Hinter all diesen Fenstern: Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt wagt einen Blick aus dem „Erfurter Hof“ und ahnt noch nicht, dass er dabei ein Bild für die Ewigkeit produziert. 
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ErfurtKurz nach Sonnenuntergang geht das Licht in einem der Erkerzimmer an. Das fällt besonders auf, denn das Bürohaus gegenüber dem Erfurter Hauptbahnhof liegt sonst im Dunkeln an diesem Sonntag im März. Doch auf dem Dachfirst springt nun auch eine helle Leuchtschrift an: „Willy Brandt ans Fenster“, so strahlt es von dort in die Erfurter Dämmerung und kündet von den sensationellen Ereignissen, die sich hier vor 50 Jahren, am 19. März 1970, abgespielt haben.

Als das Gebäude da drüben noch das Hotel „Erfurter Hof“ war, Schauplatz des ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffens seit Gründung von Bundrepublik Deutschland und Deutscher Demokratischer Republik mehr als 20 Jahre zuvor.

Erstes Gipfeltreffen seit Gründung der BRD

Bundeskanzler Willy Brandt war mit dem Zug aus Bonn angereist. DDR-Ministerpräsident Willi Stoph empfing ihn am Gleis 1 im Hauptbahnhof. Schon das war ein historischer Moment. Zum ersten Mal standen sich führende Politiker der beiden deutschen Staaten Auge in Auge gegenüber und reichten sich die Hände. Doch der Tag barg noch eine andere Sensation, die sich schon während der Zugfahrt Brandts angedeutet hatte.

Zwar hatten die SED und das Ministerium für Staatssicherheit angeordnet, dass die Menschen ihre Arbeitsplätze nicht verlassen sollten, wenn der Sonderzug aus Bonn vom Grenzübergang Gerstungen durch die DDR rollte. Und doch säumten Tausende die knapp 90 Kilometer lange Strecke. Sie winkten von Dächern, aus Fenstern und Autos, schwenkten Taschentücher und Blumen.

Als Stoph mit Brandt um kurz nach halb zehn durch die Bahnhofshalle ging, schien noch alles in Ordnung. In der eilig renovierten Halle prangte ein Transparent: „Die DDR ist der deutsche Staat des Friedens und des Sozialismus“. Aber dann geschah das Unerwartete: Als die beiden Männer auf den Bahnhofsvorplatz traten, durchbrach die Menge die schon zuvor nur notdürftig von Polizisten und Stasi-Mitarbeitern aufrechterhaltene Absperrung, wohl an die zweitausend Menschen stürmten auf den engen Platz, tausende drängten hinterher, die Lage war praktisch außer Kontrolle geraten.

Willy Brand ging es um politische Entspannung

Sicherheitsleute beider Delegationen bahnten Brandt und Stoph mühsam den kurzen Weg zum Hotel, „Willy, Willy“-Rufe schallten über den Platz und verstummten auch nicht, als die beiden Politiker hinter den Hoteltüren verschwanden. Nun skandierten die Leute „Willy ans Fenster“, bis ihnen klar wurde, dass ja auch Stoph Willi hieß, aber gewiss nicht gemeint war. Also wechselten sie zu „Willy Brandt ans Fenster“, minutenlang.

Die bundesdeutsche Delegation war in der zweiten Etage untergebracht, Brandt wollte sich vor Beginn der ersten Verhandlungsrunde mit Stoph noch etwas sammeln. Da registrierte sein Regierungssprecher Conrad Ahlers als Erster, was sich draußen abspielte. Er ging an das Fenster des Hotelzimmers 222 und war wie elektrisiert. Claus Jacobi von der Welt, dem es als einzigem Journalisten gelungen war, mit der Delegation in das Hotel vorzudringen, hörte Ahlers über den Flur rufen: „Herr Bundeskanzler, Sie müssen mal kommen!“

Brandt kam, schaute hinter der Gardine verborgen hinunter auf die tobende Menge und zögerte. Was würde geschehen, wenn er sich zeigte? Er wollte die Lage nicht schon vor Beginn der Gespräche eskalieren. Schließlich ging es ihm um Entspannung der schwierigen Beziehungen. Ahlers aber drängte: „Nur für eine Minute, das müssen Sie tun!“ Brandt entschied sich: „Aber nur für einen Augenblick. Mein Gott, wir wollen hier doch keine Geschichten haben.“ Dann wurde das Erkerfenster geöffnet, und Willy Brandt zeigte sich unter dem Jubel der Menschen. Er blieb ernst und machte beschwichtigende Gesten, er wollte die Stimmung auf keinen Fall noch anheizen. Dann lächelte er ein wenig und nickte.

„Ich war bewegt und ahnte, dass ein Volk mit mir war“

In seinen 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, erschienenen Erinnerungen schrieb Brandt: „Der Tag von Erfurt. Gab es einen in meinem Leben, der emotionsgeladener gewesen wäre?“ Zur Szene am Fenster hielt er fest: „Ich war bewegt und ahnte, dass ein Volk mit mir war. Wie stark musste das Gefühl der Zusammengehörigkeit sein, dass es sich auf diese Weise entlud! Aber es drängte sich die Frage auf, ob hier nicht Hoffnungen aufbrachen, die nicht – so rasch nicht – zu erfüllen waren. Ich würde am nächsten Tag wieder in Bonn sein. Konnte ich sicher sein, ob mein Einfluss zugunsten derer ausreichte, die wegen ihrer sympathischen Demonstration mit einer weniger sympathischen Obrigkeit in Konflikt gerieten?“

„Hoch, hoch, hoch“: Stoph (2. v. l.) und Brandt.
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Tatsächlich waren die Szenen vor dem Erfurter Hof, die von westlichen Kameras aufgenommen und in alle Welt ausgestrahlt wurden, eine einzige, völlig unerwartete Blamage für die SED und ihre DDR. Seit dem Juni 1953 hatte es keinen solchen Aufruhr mehr in dem Land gegeben. Und während die SED als Hauptziel der Verhandlungen mit der Bundesrepublik die völkerrechtliche Anerkennung der DDR verfolgte, konterkarierte der emotionale Ausbruch der Menschen in Erfurt nun genau dieses Streben nach staatlicher Souveränität.

In größter Not organisierte die SED mithilfe der örtlichen Parteischule im Laufe des Tages einige Aktivisten, die versuchten, mit eigenen Sprechchören gegenzuhalten: „Hoch, hoch, hoch, es lebe Willi Stoph.“ Aus den Stasi-Archiven war nach der Wende zu entnehmen, dass 115 Personen wegen der Teilnahme an den Demonstrationen festgenommen wurden. Manche von ihnen stufte die Staatssicherheit als „negative Personen“ ein, die fortan „dauerhaft unter Kontrolle“ genommen wurden.

Verwunderung über Verhalten der Volkspartei und Stasi

Wolfgang Thierse war damals Mitte 20 und Student in Ost-Berlin. Er ist an diesem Märzsonntag nach Erfurt gekommen, um aus Anlass des Jubiläums im Stadtmuseum eine Ausstellung der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung über das Leben und Wirken des ersten sozialdemokratischen Bonner Regierungschefs zu eröffnen.

Im Gespräch erinnert er sich dann an die Ereignisse vor 50 Jahren, die er gebannt am Radio verfolgt hat. „Wir waren weniger über die Demonstration erstaunt als darüber, dass die Stasi und die Volkspolizei sie nicht unterbunden haben“, erzählt er. Die hätten offenbar vollkommen unterschätzt, welche Ausstrahlungskraft Willy Brandt und die von ihm verkörperten Ideen der Sozialdemokratie auf die Menschen in der DDR hatte. „Die Mehrheit der DDR-Bürger, ich würde vermuten, fast drei Viertel, sympathisierten mit Willy Brandt und seiner Entspannungspolitik.“

Die SED habe zwar aus den Erfahrungen in Erfurt gelernt und die hier so deutlich gewordenen Sehnsüchte vieler Menschen in den folgenden Jahren erfolgreicher unterdrückt, sagt Thierse. Bestes Beispiel waren die gespenstischen Bedingungen, unter denen der Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt 1981 in Güstrow ablief, wo die Staatssicherheit jeglichen Kontakt mit der Bevölkerung unterband.

Dennoch könne man heute aus der Rückschau feststellen: „Hier in Erfurt begann der Weg, der 1989 zur friedlichen Revolution und zur Einheit geführt hat.“ Das gilt sowohl für den spontan gezeigten Freiheitswillen als auch für die in den Gesprächen mit Stoph eingeleitete Verständigungspolitik gegenüber der DDR. Dass die erste und letzte freie Volkskammerwahl dann fast auf den Tag genau 20 Jahre später stattfand, am 18. März 1990, erscheint da nur konsequent.

Erfurt nicht zum letzten Mal bedeutender Ort

In der Geschichte der Sozialdemokratie hat Erfurt schon einmal eine bedeutende Rolle gespielt. Hier fand 1890 ein Parteitag der SPD statt, der das für viele Jahrzehnte wegweisende Erfurter Grundsatzprogramm verabschiedet hat, mit dem die SPD einen erfolgreichen Weg zwischen Marxismus und Realpolitik einschlug, der sie zur Massenpartei werden ließ. Der „Kaisersaal“, in dem die Delegierten tagten, liegt in der Altstadt, nur wenige Schritte von dem Museum entfernt, in dem die Brandt-Ausstellung zu sehen ist.

Wolfgang Thierse hat hier auch gerade noch einmal vorbeigeschaut. Auch wenn in dem Saal an diesem Wochenende eine profane Whisky-Messe stattfindet, ist der Bezug doch unübersehbar in einer Stadt, die gerade wieder so im öffentlichen Interesse stand. Auch wenn der nun mit Mühe wieder zum Ministerpräsidenten gewählte Bodo Ramelow zur Partei die Linke zählt, sind es doch vor allem sozialdemokratische Ideen, für die seine Politik steht.

Die Bilder vom März 1970 in Erfurt waren lange im kollektiven Gedächtnis der politisch interessierten Menschen in beiden deutschen Staaten gespeichert, bis sie von den neueren, noch wirkmächtigeren und emotionaleren Szenen des Mauerfalls 1989 überlagert wurden. Was ist davon heute, 50 Jahre später, noch zu sehen?

Das Gebäude des Erfurter Hofs steht immerhin noch, bestens renoviert und gut in Schuss. Das ist nicht selbstverständlich. Das traditionsreiche Hotel, in dem Generationen von Erfurtern ihre Familienfeste gefeiert haben und das auch in der DDR noch zu den besten im Land zählte, hat die Wende nicht lange überlebt und wurde 1995 nach 120 Jahren endgültig geschlossen. In den folgenden Jahren stand es leer und verfiel zusehends, ein Schandfleck am Entrée der Stadt, Objekt vielfältiger Ideen von Investoren, die alle nichts geworden sind.

Respektvolles Gedenken am Ort des Geschehens

Bevor er zum Abbruch freigegeben wurde, übernahm schließlich 2004 die Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft den weitläufigen Komplex und baute ihn zu einem Geschäftshaus um. Nach einem bizarren Denkmalstreit einigte man sich auf die schlichte, aber umso eindrucksvollere Leuchtschrift mit dem entscheidenden Zitat jenes Tages zur Erinnerung an die Ereignisse vom März 1970.

Von den einst das Hotel schmückenden Restaurants wie „Rendezvous“, „Regina-Bar“ oder „Winzerkeller“ ist einzig das ehemalige „Palastkaffee“ übrig geblieben, das heute den beziehungsreichen Namen „Willy B.“ trägt. Wenn man von Gerichten auf der Speisekarte wie „Willy’s Veggieburger“ oder „WiIly’s Briefbombe“ absieht, ist der Umgang mit dem Namensgeber durchaus respektvoll. An den Wänden sind viele Fotos aus dem Leben Willy Brandts zu sehen, und die Speisekarte ziert ein frühes Zitat aus der Emigrationszeit in Norwegen: „Der Tag wird kommen, an dem der Hass, der im Krieg unvermeidlich scheint, überwunden wird. Einmal muss das Europa Wirklichkeit werden, in dem Europäer leben können.“

Was aber ist mit dem Zimmer 222, aus dem Willy Brandt damals so scheu gewunken hat? Es ist heute ein schlichter Büroraum, in dem nichts an die wenigen Minuten erinnert, in denen hier Geschichte geschrieben wurde. Aber jeden Abend, wenn es dunkel wird, geht das Licht hinter den Fenstern an. Das ist ebenso rührend wie tröstlich.