikwissenschaftlerin Lydia Lierke stammt aus der ersten Generation, die nach dem Mauerfall geboren wurde. Ihr fällt es schwer, 30 Jahre Mauerfall zu feiern, weil es in diesen Jahren eine lange Geschichte von rassistischen Gewalttaten im vereinigten Deutschland gegeben habe. Der Begriff
„Wiedervereinigung“ dränge unweigerlich die Frage auf, wer vereinigt wurde und unter welchem Ausschluss die Vereinigung stattfand? Die Deutschen müssten die Geschichte der letzten 30 Jahre aufarbeiten, um eine andere Gesellschaft schaffen zu können.

Der Künstler Torsten Schlüter berichtete von seiner persönlichen Geschichte. Seine Eltern befanden sich am Tag des Mauerbaus bei Verwandten im Westen, doch er, ihr kleiner Sohn, war bei den Großeltern im Osten. Sie kehrten zurück und erlebten 28 Jahre ein geteiltes Land. In der Nachwendezeit folgten Jahre, in denen sich die Ostdeutschen häufig gegenüber den Westdeutschen benachteiligt sahen. Schlüter wünscht eine Stärkung ostdeutschen Selbstwertgefühls, das Publikmachen von Erfolgsgeschichten und mehr Ostdeutsche in Führungspositionen. Das könne zu mehr innerer Einheit beitragen.

Der Wuppertaler Schüler Jonathan Tschuschke stammt aus einer deutsch-deutschen Familie und gewann einen Geschichtswettbewerb mit einer Arbeit über die DDR. Er sieht west- und ostdeutsche Einflüsse bei sich und findet es wichtig, dass sich auch die jüngere Generation mit dem Thema beschäftigt. Doch das Denken in den Kategorien Ost und West müsse aufhören. Leipzig und Wuppertal gehörten für ihn zum selben Deutschland, schrieb er.


Das sind die Reaktionen der Leser


Ein solidarisches, friedliches Deutschland ist der Wunsch

Ja, wir sollten unseren Blick nach vorne richten und lebendige Demokratie als Chance begreifen, nicht als Ballast, egal woher jemand ursprünglich kommt.

Auch ich wünsche mir ein „konstruktives, solidarisches und friedliches Deutschland“. Allerdings halte ich den Populismusbegriff für hinterfragenswert. Er ist ein Kampfbegriff derjenigen, die sich als Mitte der Gesellschaft definieren und sich das Recht herausnehmen, anderen zu unterstellen, sie gehörten nicht dazu. Auf diese Weise wird man Protestwähler

weiter der AfD überlassen und den Fehler zementieren, die Linke für nicht kompromiss- und bündnisfähig zu erklären. Herr Ramelow, Herr Lederer, Frau Wagenknecht werden sich ihren Teil denken.

Eine Stadt, ein Land, runde Tische. Das wäre meine Debattenüberschrift gewesen. Viele Meinungen, tja und dann?

Barbara Esch-Eckert per Mail

Keine gemeinsame Verfassung

(Zum Beitrag von Martina Weyrauch) Sie schreiben, „Der Wunsch nach einer gemeinsamen deutschen Verfassung konnte sich nicht erfüllen“. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir die Gründe dafür benennen könnten, denn in Ihrem Artikel hört sich das an wie „force majeure“, aber das kann es ja nicht sein. Susanne Wagner per E-Mail

Auf der Karte sind wir eins

Geografisch sind wir ein Land, ja. Helmut Haug via Facebook

Wir brauchen Frieden in der Welt, keine Waffenexporte

Rein physisch sind wir ein Land. Politikermist hatten die Ossis aber genug, sie verlangen ordentliche Politik, nah an den Bedürfnissen normaler Einwohner der Republik. Wir Ossis reagieren, wenn man eben durch die Linkspartei nicht bundespolitisch gehört wird, extremer. Wir brauchen Frieden in der Welt, keine Waffenexporte. Normale Steuerpolitik, in der alle Firmen einzahlen und sich nicht arm rechnen, wenn die Chefs aus dem Westen mit Millionen nach Hause gehen. So lange sind wir einig Zweiland ... Egon Dahlke per E-Mail

Die Mehrzahl der Menschen ist dankbar

Ich bin froh, dass es eine Wiedervereinigung gab und die Mehrzahl der Menschen sind dankbar, ausgenommen die üblichen 13 Prozent! Peter Ottomar via Facebook

Die Medien benutzen weiter Ost und West

Hallo, bezüglich der Umfrage, ob wir „ein Land“ sind, gibt es von mir ein klares Nein! Unterschiedliches Lohngefüge, unterschiedliche Schulprüfungslehrpläne usw. Ein Land sollte sich nicht nur landesweit durch die gleichen Gängeleien bzw. Regeln auszeichnen. Selbst die staatlich finanzierten Medien schaffen es nicht, die Begriffe Ost und West zu vermeiden. Peter Schirrmal per E-Mail

Köpenick war immer schon beliebt

Ja, zufrieden hier Köpenick sind wohl die meisten. Gute Wohnlage, Märkte gleich um die die Ecke, Krankenhaus vor der Tür. Hinzu kommt die schöne Umgebung. Nur, es war vor 30 Jahren auch nicht schlecht hier. Alle wollten hier in die schönen Wohnungen. Ich habe damals zuletzt auch schon 155,00 Ostmark Miete bezahlt. Angst, wenn man das so nennen will, habe ich, wenn dann in zwei Jahren hier Asylbewerber wohnen werden. Das trifft auch auf die Ruhe hier zu. Weil diese Menschen ganz andere Lebensgewohheiten kennen. Bei denen ist nicht nach 20 Uhr Ruhe im Kiez. Da befürchte ich ein Sprengstoffpotenzial. Auf dem Bolzplatz werden unsere Kiezkinder verdrängt. P. W. per E-Mail

Der Prozess der inneren Einheit dauert lange

Wir reden leider mehr übereinander als miteinander. Vorurteile werden dadurch nicht abgebaut. Der Prozess der inneren Einheit Deutschlands dauert länger als ursprünglich gedacht. Trotzdem ist meine Freude heute noch genauso groß wie damals, als die Mauer fiel. Hans Ludwig Wernitz via Twitter

Ein Land voller Widersprüche

Ja, wir sind ein Land. Voller Widersprüche und unsichtbarer Grenzen. Rob Landa via Instagram

Es gibt keine Ossis oder Wessis

Ich kam am 3. Oktober 1989 nach Deutschland, als Au Pair damals in Bad-Kreuznach. Es war schön zu sehen, wie die Menschen sich gefreut haben. Nach Berlin kam ich 1993 und ich bin froh, dass die Mauer weg ist. Es gibt keine Ossis oder Wessis, es gibt ein Deutschland. Ein großartiges Land. Farida Chafi via Facebook

Ahnungslos im Umgang mit der Spaltung

Selbstverständlich sind wir ein Land. Mit einer Sprache, einem Staatsgebiet, einem Rechtssystem, klar umrissener Nationalität. Aber wie in so vielen Länder dieser Welt, gibt es Spaltungen: zwischen arm und reich, Mann und Frau, jung und alt, fit und bedürftig, exklusiv egoistisch oder global solidarisch denkend. Ost und West ist da ein vor dreißig Jahren hinzugekommenes, wenn auch – aufgrund der klaren geographischen Zuordnung – als vermeintlich besonders augenfälliges Spaltungskriterium. Was offensichtlich noch nicht verstanden worden ist, ist, wie in Politik und Gesellschaft mit diesen Spaltungen umzugehen ist, um sie nicht zu einer Gefährdung für eine liberale, zukunftsgewandte Demokratie werden zu lassen. Wer vom Volk gewählt werden will, muss diesem auch etwas bieten. Georg Sollböhmer per E-Mail

Extremismus durch fehlende Bildung

Auch mir ist nicht nach Feiern zumute, angesichts des stetig wachsenden Rechtsextremismus in Deutschland. Die Erklärungsversuche mit den „abgehängten Ostdeutschen“ liefern sicher eine Seite der Medaille. Ich glaube aber, dass ein erheblicher Teil schlicht durch fehlende Bildung verursacht wird. Abstruse Geschichtsdeutungen, Verschwörungstheorien, Angst vor dem Fremden entsteht nach meiner Erfahrung durch Unkenntnis und/oder schlichte Dummheit. Frank Fidorra via Webseite

Von Brandenburg nach Europa

Das zukünftig verteidigungswürdige System sollte Europa heißen; Europa der Regionen. Wir tragen in diesem zunächst die Identität unser greif- und begreifbaren Region und das läßt uns dieses Europa, welches genau das zuläßt und fördert, liebens- und verteidigungswert erscheinen. So wird ein Schuh draus. Ob die Verwaltungsebenen nun Gemeinde-Kreis-Region-Berlin oder Gemeinde-Kreis-Region-Brüssel heißen, ist letztendlich egal. Wenn das Gebilde subsidiär und föderal ist, ist mir die europäische Variante definitiv lieber. Mehr Brandenburg wagen! Dann klappt´s auch mit Europa! René Lehmann via Webseite

Das Zusammenwachsen muss von beiden ausgehen

Wir müssen darüber hinaus aber auch endlich verinnerlichen, dass ein Zusammenwachsen immer von beiden Seiten ausgehen muss. Der Weg führt an Integration von beiden/allen Seiten nicht vorbei. Und er beginnt immer in einem selbst. In jeder/jedem Einzelnen der Gesellschaft. Mit dem Finger auf andere zu zeigen, bringt nichts – außer noch mehr Trennung. ICH – das sind WIR, das ist die Gesellschaft als Ganzes. Luisa Fritz via Webseite

Deutsche werden im Ausland bewundert

(Zum Beitrag von Torsten Schlüter) Der Satz mit dem Blick, wofür die Deutschen im Ausland bewundert werden, ist so wichtig, denke ich! Danke! Berthild Lorenz via Facebook

Nicht genügend zusammengerückt

Ost und West ist nach der Wende meiner Meinung nach nicht genügend zusammengerückt. Wenn man noch die Bilder sieht, wie Westdeutsche an der Mauer feiern und auf Trabidächer klopfen, finde ich es schade, was teilweise hieraus geworden ist. Nach dem Motto: Im Feiern sind wir zusammen groß, auch wenn es am Ende in die Hose geht. Das ist der springende Punkt. Es hätten sich mehr verantwortliche Personen für Stabilität direkt im Osten engagieren müssen. Dies wurde leider versäumt. Man ging zu schnell und zu oberflächlich zur Tagesordnung über, nach dem Motto „Egal, wird schon…“. Ich hatte schon damals aus der Situation heraus größte Bedenken, aus meiner Erfahrung mit der DDR. Auch der Soli war nur bedingt Hilfe, weil er keine direkte Hilfe war. Nur tatsächliche Hilfe kann den Osten in seiner Kaufkraft festigen, in ehrlicher Kooperation. Hier ist vieles verbesserungswürdig. Torsten Maier via Facebook

Frau Merkel hat sich selbst in den Finger geschnitten

(Zum Beitrag von Eberhard Diepgen) Ich denke, dass hinter dem Kommentar zweierlei steckt. Erstens die Kultur, die für Zusammenhalt sorgt, und zweitens die große Angst, dass bald die CDU früher als vorhergesehen an ihrem Ende angelangt. Die Schönwetterfront für diese Partei mit ihrer Schwester CSU aus Bayern ist zu Ende. Frau Merkel hat sich mit ihrer vierten Kanzlerschaft selbst in den Finger geschnitten. Ein Großteil ihrer Arbeit ist direkt für die AfD ideal zugeschnitten. Reiner Morsdorf via Facebook