Ilko-Sascha Kowalczuk, geboren 1967 in Ost-Berlin, ist Projektleiter in der Forschungsabteilung der Stasi-Unterlagenbehörde, dort allerdings gerade wegen eines Buchprojekts beurlaubt, und hat zahlreiche Bücher zur DDR-Geschichte geschrieben. Hier äußert er sich zur Debatte um Siegmar Faust und rechtspopulistische Tendenzen in der Aufarbeitungsszene. Ein Gespräch zum 57. Jahrestag des Mauerbaus.

Herr Kowalczuk, der Mauerbau jährt sich zum 57. Mal. Die Mauer ist länger weg, als sie stand. Was bewegt das in Ihnen?

Ilko-Sascha Kowalczuk: Mauern sollen Eindringlinge abhalten. Die Berliner Mauer nicht: Sie sollte Flucht verhindern. 1989/90 dachte ich, die Zeit der Mauern geht nun zu Ende, sie fallen alle irgendwann. Was für ein Irrtum. Fassungslos allerdings bin ich, weil gerade jene, die am meisten vom Fall der Mauer in Europa profitierten – Ostdeutsche, Polen, Tschechen, Ungarn, Slowaken – am lautesten nach neuen Mauern rufen.

„Das Sagen hatten nun 'Zugereiste'"

Um diesen Mauer-Gedenktag herum gibt es in den einschlägigen Zirkeln eine Debatte über rechtspopulistische Tendenzen in den Initiativen der DDR-Aufarbeitung. Wie gravierend ist das?

Es ist sehr gravierend, weil es in Ostdeutschland eine die Demokratie bedrohende Erscheinung ist. Die Ursachen dafür liegen in der Zeit des Kommunismus und in den 1990er Jahren begründet. Viele haben nach dem großen Aufbruch und den oft unrealistischen Erwartungen 1989/90 schmerzliche Erfahrungen sammeln müssen: Arbeitslosigkeit, sinnlose Umschulungen, Abwanderungen, Ent-Industrialisierung. Das Sagen hatten nun „Zugereiste“. Die soeben noch als Selbstermächtigung empfundene Revolution schlug in Depression um: Schon wieder schienen „Fremde“ über das eigene Wohl und Wehe zu entscheiden. Viele Sachsen, Thüringer oder Mecklenburger empfanden das ähnlich wie Polen, Ungarn, Tschechen oder Slowaken. Die Selbstbefreiung war, so die Wahrnehmung, okkupiert worden.

Und was folgt Ihrer Meinung nach daraus?

Die Wut über angebliche oder tatsächliche Ausgrenzung, Diskriminierung, über fehlende Empathie bis hin zu dem Umstand, dass fremde Eliten, Journalisten, Politiker über die Köpfe hinweg agierten, so die Wahrnehmung, sucht nach Entladung. In der Geschichte war es leider oft so, dass sich diese Wut an Anderen abarbeitet: So ist im 19. Jahrhundert der radikale Antisemitismus entstanden, so stiegen nach dem Ersten Weltkrieg Kommunismus und Nationalsozialismus auf, und so bündelten sich seit den 1990er Jahren Rassismus, Antisemitismus, „Ausländerfeindlichkeit“ von den Rändern der Gesellschaft kommend immer mehr in der Mitte. Wir haben Antisemitismus, Rassismus, Rechtsradikalismus in beachtlichen Teilen der Gesellschaft zu verzeichnen. Deren verlängerter politischer Arm sitzt in Parlamenten. Und das alles spielt sich natürlich auch in Vereinen zur DDR-Aufarbeitung ab. Sie sind Abbilder der Gesellschaft.

Man hat den Eindruck, es sei ein bisschen wie zu DDR-Zeiten: Alle wissen Bescheid. Aber geredet wird nur hinter vorgehaltener Hand.

Dafür gibt es zwei Gründe: Alle kennen sich in der Aufarbeitungsszene, zum Teil sehr gut. Sie sind seit Jahren und Jahrzehnten miteinander vertraut. Es gibt eine gewachsene Loyalität. Viele der Engagierten weisen respekterheischende Biographien vor. Man fürchtet, mit der Kritik an jetzigen Haltungen die dazu gehörigen Biographien zu beschädigen. Hinzu kommt, dass man als Kritiker von Aufarbeitungsinstitutionen schnell in den Verdacht gerät, die DDR zu verharmlosen.

Schon zu DDR-Zeiten sind laut Stasi-Akten bis zu 20 Prozent der Delikte so genannter staatsfeindlicher Hetze auf das Konto von Rechtsextremisten gegangen. Ist das eine Erklärung für das, was heute passiert?

Nur bedingt. Es gibt eine Parallele: Damals wie heute schauen die meisten weg, klatschen heimlich Beifall. Ansonsten muss man in Rechnung stellen, dass die DDR seit fast 30 Jahren Geschichte ist. Man sollte nicht immer alles Unangenehme in der Gegenwart mit der DDR erklären wollen. Das wird langsam albern. Und das erklärt weder die Wahlerfolge der AfD in Bayern oder Schleswig-Holstein noch die positive Resonanz auf Wagenknecht dort.

„Wir mögen die Unangepassten nur auf der Kinoleinwand“

Eine andere Erklärung ist der Anti-Kommunismus, der sozusagen im entgegen gesetzten Extrem landet – und wie im Falle Siegmar Faust auch durch die Ablehnung von einstigen Dissidenten durch viele West-Linke genährt wird.

Antikommunismus ist wie Antifaschismus eine Einstellung, die allen Demokraten immanent sein sollte. Sie meinen, glaube ich, etwas anderes, wenn Sie auf Radikalisierungsmomente ansprechen: Woher kommen diese, die ja nicht vorgetäuscht sind?

Und, woher kommen sie?

Die Nichtanerkennung der Lebensleistung einstiger politischer Häftlinge ist eklatant. Siegmar Faust erlebte das ja schon Jahre vor 1989 im Westen. Und das wiederholte sich dann nach 1989 bei ihm wie bei Zehntausenden anderen. Natürlich bleibt so etwas nicht folgenlos. Da zeigt sich eine unglaubliche Wut, die man ernst nehmen sollte, auch wenn es zu spät ist. Der Westen hofierte nach 1989 Markus Wolf, Gregor Gysi, jetzt die nationale Sozialistin Sahra Wagenknecht – kein ehemaliger politischer Verfolgter hat auch nur ansatzweise die Chance gehabt, sich so dauerhaft in den Medien darstellen zu können. Sie sind nicht quotenträchtig. Wir mögen die Unangepassten nur auf der Kinoleinwand, nicht im Sessel neben uns.

Die Debatte konzentriert sich jetzt auf die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Ihr Direktor Hubertus Knabe hat sich von Faust als Gedenkstättenführer wegen rechtslastiger Äußerungen getrennt und die Zusammenarbeit mit dem Förderverein ausgesetzt, weil es Querelen um dessen Vorsitzenden Jörg Kürschner gibt, der AfD-nahe Artikel in der Jungen Freiheit schreibt. Reicht das?

Nein, natürlich nicht. Ich glaube es auch nicht, wenn ich höre, Knabe arbeite nicht mehr mit Kürschner zusammen. Die wichtigste Berliner Gedenkstätte für die Verbrechen des Kommunismus wird seit Jahr und Tag wie ein Privatverein von Knabe geführt. Alle wissen das, und keiner schreitet ein. Jeder, der Knabe und seine Gedenkstättenpolitik kritisiert, wird als Verharmloser und Stasi-Freund, bestenfalls Diktaturgeschädigter hingestellt. Damit muss endlich Schluss sein. Der jetzt aufgebrochene Streit um den Förderverein ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Arbeit sollte von Experten evaluiert werden. Dann könnte auch endlich die Gedenkstätte mit dem Haus 1 in Lichtenberg zusammengelegt werden.

„Das ist kein Bildungsproblem“

Es fällt auf, dass sich die Stasi-Unterlagenbehörde aus dieser ganzen Debatte völlig raushält.

Sie spielt nach meiner Meinung in der Öffentlichkeit ohnehin keine Rolle mehr. Generell aber fällt auf, dass sich kaum eine Aufarbeitungsinstitution, kaum ein Aufarbeitungsverein in die Debatte um Rechtspopulismus einmischt. Das hängt mit den erwähnten Loyalitäten zusammen und wohl auch damit, dass so mancher politisch dort zu verorten ist. Hinzu kommt, dass das Interesse von vielen, die sich mit der DDR befassen, nicht großartig über diese hinausgeht.

Was ist Ihrer Ansicht nach insgesamt zu tun, um den antitotalitären Konsens, den Jürgen Habermas 1994 gefordert hat, wieder herzustellen?

Der ist nicht zerbrochen, aber Millionen in unserem Land stehen links und rechts von ihm. Ich halte es für wahrscheinlich, dass linke wie rechte totalitäre Ideologien noch mehr an Zugkraft gewinnen. Das ist kein Bildungsproblem, kein Problem der Aufklärung. Gauland oder Wagenknecht sind Bildungsbürger, Höcke ist Geschichtslehrer. Entscheidend scheint die Antwort auf die Frage zu sein, warum sich so viele ihrer Anhänger nicht anerkannt fühlen. Fehlende Anerkennung und damit einhergehende Ausgrenzungs- und Demütigungswahrnehmungen müssten endlich als politische Probleme ernstgenommen werden.