Berlin - Die junge Frau konnte es nicht fassen. Hinter der Tür zur Intensivstation lag ihr Verlobter im Koma. Sie war hochschwanger und wollte nur wissen, ob er durchkommen würde. Mit ihr standen einige seiner Freunde vor dieser Tür und warteten auf Nachrichten von den Ärzten. Amadeu Antonio, ein junger, ambitionierter Angolaner, war nach einem Diskobesuch von 50 Skinheads und bekannten Neonazis in der Nacht zum 25. November 1990 gejagt, umzingelt und geprügelt worden. Ungehemmt und mit der Absicht, ihn zu töten. Die Einzelheiten dazu mag ich mir nicht vorstellen. Nicht die Todesangst von Amadeu, nicht seine Schreie, nicht die unterlassene Hilfeleistung der Polizei. Im Krankenhaus vor der Tür zu warten, war das Einzige, was seine Freunde für ihn tun konnten. Nur die Familie dürfe zu ihm, hieß es. Die Familie aber lebte in Angola. Geboren wurde Amadeu am 12. August 1962 als Ältestes von zwölf Geschwistern in der Stadt Quimbele der Provinz Uíge. Amadeus Familie in Eberwalde aber waren seine Freunde und seine Verlobte.

Als er 1987 in die DDR gekommen war, hatte Amadeu Hoffnungen, eine gute Schul- und Ausbildung und viel Berufserfahrung. Eigentlich wollte er sich hier seinen Traum erfüllen und Flugzeugtechnik studieren. Doch es kam anders: Das alles nutzte ihm nichts, er wurde ins Eberswalder Fleischkombinat geschickt. Dort arbeitete er mit anderen afrikanischen Kollegen im Dreischichtsystem. Die Arbeitsbedingungen dort waren miserabel. Die Arbeit war anstrengend, schmutzig und denkbar schlecht bezahlt, jedenfalls weit schlechter als die gleiche Arbeit der deutschen oder polnischen Arbeiter. Und in der Freizeit blieben für die Afrikaner in Eberswalde die Türen zu. Als kalt und unfreundlich hat die DDR-Deutschen ein Freund von Amadeu beschrieben. Nach und nach verstanden Amadeu und die anderen, dass die Ablehnung besonders gegen sie gerichtet war. Völkerfreundschaft war das nicht. Sondern Rassismus.

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