30 Jahre ohne Mauer: Das war Erich Honeckers geheime Nachricht an Michail Gorbatschow

Kurz bevor er vor seine Zuhörer tritt, fügt Erich Honecker noch eine Bemerkung in sein Redemanuskript. Was der DDR-Staats- und SED-Parteichef bei der Tagung des Thomas-Müntzer-Komitees zusätzlich zu sagen hat, wird selbst enge Mitarbeiter überraschen. Und Wellen schlagen.

Es ist der 19. Januar 1989; das Jahr ist dem 500. Geburtstag von Thomas Müntzer gewidmet, dem Theologen, Reformator und Revolutionär, Leitfigur des Bauernkrieges. Honecker spricht weniger über Müntzer, vielmehr über die KSZE-Nachfolgekonferenz in Wien, die vier Tage zuvor geendet hat.

Die DDR hat sich mit der Unterzeichnung des Abschlussdokuments zu etwas verpflichtet, was ihren Bürgern einem Wunder gleichkommen muss. Unter Punkt 20 heißt es: „Die Teilnehmerstaaten werden das Recht eines jeden (…) auf Ausreise aus jedem Land, darunter auch seinem eigenen, und auf Rückkehr in sein Land uneingeschränkt achten.“

Diese Vereinbarung ist nicht Thema von Honeckers Rede vor dem Thomas-Müntzer-Komitee; sie in die Tat umzusetzen kommt für ihn gar nicht in Frage, denn noch bevor die Unterschrift gesetzt war, hatte er dem sowjetischen Botschafter in der DDR, Wjatscheslaw Kotschemassow verraten: „Wir geben Weisung, dieses Dokument zu unterzeichnen, werden es aber nicht erfüllen.“

Schutz vor „Räubern”

Die Zuhörer im Staatsratsgebäude erleben stattdessen eine Verbalattacke des Staats- und Parteichefs: Die BRD und die USA seien verantwortlich dafür, dass die DDR 1961 den „antifaschistischen Schutzwall“ gebaut habe und es folglich keine Reisefreiheit gebe. Die kurzfristig eingefügte Bemerkung fällt: „Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind.“ Es gehe darum, „unsere Republik vor Räubern zu schützen, ganz zu schweigen von denen, die gern bereit sind, Stabilität und Frieden in Europa zu stören“.

Die Rede veranlasst zwei Oppositionsgruppen in der DDR, einen offenen Brief zu verfassen. Die Mauer sei nicht gegen „irgendwelche Räuber nach außen, sondern vor allem nach innen“ gerichtet, heißt es in dem Schreiben vom 23. Januar. Die DDR brauche eine „Stabilität durch Gerechtigkeit und nicht eine Stabilität der Angst, die durch innere und äußere Abgrenzungen gesichert werden muss. Wir und unsere Kinder wollen nicht noch 50 Jahre warten.“

Der 20-jährige DDR-Bürger Chris Gueffroy will nicht warten. In der Nacht vom 5. auf den 6. Februar versucht er mit einem Freund, durch den Britzer Verbindungskanal von Treptow nach Neukölln zu flüchten. DDR-Grenzsoldaten entdecken die jungen Männer, kurz bevor sie den letzten Metallgitterzaun überwinden, und geben 22 „Warn- und Zielschüsse“ ab. Von zwei Kugeln getroffen – eine ist ins Herz gedrungen – sackt Gueffroy zusammen. Er stirbt im Grenzstreifen, sein Freund wird schwer verletzt festgenommen. Gueffroy ist das letzte bekannte Opfer, das an der Berliner Mauer durch den Einsatz von Schusswaffen ums Leben kam.

Die Mauer, eine „historische Tat“

Die Bemerkung Honeckers, die Mauer werde noch Jahrzehnte bestehen, „musste gerade anstachelnd auf alle wirken, die aus der DDR wegwollten“, notiert Karl Seidel, damals Leiter der Abteilung BRD im Außenministerium der DDR. „Das Demokratiedefizit, der sichtbar höhere Lebensstandard in der BRD, verwandtschaftliche Bindungen und nicht zuletzt die von BRD-Seite bewusst aufrechterhaltene einheitliche deutsche Staatsbürgerschaft gehörten zu den wichtigsten Triebkräften für das Verlassen der DDR.“

Die Berliner Mauer – 1961 bezeichnete die DDR sie als „vorläufige Maßnahme“; 1986, zu ihrem 25-jährigen Bestehen, sprach sie von einer dauerhaften „historischen Tat“, die den „Grundstein für das weitere Erblühen der DDR“ gelegt habe. Der Mauerbau ab 13. August 1961 war eine Maßnahme gegen den Flüchtlingsstrom, der die Wirtschaft der DDR unterspülte.

Von 1951 bis 1961 kehrten 2,7 Millionen Menschen, unter ihnen viele Fachkräfte, Ostdeutschland den Rücken, getrieben von der Hoffnung auf Wohlstand und der Gewissheit auf Freiheit im Westen.

Die Mauer, 156,4 Kilometer lang, wurde zu dem Symbol des Kalten Krieges. Mindestens 5 075 gelungene Fluchten sind bekannt, davon 574 Fahnenfluchten, und mindestens 140 Todesopfer – auch acht DDR-Grenzsoldaten verloren ihr Leben.

Wäre es allein nach Walter Ulbricht gegangen, Honeckers Vorgänger, hätte die Berliner Mauer viel früher gestanden. Seit den 50er-Jahren bat er Moskau um Erlaubnis, einen Schutzwall zu bauen. Erst ließ ihn Stalin, dann lange auch Chruschtschow abblitzen, der Berlin zu einer „Freien Stadt“ machen wollte.

„Wandel durch Annäherung“

Ursprünglich hatte die SED sich gefreut, bestimmte Bürger loszuwerden: Großgrundbesitzer, Kapitaleigner, Wissenschaftler, die sich dem Neuanfang verweigerten. Doch immer wieder gab es Flüchtlingsschübe: nach dem Volksaufstand in der DDR 1953, nach Gründung des Warschauer Pakts 1955, nach Gründung der Nationalen Volksarmee und dem Volksaufstand in Ungarn 1956, nach Verschärfung des Kampfes gegen die Kirchen 1957, nach der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft 1960. Weil diese „Abstimmung mit den Füßen“ die Existenz der DDR bedrohte, bekam Ulbricht aus Moskau schließlich grünes Licht, die deutsch-deutsche Grenze abzusperren.

Auf den Mauerbau folgte erst eine Phase der Konfrontation, dann der Entspannung. „Wandel durch Annäherung“ hieß das Motto der Politik der sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt. Es ging darum, die deutsche Frage offenzuhalten. Deutsch-deutsche Beziehungen wurden geknüpft, zum Wohl von Menschen: Transitabkommen 1971, Verkehrs- und Grundlagenvertrag 1972. Der Freikauf von politischen Häftlingen gehörte auch dazu.

Je enger sich die deutsch-deutschen Beziehungen entwickelten, desto größer wurde die internationale Anerkennung der DDR. Honecker besuchte alle wichtigen Hauptstädte der Welt, bis auf London und Washington. Im September 1987 empfing ihn Bonn mit einer Ehrenkompanie und den beiden deutschen Hymnen. Aber er wurde im Westen stets auf die Mauer angesprochen. In einem Interview mit der Pariser Zeitung „Le Monde“ sagte er dazu: „Die durch die Mauer geschaffene Stabilität führte zur Anerkennung der beiden deutschen Staaten.“

Eine trügerische Stabilität. Der Wind der Veränderung bringt sie ins Wanken; er kommt Ende der 80er-Jahre über Osteuropa: über Polen, Ungarn und vor allen die Sowjetunion, mit einen Mann an der Spitze, der den Sozialismus/Kommunismus grundlegend reformieren will – Michail Gorbatschow.

Honeckers Botschaft für Moskau

Die Bemerkung Honeckers im Januar 1989, die Mauer werde in 50 und auch in 100 Jahren noch stehen, richtet sich weniger an Bonn und Washington, sondern vielmehr an Moskau. Dort gibt es Überlegungen, die zwei Militärblöcke aufzuheben. Gorbatschow-Berater Wjatscheslaw Daschitschew hat „realistische, kühle außenpolitische Überlegungen“ angemahnt und die Mauer als Relikt des Kalten Krieges bezeichnet. Ost-Berlin fürchtet, Moskau als Verbündeten zu verlieren. Und nicht nur das.

„Die kommunistischen Regime waren nicht reformfähig“, schreibt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch „Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR“. „Jede politische Öffnung eines geschlossenen Systems mündet letztendlich in einem anderen System. Deshalb war es auch systemlogisch, dass sich Honecker gegen Gorbatschow stellte, weil er sah, was Gorbatschow nicht wahrhaben wollte.“

Auch Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit der DDR, sieht diese Gefahr. In einem Gespräch mit Leonid Schebarschin, Leiter der KGB-Spionageabteilung, am 7. April kritisiert er die Reformprozesse in Polen, Ungarn und vor allem der Sowjetunion. Nicht zu einem besseren Sozialismus führten sie, sondern zu dessen Abschaffung. „Wir sprechen immer davon, keine Überraschungen zuzulassen. Vielleicht werden wir morgen schon überrascht?“

Bürgerbewegungen formieren sich

Zwei Ereignisse beschleunigen die Entwicklung. Ungarn beginnt am 2. Mai mit dem Abbau der Grenzbefestigungen zu Österreich, und DDR-Bürgerrechtler beobachten am 7. Mai bei den Kommunalwahlen Betrug bei der Stimmenauszählung. Eine Fluchtbewegung entwickelt sich; Anlaufstellen werden die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, die Bonner Botschaften in Budapest und Prag. Und: Eine Bürgerbewegung formiert sich in der DDR; erst gehen Hunderte, schließlich Hunderttausende auf die Straßen.

DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler ordnet Anfang Oktober an, die Überwachung der Grenzen zu Polen und zur Tschechoslowakei zu verstärken. Zeitgleich schließt die DDR faktisch ihre Grenzen zu den östlichen Nachbarn, indem sie den visafreien Reiseverkehr in die Tschechoslowakei aussetzt und diese Maßnahme auch auf den Transitverkehr nach Bulgarien und Rumänien ausgedehnt.

Schon länger ist vorgesehen, die Berliner Mauer zu verstärken: Es gibt Planungen bis ins Jahr 2000. Doch wer soll das bezahlen? Die DDR befindet sich seit Jahren in einer sich zuspitzenden Wirtschaftskrise, Folgen innerpolitischer Entscheidungen und außenwirtschaftlicher Bedingungen. Zeitweise gilt sie international als nicht kreditwürdig.

Besonders die Verteuerung der Erdöl- und Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt belastet die DDR-Wirtschaft. Die wachsenden Kosten können nicht an die Bürger weitergegeben werden, um die soziale Befriedungspolitik nicht zu gefährden. Die staatlichen Subventionen klettern von acht Milliarden Mark im Jahr 1970 auf 58 Milliarden 1989 – das entspricht einem Sechstel der Wirtschaftsleistung.

Die Mauer als Tauschobjekt

Wie schlecht es um den Staat 1989 steht, verdeutlicht die „Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlussfolgerungen“, vorgelegt von führenden DDR-Wirtschaftsexperten am 30. Oktober: Ein Stoppen der Verschuldung im Jahr 1990 werde „eine Senkung des Lebensstandards um 25 bis 30 Prozent erforderlich und die DDR unregierbar machen“.

Die Autoren distanzieren sich später von ihrem Papier: Es sollte keine Bankrotterklärung sein, sondern ein leidenschaftlicher Appell, „dass wir völlig neu denken müssen“ (Edgar Most). 

Das SED-Politbüro erörtert die Analyse tags darauf und empfiehlt, der Bundesregierung für neue Kredite und eine erweiterte Wirtschaftskooperation die Mauer als Tauschmittel anzubieten.

Zu diesem Zeitpunkt ist Honecker nicht mehr Staats- und Parteichef. Das Politbüro hat ihn bei der Sitzung am 17. Oktober aus seinen Ämtern gedrängt. Am folgenden Tag verliest er seine Rücktrittserklärung: Er habe darum gebeten, ihn wegen seines „Gesundheitszustandes“ von allen Funktionen zu entbinden.

Die Mauer stand ab 19. Januar 1989 noch 9 Monate und 21 Tage.

+++

In einer früheren Fassung hieß es, die DDR habe seit 1982 als zahlungsunfähig gegolten. Richtig ist, sie war zeitweise - von 1982 bis 1983/84 - kreditunwürdig. Noch beim Mauerfall im November 1989 galt sie als nicht bankrott.