Vor 30 Jahren gründete Jürgen Micksch die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. Im Interview erklärt er, wo er Versäumnisse in der Asylpolitik der Regierung erkennt – und warum die Zivilgesellschaft so wichtig ist.

Herr Micksch, was war damals Ihre Motivation Pro Asyl  zu gründen?

Jürgen Micksch: 1985 herrschte in Deutschland eine rassistische Stimmung gegenüber Flüchtlingen, dabei kamen damals nicht annähernd so viele Asylbewerber nach Deutschland wie heute. Solch eine Stimmung hängt jedoch weniger  von den wirklichen Zahlen ab als von der Wahrnehmung der Menschen – so wie das jetzt bei der AfD der Fall ist. Diese Stimmung  damals war so schlimm, dass ich mit Freunden beschlossen habe, etwas zu unternehmen. Wir wollten Flüchtlingen eine Stimme geben. Anders als heute gab es kaum eine Gruppierung, die sich für Flüchtlinge eingesetzt hat. Die Ablehnung ging durch die ganze Gesellschaft. Ende der 80er und Anfang der 90er flüchteten die Menschen vor allem vor dem Balkankrieg nach Deutschland.

Pro Asyl hat inzwischen rund 22.000 Mitglieder. Der Verein wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist zu einer wichtigen Stimme für Flüchtlinge geworden.  Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Damit konnten wir nicht rechnen. Wir hatten einfach den Wunsch, dass eine Einrichtung entsteht, in der die Stimme für Flüchtlinge erhoben wird.  Wir wollten Persönlichkeiten aus Kirchen, Gewerkschaften, wissenschaftlichen Einrichtungen, Flüchtlingsräten und Flüchtlinge miteinander vernetzen  – wobei die Mitwirkung von Flüchtlingen immer noch defizitär ist.

Wenn Sie auf die Geschichte von Pro Asyl zurückschauen, welche Momente sind Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben?

Vor allem die Anfangsphasen, wo ich deswegen von vielen Seiten abgelehnt und angefeindet worden bin. Selbst von meiner Kirche wurde ich darum gebeten, mit der Arbeit für Pro Asyl aufzuhören. Wir sind damals von allen politischen Parteien kritisiert worden und wurden als Feinde angesehen. Das hat sich geändert, heute ist Pro Asyl anerkannt. Auch wenn wir die Politik immer noch kritisieren.

Vor einem Jahr sagte die Kanzlerin: „Wir schaffen das.“  Immer mehr Bürger stellen sich inzwischen gegen die Willkommenskultur von Merkel, das zeigt sich vor allem auch beim Erfolg der AfD. Was denken Sie?  Schaffen wir das noch?

Wenn wir auf das letzte Jahr schauen, dann ist doch erst einmal festzustellen, dass da unglaublich viel geleistet wurde. Wir haben eine stabile Bewegung von sehr vielen engagierten Menschen in der Bevölkerung, die sich für Flüchtlinge einsetzen. In vielen Kommunen wird Beispielhaftes geleistet. Das gab es vor 30 Jahren bei der Gründung von Pro Asyl nicht. Auch bei der Integration ist Deutschland auf einem besseren Weg. Flucht und Migration sind zu zentralen Themen der Politik geworden.  Aber durch die Debatten in den letzten Monaten hat sich in Teilen der Bevölkerung eine gewalttätige Stimmung entwickelt. Wir hatten im letzten Jahr über Tausend Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte. Das ist eine Katastrophe. Diese vielen Übergriffe auf  Flüchtlinge gab es in den 80er-Jahren nicht. Da sind wir als Gesellschaft aufgefordert, etwas zu unternehmen. Das ist heute eine vordringliche Herausforderung. Dass es Menschen gibt, die gegen Flüchtlinge sind, das gab es immer schon. Sogar schon in der Bibel.