50 Jahre türkische Gastarbeiter: Liebe Türken! Eine scheue Liebeserklärung

Berlin - Danke schön! Als die DDR die Mauer baute, suchte die BRD nach Arbeitskräften. Ihr kamt. Ihr habt unseren Boom gerettet. Ihr habt dafür gesorgt, dass die Kohlen gefördert wurden, dass die Hochöfen rauchten und nebenbei habt Ihr, als die Tante-Emma-Läden eingingen, dafür gesorgt, dass das Kleingewerbe in unseren Städten nicht ausstarb.

Für den Wohlstand Deutschlands und der Deutschen habt Ihr mehr getan als alle Bundesbanker zusammen - eingeschlossen jenen einen, der findet, dass Ihr nicht genug getan habt und tut. Der Reichtum, von dem herab manche Euch jetzt beschimpfen, ist zu einem Gutteil Euer Werk. Meine Rente zahlt auch ihr. Unsere Versicherungssysteme wären längst zusammengebrochen ohne Euch und ohne Eure Kollegen aus anderen Ländern. Die Deutschen allein wären längst bankrott. Auf jeden Fall aber ausgestorben.

Wir vergessen gerne, dass die großen Streiks der Bundesrepublik ohne Euch nicht möglich gewesen wären. Die wilden Streiks, die gar zu oft gar zu angepassten Gewerkschaften Beine machten ebenso wie die hochoffiziellen, wie jene zum Beispiel zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche.

Deutschlands langer Weg nach Westen, die langsame Wandlung eines paternalistischen Obrigkeitsstaates in eine moderne Demokratie - ohne Euch hätten wir das nicht geschafft. Auch dafür: Danke schön!

Wir tun heute gerne so, als wäret Ihr Hindernisse auf unserem Weg. Das ist Blödsinn. Schon darum, weil längst nicht mehr klar ist, wer dieses Ihr und wer dieses Wir sein soll. Wir fangen gerade erst an zu begreifen, dass wir alle zusammen das Wir sind. Der einzig vernünftige Weg, den wir gehen können, ist ein gemeinsamer Weg, einer, den wir - miteinander streitend und kämpfend - aber eben doch zusammen gehen.

Danke der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Emine Sevgi Özdamar, die unsere Fantasie unter anderem mit „Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus“ beflügelt. Danke, Feridun Zaimoglu! Du hast uns erst „Kanak-Sprak“ beigebracht und hauchst jetzt dem deutschen Bildungsroman neues Leben ein. Danke, Shermin Langhoff! Dein Berliner Ballhaus Naunynstraße erinnert einen immer wieder daran, was Theater alles kann, wenn es kann. Danke, Fatih Akin! Danke für „Gegen die Wand“, für „Crossing The Bridge - The Sound of Istanbul“.

Liebe Türken, ich könnte hier noch viele Namen von Menschen aus der Türkei nennen, ohne die die deutsche Kultur ärmer und dümmer wäre. Es gibt türkische Sozialarbeiter, die sich um Alte und Jugendliche kümmern. Sie tun mehr für die Integration dieser Gesellschaft als wir Journalisten. Es gibt türkische Ärzte und Unternehmer. Sie alle helfen bei dem niemals enden wollenden Wettbewerb „Unser Land soll schöner werden“.

Womit wir beim Wichtigsten wären. Als kleiner Junge träumte ich von schwarzgelockten Prinzessinnen. Meine blassen, blonden Klassenkameradinnen konnten mit den Augen, den Haaren, den Lippen den zierlichen Taillen der Frauen meiner Fantasie nicht mithalten. Jetzt leben diese Prinzessinnen unter uns. Sie bringen ihre Schönheit in unser Land. Eine Schönheit, von der wir lange nur träumten. Auch sie sind Deutschland. Ein Traum ist wahr geworden. Danke auch dafür.

Ihr Arno Widmann