Berlin - Die Frage ist längst geklärt, und eigentlich hätte sie nie eine sein dürfen: Nein, es gibt keine Rechtfertigung für Mord, es kann keinen Grund geben, einem Politiker, einem Bankier oder Wirtschaftschef heimtückisch und vorsätzlich das Leben zu nehmen. Niemandem.

Jetzt, da der Deutsche Herbst, jene mörderische Zeit der RAF-Terroristen, sich zum 40. Mal jährt, werden wir aber wieder daran erinnert, dass es junge Deutsche gab, Frauen und Männer, die das in all ihrer brutalen Selbstherrlichkeit anders sahen.

Sie mordeten, weil sie sich im Recht sahen

Sie mordeten, weil sie sich im Recht sahen. Buback, Ponto, Schleyer. Und wenn wir den Irrsinn recht verstanden haben, nahmen sie das Schweigen ihrer Eltern als eine Begründung für ihr Töten her: Das Schweigen der Eltern in der Zeit des Nationalsozialismus, einer Zeit, die 1977 noch nicht so lange vergangen war.

Die Terroristen der RAF glaubten mit ihren Taten darauf aufmerksam machen zu können, dass es zwischen dem Dritten Reich und der Bundesrepublik eine Kontinuität der Personen und des Unrechts gebe. Und eben darauf, dass eine ganze Generation nicht über das redete, was geschehen war.

Verblendet

Über das Schweigen nach dem Massenmord begann die RAF also das Morden. Vielleicht braucht es den Abstand der Jahrzehnte, um zu erkennen, wie verblendet Menschen eigentlich sein mussten, um das große Schweigen über die Nazizeit mit weiteren Morden zu beantworten. Die Kinder der willfährigen Deutschen des Zweiten Weltkrieges zeigten sich eben auch als die Kinder dieser Deutschen.

Sie hießen Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, später waren es Susanne Albrecht und Christian Klar, um nur einige von ihnen zu nennen. Bis heute ist nicht klar, wer von ihnen genau welche Taten beging, aber wer immer es von der RAF-Leuten war: Sie setzten in den Siebziger Jahren Kopfschüsse wie es die Generation ihrer Väter in den Vierziger Jahren getan hatte. Der damalige Kölner Oberbürgermeister John van Nes Ziegler hatte das in den terroristischen Zeiten der RAF genau erkannt. Er sagte damals: „Wehe uns allen, wenn der Ungeist, der solche Taten kommandiert, sich erneut in unserem Volk festsetzt.“

Das gleiche Schweigen wie die Generation nach dem Holocaust

Und heute schweigen die terroristischen Mörder genauso über ihre Taten wie die Generation vor ihnen über den Holocaust geschwiegen hat. Das ist das eigentlich Ungeheuerliche: Die Überlebenden der RAF verweigern sich eines Wortes der Aufklärung und des Bedauerns, so wie schon einmal deutsche Täter sich verweigerten, für ihr Leben einzustehen.

Und es ist das wirkliche Armselige an den Terroristen jener Zeit, die sich ja als Revolutionäre und nicht als Mörder sahen, dass diese Menschen heute zu den verstocktesten Mördern überhaupt gehören. Sicher, sie haben ihre Strafen abgesessen, und kein Gesetz dieser Welt verlangt Reue.

Schwer erträglich für die Opfer der RAF

Aber das Schweigen der Täter aus der RAF-Generation ist eine dröhnende Leerstelle in dieser Gesellschaft. Und es ist noch immer schwer erträglich für die Opfer, deren Angehörige, Kinder und Enkel.

Denn leider spiegelt sich das Schweigen auch in der deutschen Erinnerung wider. Die Sprachlosigkeit der Täter korrespondiert mit der Sprachlosigkeit der Gesellschaft zu dem Thema. Sicher, es gibt unzählige Artikel, Bücher und Filme zum Terror der 70 Jahre. Aber es gibt bis heute keine offizielle Gedenkstätte für die mehr als dreißig Todesopfer des RAF-Terrors. Vor Jahren gab es einmal die Idee am Reichstag, dem Sitz des Bundestages, eine Gedenktafel anzubringen.

Geschichte wach halten

Auch Norbert Lammert, der Bundestagspräsident, war dafür. Geschehen ist nichts, es gibt kein permanentes staatliches Gedenken für die Toten der Terror-Zeit. Das ist umso erstaunlicher, da es sich bei den meisten Toten ja um Repräsentanten des westdeutschen Staates gehandelt hat.

Geschichte aber muss man wach halten, nicht nur mit Gesten, sondern auch mit Erinnerungen und Zeitzeugnissen. Deshalb wäre es nun, vierzig Jahre danach, endlich an der Zeit ein Dokumentationszentrum zum RAF-Terror zu planen. Wo immer es auch stehen mag, in Stammheim, Frankfurt oder Berlin. Und darin sollten nicht die schönen Bilder von Andreas Baader in schwarz-weiß hängen, nicht die nachdenklichen Porträts der Ulrike Meinhof.

Sechzig Schüsse auf den sterbenden Brändle

In der ersten Vitrine sollten die Gerichtsakten zur Ermordung des Polizisten Reinhold Brändle liegen. Er war ein Leibwächter des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Brändle wurde bei der Entführung Schleyers im September 1977 in Köln getötet. Drei Kopfschüsse waren tödlich, doch insgesamt feuerten die Terroristen sechzig mal auf den sterbenden Brändle.

Das war die RAF.